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Auch Wäschespinnen machen einen Wald

DIE LUSTIGEN WEIBER VON WINDSOR
(Otto Nicolai)

Besuch am
9. Oktober 2019
(Premiere am 3. Oktober 2019)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Zum Auftakt der neuen Saison bringt die Staatsoper ein Werk, das vor 170 Jahren an diesem Hause urauf­ge­führt wurde, kompo­niert und dirigiert vom damaligen Hofka­pell­meister Otto Nicolai. Nach dem Verdi­schen Falstaff der letzten Saison kommt nun die andere Version der Geschichte vom alternden Ritter Sir John Falstaff, der den Damen nachsteigt.

Regisseur David Bösch siedelt die Handlung in einer klein­bür­ger­lichen Ferien­siedlung an. Zusammen mit dem Bühnen­bildner Patrick Bannwart wird die dazuge­hörige Atmosphäre gebaut – identische Bungalows, Grill­geräte, Wäsche­spinnen, Plastik­möbel. Die Kehrseite der Drehbühne zeigt ein kommu­nales Schwimmbad, an dessen Rand Urlaub­stimmung aufkommen soll, obwohl es meistens von Ballermann-Betrun­kenen umringt ist. Dennoch zaubern Bannwart und Licht­de­signer Michael Bauer in der zweiten Hälfte eine einzig­artige Romantik mit einem übergroßen Vollmond und sich drehende Wäsche­spinnen. Falko Herold entwirft die dazuge­hö­rigen Kostüme – Männer mit weißen Socken, die Damen mit schwin­genden Röcken, in der zweiten Hälfte dann Feen in Nacht­hemden mit kleinen Flügelchen. Alles nett, und doch wünscht man sich etwas mehr.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Falstaff ist ein in die Jahre geratener Rocker, der mit keinerlei Allüren an Eleganz im Arbei­terhemd mit seiner Bierflasche herum­stol­ziert. Er ist selbst eine Parodie und das genaue Gegenteil eines eleganten Gigolos. Dennoch ist er von sich selbst sehr einge­bildet und stolziert den beiden Damen Frau Fluth und Frau Reich nach. René Pape erfüllt diese Anfor­de­rungen genial, obwohl er ein extra volumi­nöses Fettkostüm tragen muss und sicherlich keinen Fitness­wett­bewerb gewinnen wird. Selbst­ver­ständlich erfüllt er die vokalen Anfor­de­rungen mit seinem zivili­sierten Bass – er schnurrt die Partie sozusagen. Michael Volle als der eifer­süchtige Herr Fluth singt kraftvoll und geschmeidig, obwohl sein Charakter auf nichts anderes als die Summe seiner tobenden und schwär­me­ri­schen Teile reduziert ist. Die ständige Androhung von Gewalt gegen seine – echt – schwangere Frau ist kaum, gelinde gesagt, sympa­thisch. Mandy Fredrich ist eine hinrei­ßende Frau Fluth – gefühlvoll, mit strah­lenden, warmen Kolora­tur­höhen und einem gehörigen Sinn für den Humor der diversen Situa­tionen. Das andere Paar ergänzt sie ideal: Mezzo­sopran Michaela Schuster als Frau Reich ist der Inbegriff der tuschelnden Nachbarin, die sich immer überall einmischt und das Leben genießt – ein Glas Sekt am Vormittag während der Pediküre gehört auch dazu. Bass Wilhelm Schwing­hammers als Herr Reich poltert gemütlich in der Gegend herum.

Foto © Monika Rittershaus

Sopran Anna Prohaska ist die Tochter des Hauses Reich. Als puber­tie­rende Punkerin mit Tattoos und zerris­senen Strümpfen passt sie gut zum Fenton von Pavol Breslik, der sich ebenfalls ihr Konterfei auf den Oberarm hat einstechen lassen. Ganz bewusst, dass es sich um eine verbotene Liebe handelt, zitiert Anna seelenvoll aus Romeo und Julia. Stimmlich sind Prohaska und Breslik ein Genuss. Besonders Bresliks Arie Horch, die Lerche singt im Hain ist ein Höhepunkt des Abends. Annas außen­ge­bliebene Verehrer – Dr. Cajus wird von Bariton David Oštrek gespielt und Junker Spärlich von Tenor Linard Vrielink verkörpert – haben es schwer, gegen das junge Paar anzukommen. Bösch löst deren Enttäu­schung kurzer Hand während einer Begegnung, bei der sie feststellen, dass sie eigentlich schwul sind.

Der Staats­opernchor, einstu­diert von Martin Wright, ist zwar darstel­le­risch hinreißend in der zweiten Hälfte als Elfen im Wald, aber musika­lisch scheint die Kommu­ni­kation mit dem Dirigenten nicht so ganz zu klappen.

Daniel Barenboim dirigiert seine Staats­ka­pelle mit leichter und beschwingter Hand, und sie folgt mit geschmei­digen, verfüh­re­ri­schen Strei­chern – einschließlich hervor­ra­gender Solowerke von Konzert­meis­terin Jiyoon Lee – lebhaften Winden und luxuriösem Blech. Es scheint, als ob Dirigent und Orchester sich freuen, mal eine Komödie zu spielen und nicht immer die schweren Dramen.

Die Liebe und Zuneigung, die der Dirigent und das Orchester dem Stück entge­gen­bringen, unter­streicht jedoch nur, was in Böschs Insze­nierung so sehr fehlt – eben eine Leich­tigkeit und nicht die Seifenoper-Plumpheit, die zwar ein flaches Lachen hervor­bringt, aber doch nicht tiefer geht.

Einhel­liger Applaus für die Solisten, Chor und Orchester.

Zenaida des Aubris

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