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Tandbergs Fischzug

LADY MACBETH VON MZENSK
(Dmitrij Schostakowitsch)

Besuch am
14. April 2018
(Premiere am 25. Januar 2015)

 

Deutsche Oper Berlin

Dmitrij Schost­a­ko­witschs Oper Lady Macbeth von Mzensk ist von politisch ideolo­gi­schen und sozio-kultu­rellen Analysen derart überlagert, dass es schwer­fällt, sich davon unbeein­flusst jeder neuen Insze­nierung zu nähern. Mit dem Sieg der russi­schen Revolution 1917 empfahl sie sich vielen Intel­lek­tu­ellen und Künstlern in Russland und in Europa als das Land, in dem sich moderne künst­le­rische Ideen verwirk­lichen ließen.

Schost­a­ko­witsch glaubt an eine neue Gesell­schaft und will sie programm-musika­lisch mitge­stalten. Nach seiner ersten avant­gar­dis­tisch ambitio­nierten Oper Die Nase gilt er als vielver­spre­chender Moder­ni­sierer der Oper. Er plant eine Opern­tri­logie, die die Rolle der russi­schen Frau von der Zarenzeit bis in die nachre­vo­lu­tionäre Zeit in den Mittel­punkt stellt. Lady Macbeth von Mzensk ist die erste Oper dieser geplanten Trilogie, die nach dem stali­nis­ti­schen Forma­lis­mus­vorwurf „Chaos statt Musik“ aller­dings auch die letzte bleibt, die Schost­a­ko­witsch überhaupt je kompo­nieren sollte.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das Scheitern des für einen kurzen Moment aufschei­nenden Traumes von einer Gesell­schaft, in der Kunst und Kultur ideolo­giefrei wirken zu können, lässt Schost­a­ko­witsch als gebro­chenen Mann resignieren. Fortan wird er mit seinen sinfo­ni­schen Werken – in denen er neben bekennt­nis­hafter Musik seine inneren Überzeu­gungen metapho­risch versteckt – diesen Spagat als Künstler überleben.

Ole Anders Tandberg, in Norwegen ein seit Jahren anerkannter, auf deutschen Bühnen weithin unbekannter Regisseur, sucht in seiner Insze­nierung von Lady Macbeth von Mzensk von 2014 den ihr wie Sirup anhän­genden Rezep­ti­ons­ballast auszu­blenden. Mit seiner Insze­nierung am Den Norske Opera & Ballett hat er die Opernwelt aufhorchen lassen. Die Deutsche Oper Berlin hat diese in Koope­ration mit Oslo schon ein Jahr später ins Programm genommen. Dass sie jetzt als Wieder­auf­nahme erneut auf dem Programm steht, spricht nach dieser Aufführung unbedingt für sie.

Die Geschichte der mehrfachen Mörderin Katerina nach dem Libretto einer gleich­na­migen Erzählung von Nikolaj Leskow entwi­ckelt Tandberg als ein Psycho­gramm von Schuld und Unschuld. In einem dumpf tristen, verge­wal­ti­gungs­be­reiten Milieu auf dem Fabrikhof des Boris Timofe­je­witsch Ismailow lebt Katerina mit seinem Sohn Sinowij ein freud­loses, langwei­liges und ödes Leben. Eros und Sex kommen nur in ihren Träumen vor. Sinowijs Impotenz scheint verant­wortlich dafür, dass auch nach Jahren, für Boris eine Famili­en­schande, keine Kinder geboren sind. Der Arbeiter Sergej, ein Provinz-Casanova, erspürt Katerinas Sehnsüchte und nutzt sie als kurzzei­tiges eroti­sches Abenteuer. Das Drama von Sehnsucht und Erfüllung versus Enttäu­schung und Selbst­aufgabe nimmt seinen Lauf. Am Ende hat Katerina Schwie­ger­vater und Ehemann ermordet sowie die nächste Sex-Partnerin von Sergej, Sonjetka – von der Mezzo­so­pra­nistin Vasilisa Berzhanskaya erotisch lasziv skizziert – mit sich selbst im Fluss ertränkt.

Tandberg trans­for­miert das Geschehen auf eine Fjord-Insel. Dass er die Arbeiter der Getrei­de­fabrik in Fischer verwandelt, die mit von der Opern­werk­statt perfekt gestal­teten Fisch­at­trappen hantieren, malt kein vorder­gründig skandi­na­vi­sches Kolorit. Maria Gerbers Einheits­kostüme der Fischer und der Fisch­weiber assozi­ieren zusammen mit Erlend Birkelands Bühne, die sich um eine zweiseitig offene Hütte auf einem felsigen Ufer dreht, Katerinas Einsamkeit. Ihr tauben­blauer Anorak zeigt neben der periodisch das Geschehen surreal und verstörend kommen­tie­renden Blaska­pelle in mit Rot durch­wirkten Jacken und Röcken den einzigen Farbpunkt im Schwarzgrau von Menschen und Landschaft. Wenn die Fischer, die als Gefangene zu einem sibiri­schen Gulag unterwegs sind, im letzten Bild auf den Felsen rasten, verschmelzen ihre Körper wesenlos mit den Steinen.

