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MESSIAS
(Georg Friedrich Händel)
Besuch am
21. September 2024
(Premiere)
Schon seit der Uraufführung 1742 gilt der Messias von Georg Friedrich Händel als ein stimm- und sinngewaltiges Werk. Umso mehr, wenn es in einem Flughafen-Hangar gespielt wird, mit über 350 Chormitwirkenden und auf einer über 60 Meter breiten Bühne dramatisch umgesetzt. Die Komische Oper Berlin macht alles außergewöhnlich – wie es in großen beleuchteten Lettern auf der offenen Fläche des Flughafens steht – um relevant zu bleiben.
Opernregisseur Damiano Michieletto stellt die drei Teile des Oratoriums in ungewöhnlicher Gegenüberstellung zueinander. Konventionell ist mit dem ersten Teil die Prophezeiung und Geburt Christi aus dem Alten Testament; der zweite Teil das Leiden, der Tod und die Auferstehung Jesu; im dritten Teil dann die Auferstehung und das ewige Leben. Michieletto setzt eine dramatische Handlung ein, die die wahre Geschichte einer jungen Frau erzählt, die eine Diagnose eines unheilbaren Gehirntumors erhält und die Prognose erhält, nur noch wenige Monaten zu leben. Sie entscheidet sich, den voraussichtlich qualvollen Tod zu vermeiden und selbst zu bestimmen, mit einem ärztlich assistierten Suizid aus dem Leben zu scheiden. Obwohl die Familie die Entscheidung respektiert, wird sie von der Gesellschaft angefeindet. Die Frau bleibt bei ihrer Entscheidung und, von der Familie unterstützt, findet sie Trost, dass ein Lorbeerbaum grünt und Hoffnung auf neues Leben gibt, während sie stirbt.
Michieletto erfindet die Figur der Frau, und die vier Solisten werden ihr Mann, ihre Eltern und die Ärztin.
Ob die Interpretation dem Text gerecht wird, sei dahingestellt. Es ist sicherlich ein sehr aktuelles Thema – siehe die sich weltweit konstant entwickelnden Gesetze auf dem Gebiet des ärztlich assistierten Suizids, die eine Eigenverantwortung für Leben und Tod zulassen. Sehr aktuell hierzu – der Gewinner des Goldenen Löwen bei der diesjährigen Film-Biennale in Venedig Das Zimmer nebenan von Pedro Almodóvar mit Tilda Swinton und Julianne Moore über eben dieses Thema.
Michelietto macht es dem Zuschauer nicht leicht, den Sprung von den alttestamentarischen Texten ins 21. Jahrhundert nachzuvollziehen. Bildgewaltig ist die Inszenierung allemal: Bühnenbildner Paolo Fantin verwendet eine einzige, weiße Fläche, auf der nur minimale Requisiten eingesetzt werden – ein Lorbeerbaum, ein Tisch mit vier Stühlen, das Tomographiegerät und eine Kopiermaschine. Der paradiesische Garten wird von den Chorsängern in Stücken hereingetragen. Dazu die von Kostümbildner Klaus Bruns ausgesuchte farbige, pastellige Allerweltskleidung des Chores und der Statisten, die signalisieren, eine solche Geschichte kann jederzeit, allerorts stattfinden.

So schwer die Regie und das Konzept einzuordnen ist, so einfach ist es auf der musikalischen Seite. In einem Wort: grandios. Die Leistungen der Solisten, des Chores, des Orchesters. Natürlich sind alle Klangkörper in dem Hangar verstärkt, aber die Verstärkung ist so gelungen und ausbalanciert, dass man sie nicht wahrnimmt – ein Bravo dem Sounddesigner Holger Schwark.
Sopran Julia Grüter ist die Ärztin, die mit einem warmen, glasklaren Timbre dramaturgisch die Botin der schlechten Nachrichten ist und Trost spendet, was besonders in ihrer Arie im dritten Teil I know that my Redeemer liveth – eine der emotionalsten und innigsten Arien des gesamten Werks – wo sie von der Auferstehung Christi und der Hoffnung auf das ewige Leben singt. Der Alt von Rachael Wilson ist ergreifend und klagend, was die emotionale Tiefe ihrer Worte hervorhebt. Julian Behr bewältigt die virtuosen Koloraturen der Rolle des Tenors mit Bravour. Tijl Faveyts setzt seinen farbnuancierten Bass souverän ein, besonders im dritten Teil bei The Trumpet Shall Sound, begleitet von einer festlichen Trompete, die der Arie einen erhebenden Moment verleiht.
Messias ist ein Chorwerk par excellence, und in dieser Produktion sind es zehn verschiedene Chöre, die mit dem Chorleiter David Cavelius zusammenarbeiten und dem berühmten Halleluja-Chor im zweiten Teil besondere Brillanz verleihen. Aber nicht nur dort – Händels gekonnte kontrapunktische Struktur verleiht dem Text eine zusätzliche Dimension, indem die musikalischen Linien eine heilende und erlösende Wirkung widerspiegeln. Besonders in den dichten, stillen Harmonien bringt der Chor eine unvergessliche Stimmung hervor.
Das Orchester und Dirigent George Petrou sind mittig auf der Tribüne platziert. Viele strategisch gestellte Monitore verschaffen visuelle Verständigung zwischen den Solisten und dem weitverstreuten Chor auf der breiten Bühne. Messias hat eine relativ schlichte Instrumentierung – Streicher, Oboen, Fagott, Trompeten und Pauken, begleitet von einem Cembalo und einem Continuo – doch jede Instrumentengruppe hat eine klare Funktion. Die Streicher dominieren oft und schaffen eine warme, resonante Klangdecke, während die Holzbläser punktuell zur Verfeinerung eingesetzt werden. Die Einfachheit der Orchestrierung verleiht dem Werk eine Leichtigkeit, die die Schönheit und Klarheit der vokalen Linien unterstreicht. In den großen Chornummern entfaltet Petrou die volle Kraft des Orchesters. Er lässt besonders die Trompeten und Pauken hier eindrucksvoll zur Geltung kommen und verstärkt so die festliche, triumphale Atmosphäre.
Dieser Messias spielt eindeutig auf zwei Ebenen. Beide haben ihre Gültigkeit: Musikalisch strahlt das Ensemble mit Solisten, Chören und Orchester; dramaturgisch zeigt uns Michieletto, wie er sagt, dass es nicht darum gehe, „Angst oder Unbehagen hervorzurufen, sondern dem Publikum den Tod mit einem anderen Bewusstsein näherzubringen.“ Ob ihm das gelingt, ist natürlich eine sehr individuelle Erfahrung. Aber mutig ist es allemal, das Thema vom ärztlich assistierten Suizid anzusprechen und künstlerisch auszudrücken, da er ja so auch einen großen Teil des Publikums – die Mehrzahl über 50 Jahre alt – zum Denken bringt über das eigene Ende und wie man es gestalten will und kann.
Zenaida des Aubris