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Foto © William Minke

Suche nach Harmonie

MELANCHOLIE DES WIDERSTANDS
(Marc-André Dalbavie)

Besuch am
10. Juli 2024
(Premiere am 30. Juni 2024)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Roman­vor­lagen, die von dysto­pi­schen Gesell­schaften handeln und als Grund­lagen für Opern­hand­lungen verwendet werden, sind nichts Neues. Ungewöhnlich aber, wenn dasselbe Werk gleich zweimal innerhalb eines Jahres als Basis für Opern­li­bretti verwendet wird. Im Dezember 2023 ist Valuska, die dreizehnte und letzte Oper des kürzlich verstor­benen ungari­schen Kompo­nisten Péter Eötvös, mit einem ungari­schen Libretto von Keszt­helyi Kinga und Mezei Mari in Budapest urauf­ge­führt worden. Nun hat der franzö­sische Komponist Marc-André Dalbavie eben auch den Roman Die Melan­cholie des Wider­stands von László Kraszn­ahorkai als Vorlage für seine Vertonung verwendet. Der Text, auf franzö­sisch, stammt von Guillaume Métayer. Dazu kommt auch noch die beacht­liche Verfilmung Werck­meister Harmonien von dem Regissuer Béla Tarrs aus dem Jahre 2000. Es scheint, die dysto­pische Geschichte hat einen Nerv unserer Zeit getroffen.

Foto © William Minke

Der Roman handelt von einem unheim­lichen Ereignis in einer ungenannten Klein­stadt. Die Geschichte beginnt mit der Ankunft eines bizarren Zirkus, der einen myste­riösen, riesigen, ausge­stopften Wal zur Schau stellen soll. Man sieht ihn aber nie. Die Besucher sind vorwiegend Fremde und rütteln das verschlafene Städtchen auf, bedrohen es gar und stiften Chaos an.  Die Haupt­fi­guren des Romans sind Valouchka, ein naiver und verträumter junger Mann, der eine besondere Beziehung zur Natur und zum Universum hat, und Angéle Esther, eine herrsch­süchtige Frau, die die Kontrolle über die Stadt übernehmen möchte durch ihre Bürger­initiative „Gekehrtes Heim, Ordnung muss sein“. Ihr genervter Ehemann, der Musik­pro­fessor Georges Esther, hat sich in seine Wohnung zurück­ge­zogen und arbeitet an seiner eigenen Theorie der Musik. Die Handlung des Buches dreht sich um den Zerfall der gesell­schaft­lichen Ordnung und die philo­so­phi­schen Überle­gungen der Figuren über den Zustand der Welt. Der Roman erforscht Themen wie Macht, Chaos und Wider­stand und zeichnet ein düsteres Bild von der mensch­lichen Natur und der modernen Gesellschaft.

Regisseur David Marton erzählt den Stoff als filmische Oper: Ein Bühnen­portal füllender Bildschirm dominiert die Bühne. Davor nur ein Flügel, der von Georges Esther bespielt wird und auf dem er immer wieder versucht, die moderne, tempe­rierte Stimmung rückgängig zu machen. Die Analogie, die Zeit und drohende Apoka­lypse abzuwehren, liegt auf der Hand. Das eigent­liche Bühnenbild von Amber Vanden­hoeck befindet sich hinter dem Bildschirm. Die gesamte Oper wird live, mit subjek­tiver Kamera, hinter der Bühne gefilmt. Nur gelegentlich kommen die Sänger vor dem Bildschirm hervor, um ihre Arien zu singen. Somit kann jede emotionale Regung in Groß- und Nahauf­nahme gezeigt werden, was eine zusätz­liche drama­tische Ebene von den Darstellern verlangt.

Die handge­führten Kameras von Chris Kondek führen den Betrachter in die beklem­menden, klein­bür­ger­lichen, schmut­zigen, engen Gassen des Städt­chens, das hinter dem Bildschirm aufgebaut ist. Besonders die von Nippes überbor­dende Wohnung von Rosi Pflaum, der Mutter von Valouchka, lassen klaus­tro­pho­bische Gefühle entstehen. Kostüm­bild­nerin Pola Kardum akzen­tuiert geradezu die klischee­haften Typen – die graue Menschen­menge, die schnieke Medaillen-besetzte Uniform des Generals, Frau Esthers Verwandlung von der biederen Hausfrau zur Möchtegern-Domina, die artigen Kostümchen von Rosi Pflaum, die adrette Postboten-Uniform von Valouchka.

Foto © William Minke

Der Übergang vom Film zur Oper ist fließend, zumal jede emotionale Regung im Großformat auf der Leinwand gezeigt wird. Regisseur Marton fordert – und bekommt – eine überzeu­gende schau­spie­le­rische Leistung von allen Mitwir­kenden. Allen voran Philippe Jaroussky, der mit seinem konter­te­no­ralen, klaren Timbre eine ideale Besetzung für den etwas einfäl­tigen, aber gutmü­tigen Valouchka ist. Mezzo­sopran Tanja Ariane Baumgartner beweist in der Rolle der Angèle Esther ihre schau­spie­le­ri­schen Fähig­keiten gepaart mit ausdrucks­starker Musika­lität. Sopran Sandrine Piau als Rosi Pflaum ist der Inbegriff einer ängst­lichen und besorgten Mutter; auch sie sehr überzeugend in einen fast ständigen hyste­ri­schen Zustand versetzt. Der sonderbare Musik­pro­fessor Georges Esther wird von Tenor Matthias Klink mit resignierter Würde gespielt, während Bariton Roman Trekel einen besorgten, aber doch auf Profit erpichten Gasthofwirt verkörpert.

Es obliegt Marie Jacquot, die neue Partitur von Marc-André Dalbavie zum Leben zu erwecken. Fein und zart einer­seits, großmächtig und pompös ander­seits führt sie die voll besetzte Staats­ka­pelle. „Musik wohnt immer eine Polyphonie von Bedeu­tungen inne“, sagt Dalbavie über seine Kompo­sition. Das etwa zwei Stunden dauernde Werk wird ohne Pause gespielt, ist in etwa in drei sympho­nische Teile und eine Coda aufge­teilt. Die werden auch von klein­for­ma­tigen Szenen unter­brochen, die zur emotio­nalen Steigerung und Weiter­ent­wicklung der einzelnen Charaktere beitragen. Melodien sind am ehesten in der großor­ches­tralen Verstimmung von Bachs cis-Moll-Fuge aus dem ersten Teil des Wohltem­pe­rierten Klaviers heraus­zu­hören – es ist kein Zufall, dass Herr Esther immer wieder versucht, Zuflucht bei Bach zu finden.

Insgesamt ist es eine Produktion, die gewal­tigen Aufwand an Bühnen‑, Film- und Tontechnik erahnen lässt. Da gelangt die Musik eher ins Hinter­treffen. Dennoch würdigt das Publikum die Sänger und Musiker wärmstens.

Als Randbe­merkung wäre noch hervor­zu­heben, dass die subjektive Kamera­führung der neueste Regie­trend ist. Immer häufiger werden Opern­auf­füh­rungen maßgeblich von dieser Technik geprägt. Manchmal zum Vorteil, oft nur als zusätzlich – störendes – Element.

Zenaida des Aubris

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