Foto © Marcus Lieberenz

Während Tandberg die männlichen Protago­nisten, Boris, Sinowij und Sergej eher als Karika­turen zeichnet, erscheint die Mörderin Katerina bei ihm als die einzig sympa­thische, sehr mensch­liche  Figur. Schost­a­ko­witschs Musik beschreibt nicht deskriptiv, sondern colla­gierend surreal und absurd. Physische Gewalt, drastische Mordszene und psychische Demüti­gungen formt sie mit klassisch roman­ti­schen Anklängen von Walzer, Marsch, Galopp oder Passa­caglia, die vom Orchester dissonant kommen­tiert durch­brochen werden.

Das Orchester der Deutschen Oper, von General­mu­sik­di­rektor Donald Runnicles im Wechsel von lyrischem Sentiment und martia­li­scher Klang­ma­lerei gefordert, tönt kongenial im Kontext zu Tandbergs inter­pre­ta­to­ri­scher Intention. Der von Jeremy Bines sänge­risch und von Jeanette Langert choreo­gra­fisch mit ausdrucks­voller Spiel­freu­digkeit vorbe­reitete Chor der Deutschen Oper Berlin ist ein wesent­licher Grund­pfeiler von Tandbergs nachhal­tiger Inszenierung.

Die Oper eröffnet ohne Ouvertüre mit einem Arioso der Katerina. Indem sie narrativ direkt in medias res geht, demons­triert Schost­a­ko­witsch, wie er sich eine neue Zukunft vorstellt: Direkt und ohne Rücksicht­nahme auf tradierte Selbstverständlichkeiten.

Für Evelyn Herlitzius ist es wieder eine Gelegenheit, ihren lyrisch schlanken Sopran erzählen zu lassen, der aber auch mezzo­sopran gefärbt, düster, unheimlich raunen kann. Ihr gelingt es überzeugend, die Figur der Katerina nicht auf eine unglück­liche, notorisch aggressive Mörderin per se zu reduzieren, sondern sie als eine in die gesell­schaft­liche Sackgasse Getriebene zu entwi­ckeln. Moralisch schuldig, begleitet von einer ontolo­gi­schen Vagheit von Unschuld, verkörpert Herlitzius‘ Katerina eine Frau, die Schost­a­ko­witsch auf dem Weg zu einem neuen Typ der Frau wähnte.

Mit der Rolle des Schäbigen, vom Charak­ter­tenor Burkhard Ulrich präzis artiku­liert, gibt damit Schost­a­ko­witsch deutliche Hinweise, unter welchen gesell­schaft­lichen Umständen Schuld und Unschuld zu betrachten sind.

Während Thomas Blondelle das Libretto als Sinowij nur wenige Auftritte einräumt und diese vor allem durch schwache russische Sprach­me­lodie auffallen, hat Tandberg mit dem Bassisten Kurt Rydl als Boris und mit Sergey Polyakov als Sergej neben Herlitzius exzel­lente Sänger-Schau­spieler engagiert. Rydl entspricht nicht nur optisch und gestisch dem allgemein evozierten, typischen Bild eines russi­schen Patri­archen. Sein Bass dröhnt so markant kraftvoll, dass man den Eindruck haben kann, auch die toten Fische, die er wie den Ausweis seiner Macht und seines Reichtums mit sich trägt, könne er wieder zum Leben erwecken.

So wie die Fische nicht nur Boris, sondern außer Katerina allen anderen als Objekte von Lust und Gewalt zugleich dienen, bewegt sich Polyakovs Sergej wie ein Casanova-Haifisch. Gestrandet im Arbeiter-Hinterhof, hofft er, durch sexuelle Liebes­dienste aufsteigen zu können. Was Polyakovs Tenor ausdrucks­stark model­liert, wird Sergej wohl nie erreichen.

Er überlebt als einziger das Drama mit ungewissem Ausgang. Surreal disso­nierend, bereitet die Blaska­pelle gemeinsam mit dem Orchester im Graben dem nun weiter in die Verbannung wankenden Sergej einen donnernden Abgang. Großer  Applaus für eine bis in die Neben­rollen musika­lisch und darstel­le­risch einneh­mende Insze­nierung, die Lust auf mehr Tandberg weckt.

Peter E. Rytz

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