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ODYSSEY: DEAD MEN DIE
(Evan Gardner)
Besuch am
30. Januar 2020
(Premiere)
Seit 2013 versteht sich das freie Ensemble Opera Lab Berlin als zeitgenössisches Musiktheater und Labor für Stimme und Interpretation. Geführt wird es vom Komponisten und Produzenten Evan Gardner und seinem Partner, dem Regisseur Michael Höppner. Es ist ein Kernmerkmal des Ensembles, dass alle assoziierten Künstler und Darsteller in sämtlichen performativen Ausdrucksweisen arbeiten. Die Vermittlung von experimenteller Ästhetik mit inhaltlicher Aktualität ist ein primäres Anliegen des Ensembles.
Somit wundert es nicht, dass ein so traditionsreiches Thema wie die Rückkehr des Odysseus in der neuen Produktion als musiktheatralische Megafarce behandelt wird. Auf Grundlage von Homers Odyssee, James Joyces Ulysses und der Penelopiad von Margaret Atwood sowie eigenen Texten und Kompositionen von Evan Gardner und in der Inszenierung von Michael Höppner entfaltet sich das Epos. Zitate aus diesen Werken alternieren mit modernen Marketing-Slogans und sehr aktuellen Äußerungen zu Familienpolitik und Genderdiskursen. Fast zwei Stunden ohne Pause erstreckt sich die Geschichte, allerdings mit Ortwechsel: im Rang des ehemaligen Stummfilmkinos Theater im Delphi spielt sich die erste Hälfte ab. Penelope hat sich damit abgefunden, dass sie Telemachos, Sohn von Odysseus, allein aufgezogen hat und übt sich als frustrierte Kinobesitzerin. Der Sohn ist orientierungslos und verzogen. Er sehnt sich nach einer heilen Familie. Bei einer Vorführung von einem vermeintlichen filmischen Odysseus-Blockbuster, kehrt dieser als verreckter Schauspieler zurück. Statt einer freudigen Wiedervereinigung gibt es gehörig Krach – Penelope hetzt die zombiehaften Sirenen auf ihn, Telemachos weiß nicht, wie er mit seinen Gefühlen umgehen soll und hat hysterische Anfälle. Im Zuge dieser Animositäten wird das Publikum vom Rang in den leeren Hauptsaal des Kinos hinunter geleitet, wo die Handlung an mehreren Spielorten weitergeht. Die maskierten Sirenen sind gleichzeitig Musikanten und griechischer Chor. Ein toter Mann in Hades beweint sein Schicksal auf einem elektronisch präparierten Cello im rosafarbenen Peniskostüm. Auf einer Empore ertönen zwei Sopranstimmen in einem verführerischen Duett. Odysseus wird – in einem schlecht-sitzenden Nacktkostüm samt angenähten Genitalien – von Penelope gefoltert und gepeitscht. Nachdem sich die Protagonisten Mama, Papa und Kind so richtig ausgetobt haben, wird das Happy End bei der Verlesung des Schlusses von Ulysses von James Joyce herbeigeführt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Was sich anfänglich als Theater des Absurden anhört und ansieht, erweist sich auf den zweiten Blick doch als beachtliches Unterfangen für dieses kleine Ensemble, das mit viel Enthusiasmus, aber sehr geringen finanziellen Mitteln arbeitet. Allein der Ablauf, Koordinierung und Synchronisierung von den verschiedenen Spielstätten, die ja unabhängig voneinander agieren, muss positiv bewertet werden. Schrill und bunt und persönlichkeitsgerecht sind die Kostüme von Hanna Rode. Bühnenbildner Martin Miotk hat die zwei Welten mit einer roten Rampe verbunden, die mal als Brücke, mal als Parolenempore benutzt wird. Filmemacher Christian Striboll visualisiert die schwierige Rückkehr des Odysseus als Marsch durch den Sumpf des Lebens.
Sopran Gina May Walter ist die Kinobetreiberin Penelope, die mit komödiantischem Timing ihr Strohwitwendasein beklagt und dann doch als Furie den Rückkehrer bestraft, bevor sie ihn resigniert wieder akzeptiert. Als Sohn der Kinobetreiberin muss Countertenor Georg Bochow erst mal als Ein-Mann-Orchester-mit-Popcorn-Verkäuferfunktion auftreten, erst danach darf er seine Psychosen als halbverwaistes Kind loswerden. Bariton Martin Gerke ist ein wunderbarer schmieriger Komödiant, der sich in der Rolle des Odysseus durch die Jahrtausende geschlagen hat und sich nun einfach dem Vergnügen hingeben will.
Die Komposition von Evan Gardner ist voller punktueller Referenzen an die Musikgeschichte. Zusätzlich zu den präparierten Celloklängen und anderen elektronischen Einspielungen gibt es Klavierzitate aus Gershwins Rhapsodie in Blue sowie aus Alessandro Scarlattis Oper Il Primo Omicido nebst griechischen Chordeklamationen. Die 15 musizierenden Sirenen sind sowohl für den Gesang als auch für das Musizieren zuständig – dafür ist der musikalischen Leitung von Shin-Joo Morgantini und Louis Bona wie auch Evan Gardner für die Elektronik ein großes Lob auszusprechen, da die Ausführenden ihre Beiträge großenteils aus unterschiedlichen Positionen im Saal bringen.
Sehr warmer Applaus für das gesamte Ensemble und die Produktion.
Zenaida des Aubris