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Eine Uraufführung ist immer aufregend – ein neues Stück, jungfräulich zu hören, ohne Vorurteile – wie wird es gefallen? Bei der elften Oper von Detlev Glanert, Oceane, hat es gefallen. Hans-Ulrich Treichel hat das Libretto frei nach Oceane von Parceval, dem Romanfragment von Theodor Fontane, geschrieben, der wiederum von seiner sehr unabhängigen Tochter inspiriert war. Heuer, im 200. Geburtsjahr von Fontane, ist das von der Deutschen Oper kommissionierte Werk das Geburtstagsgeschenk an den Dichter.
Oceane ist eine junge Frau, die aus dem Nichts auftaucht, die bürgerlichen Sommergäste eines Badeortes um die Jahrhundertwende aufwühlt, das Herz eines jungen Mannes erobert, dann aber mysteriös wieder im Nichts verschwindet. Sie identifiziert sich mit der Natur, ist still und in sich gekehrt. Ähnliche Figuren gibt es zuhauf in der Literatur – Melisande, Rusalka, Undine, Lorelei, sogar die kleine Meerjungfrau von Hans Christian Andersen. Sie alle haben eine Eigenschaft gemein – sie machen, was sie wollen und nicht, was die bürgerliche Gesellschaft von ihnen erwartet.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Glanert nimmt Rücksicht auf sein Publikum – elegisch geht es in der anderthalbstündigen Oper zu. Seine musikalische Herkunft und Inspirationsquellen verleugnet er nicht – aus der Schmiede von Hans Werner Henze kommend, lässt seine Musik auch Anklänge vom späten Richard Strauss aufflackern. Die Orchestrierung von vielen Passagen ist sehr dicht, der Eindruck von überlagerten Tonschichten entsteht. In seinen Worten: „Oceanes Leitklänge sind ein zerstörter D‑Dur-Akkord und viele Spaltklänge, also nur hohe und niedrige Töne und in der Mitte nichts. Die Figur hat eine Unwucht – während bei ihrem Gegenspieler Martin von Dircksen in der Mitte alles voller Akkorde ist. Man kann hören, dass die beiden einfach nicht kompatibel sind.”
Zusammen mit dem Regisseur Robert Carsen und dem Bühnenbildner Luis F. Carvalho wird eine melancholische Spätsommeratmosphäre gestaltet. Aus der Dunkelheit des Raumes ertönen Klänge und schwellen an. Es ist nicht klar, sind das Stimmen oder Instrumente? Gleichzeitig wird eine übergroße Projektion auf der Leinwand erkennbar – das gebrochene und verdreifachte Bildnis von einer jungen Frau, Oceane. Die Kamera dringt bis in ihre Pupille ein – da öffnet sich eine Meereslandschaft. Der sanfte Wellengang und die Wolken am Himmel, sehr sensibel vom Videokünstler Robert Pflanz zusammengestellt, bleiben den ganzen Abend mehr oder minder präsent. Dorothea Katzer entwirft passend elegante fin-de-siècle-Kostüme für einen mondänen Sommeraufenthalt am Strand. Die melancholische Atmosphäre in schwarzweiß überträgt sich auf die Terrasse eines Strandhotels, wo Madame Luise über die bevorstehende Pleite lamentiert. Da kommt eine scheinbar sehr reiche, unbekannte, junge Frau als Gast gerade recht, zumal sich der begehrte Junggeselle, Martin von Dircksen, sofort in sie verliebt. Aber ihre Unnahbarkeit und später ihr unangepasster freier Tanz, passen nicht in diese Gesellschaft. Zwar kommt es zu einer Doppelverlobung – auch ihre Gesellschaftsdame und Martins Freund verlieben sich, aber dann verschwindet Oceane. Immerhin ist sie gut erzogen und schreibt einen höflichen Abschiedsbrief an den verzweifelten jungen Mann, der über das Meer blickt.

Die Besetzung ist bis in die kleinste Rolle gut durchdacht. Sopran Maria Bengtsson ist eine Idealbesetzung als Oceane – ihr klarer Sopran so kühl und außerirdisch, wie sie auch schön ist. Kein Wunder, dass Nikolai Schukoff als Gutsbesitzer Martin sich auf der Stelle in sie verliebt. Er verkörpert seine Rolle als aufstrebender Macher sehr gut, sein Tenor hat auch in der mittleren Lage viel Präsenz, aber die Höhe ist angestrengt. Sein Freund Albert ist von Bariton Christoph Pohl sympathisch dargestellt. Die junge Gesellschaftsdame Kristina ist von Nicole Haslett mit einer fröhlich-niedlichen Quietschenten-Koloratur gerade richtig besetzt. Grandios als Sängerin und Darstellerin: Mezzo Doris Soffel als Madame Luise, die sich so gerne an das belle Paris erinnert und noch auf ein finanzielles Wunder hofft, um ihr eigenes Grand Hotel wiederherzustellen. Ihr zur Seite der treue Diener Georg, brillant in Stimme und Ausdruck von Bassbariton Stephen Bronk interpretiert. Mit dominantem Bass ist Albert Pesendorfer der biedere Pastor, der sehr viel Wert auf Konventionen legt und kein Verständnis für den freien Geist von Oceane hat.
Donald Runnicles hält das sehr präsente Orchester bestens in Schach, lässt die Farbigkeit der Partitur von Glanert oft überwältigend aufblühen. Der von Jeremy Bines einstudierte Chor ist gut aufeinander abgestimmt und stellt die bürgerliche Gesellschaft mit Überzeugung dar.
Zum Schluss langanhaltender, jubelnder Beifall für alle Teilnehmer, den Komponisten und das Regieteam.
Zenaida des Aubris