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MELANCHOLIE DES WIDERSTANDS
(Marc-André Dalbavie)
Besuch am
10. Juli 2024
(Premiere am 30. Juni 2024)
Romanvorlagen, die von dystopischen Gesellschaften handeln und als Grundlagen für Opernhandlungen verwendet werden, sind nichts Neues. Ungewöhnlich aber, wenn dasselbe Werk gleich zweimal innerhalb eines Jahres als Basis für Opernlibretti verwendet wird. Im Dezember 2023 ist Valuska, die dreizehnte und letzte Oper des kürzlich verstorbenen ungarischen Komponisten Péter Eötvös, mit einem ungarischen Libretto von Keszthelyi Kinga und Mezei Mari in Budapest uraufgeführt worden. Nun hat der französische Komponist Marc-André Dalbavie eben auch den Roman Die Melancholie des Widerstands von László Krasznahorkai als Vorlage für seine Vertonung verwendet. Der Text, auf französisch, stammt von Guillaume Métayer. Dazu kommt auch noch die beachtliche Verfilmung Werckmeister Harmonien von dem Regissuer Béla Tarrs aus dem Jahre 2000. Es scheint, die dystopische Geschichte hat einen Nerv unserer Zeit getroffen.

Der Roman handelt von einem unheimlichen Ereignis in einer ungenannten Kleinstadt. Die Geschichte beginnt mit der Ankunft eines bizarren Zirkus, der einen mysteriösen, riesigen, ausgestopften Wal zur Schau stellen soll. Man sieht ihn aber nie. Die Besucher sind vorwiegend Fremde und rütteln das verschlafene Städtchen auf, bedrohen es gar und stiften Chaos an. Die Hauptfiguren des Romans sind Valouchka, ein naiver und verträumter junger Mann, der eine besondere Beziehung zur Natur und zum Universum hat, und Angéle Esther, eine herrschsüchtige Frau, die die Kontrolle über die Stadt übernehmen möchte durch ihre Bürgerinitiative „Gekehrtes Heim, Ordnung muss sein“. Ihr genervter Ehemann, der Musikprofessor Georges Esther, hat sich in seine Wohnung zurückgezogen und arbeitet an seiner eigenen Theorie der Musik. Die Handlung des Buches dreht sich um den Zerfall der gesellschaftlichen Ordnung und die philosophischen Überlegungen der Figuren über den Zustand der Welt. Der Roman erforscht Themen wie Macht, Chaos und Widerstand und zeichnet ein düsteres Bild von der menschlichen Natur und der modernen Gesellschaft.
Regisseur David Marton erzählt den Stoff als filmische Oper: Ein Bühnenportal füllender Bildschirm dominiert die Bühne. Davor nur ein Flügel, der von Georges Esther bespielt wird und auf dem er immer wieder versucht, die moderne, temperierte Stimmung rückgängig zu machen. Die Analogie, die Zeit und drohende Apokalypse abzuwehren, liegt auf der Hand. Das eigentliche Bühnenbild von Amber Vandenhoeck befindet sich hinter dem Bildschirm. Die gesamte Oper wird live, mit subjektiver Kamera, hinter der Bühne gefilmt. Nur gelegentlich kommen die Sänger vor dem Bildschirm hervor, um ihre Arien zu singen. Somit kann jede emotionale Regung in Groß- und Nahaufnahme gezeigt werden, was eine zusätzliche dramatische Ebene von den Darstellern verlangt.
Die handgeführten Kameras von Chris Kondek führen den Betrachter in die beklemmenden, kleinbürgerlichen, schmutzigen, engen Gassen des Städtchens, das hinter dem Bildschirm aufgebaut ist. Besonders die von Nippes überbordende Wohnung von Rosi Pflaum, der Mutter von Valouchka, lassen klaustrophobische Gefühle entstehen. Kostümbildnerin Pola Kardum akzentuiert geradezu die klischeehaften Typen – die graue Menschenmenge, die schnieke Medaillen-besetzte Uniform des Generals, Frau Esthers Verwandlung von der biederen Hausfrau zur Möchtegern-Domina, die artigen Kostümchen von Rosi Pflaum, die adrette Postboten-Uniform von Valouchka.

Der Übergang vom Film zur Oper ist fließend, zumal jede emotionale Regung im Großformat auf der Leinwand gezeigt wird. Regisseur Marton fordert – und bekommt – eine überzeugende schauspielerische Leistung von allen Mitwirkenden. Allen voran Philippe Jaroussky, der mit seinem kontertenoralen, klaren Timbre eine ideale Besetzung für den etwas einfältigen, aber gutmütigen Valouchka ist. Mezzosopran Tanja Ariane Baumgartner beweist in der Rolle der Angèle Esther ihre schauspielerischen Fähigkeiten gepaart mit ausdrucksstarker Musikalität. Sopran Sandrine Piau als Rosi Pflaum ist der Inbegriff einer ängstlichen und besorgten Mutter; auch sie sehr überzeugend in einen fast ständigen hysterischen Zustand versetzt. Der sonderbare Musikprofessor Georges Esther wird von Tenor Matthias Klink mit resignierter Würde gespielt, während Bariton Roman Trekel einen besorgten, aber doch auf Profit erpichten Gasthofwirt verkörpert.
Es obliegt Marie Jacquot, die neue Partitur von Marc-André Dalbavie zum Leben zu erwecken. Fein und zart einerseits, großmächtig und pompös anderseits führt sie die voll besetzte Staatskapelle. „Musik wohnt immer eine Polyphonie von Bedeutungen inne“, sagt Dalbavie über seine Komposition. Das etwa zwei Stunden dauernde Werk wird ohne Pause gespielt, ist in etwa in drei symphonische Teile und eine Coda aufgeteilt. Die werden auch von kleinformatigen Szenen unterbrochen, die zur emotionalen Steigerung und Weiterentwicklung der einzelnen Charaktere beitragen. Melodien sind am ehesten in der großorchestralen Verstimmung von Bachs cis-Moll-Fuge aus dem ersten Teil des Wohltemperierten Klaviers herauszuhören – es ist kein Zufall, dass Herr Esther immer wieder versucht, Zuflucht bei Bach zu finden.
Insgesamt ist es eine Produktion, die gewaltigen Aufwand an Bühnen‑, Film- und Tontechnik erahnen lässt. Da gelangt die Musik eher ins Hintertreffen. Dennoch würdigt das Publikum die Sänger und Musiker wärmstens.
Als Randbemerkung wäre noch hervorzuheben, dass die subjektive Kameraführung der neueste Regietrend ist. Immer häufiger werden Opernaufführungen maßgeblich von dieser Technik geprägt. Manchmal zum Vorteil, oft nur als zusätzlich – störendes – Element.
Zenaida des Aubris