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LES PÊCHEURS DE PERLES
(Georges Bizet)
Besuch am
15. April 2018
(Premiere am 24. Juni 2017)
Wer bisher Wim Wenders als Filmemacher, Produzent und Fotograf kennt, kann ihn nun seit letztem Jahr als Opernregisseur an der Staatsoper Berlin erleben. Kein geringerer als Daniel Barenboim selbst habe ihn gefragt, „ob ich nicht Lust hätte, mit ihm zusammen eine Oper zu machen“, antwortet Wenders launig auf eine entsprechende Frage. Wer so prominent gefragt wird, kann sicher nur ebenso lustvoll reagieren wie er.
Auf Georges Bizets frühe Oper Les pêcheurs de perles, zwölf Jahre vor seiner genialen Carmen komponiert, fiel seine auch für Barenboim überraschende Wahl. Für Wenders eine zu Unrecht überhörte Oper – und für Barenboim eine erstaunliche Erinnerung. Er habe die Perlenfischer noch nie dirigiert und sie vor Jahrzehnten nur einmal mit einem damals unbekannten Tenor namens Placido Domingo als Nadir gehört.
Das liest sich wie die Skizze für ein Film-Skript. Wenders Inszenierung nimmt zwar dazu direkt keine Anleihe. Gleichwohl verrät sie die filmische Handschrift des Opernregisseurs Wenders und rekurriert indirekt mit der Tenor-Besetzung des Nadir durch Francesco Demuro auf italienische Kantabilität. Dass sie für Demuro nicht unproblematisch ist, zeigt sein Bemühen, auch wenn es nicht vordergründig kalkuliert sein muss, tenorale Höhen zu erzwingen – mit dem Ergebnis, dass seine Stimme in den dramatischen Höhen mitunter spitz überhöht tönt.
Wenders macht als Opernregisseur das, was ihn als Film-Künstler auszeichnet, eine Geschichte mit bildreichen Sequenzen zu erzählen. Die Perlenfischer-Erzählung nach einem Text von Michel Carré und Eugène Cormon thematisiert den Kampf einer archaischen Kultur um das tägliche Überleben bei den gefährlichen Tauchvorgängen irgendwo im Indischen Ozean. Göttliche Hilfe ist dafür seit Generationen der Garant zum Überleben. Sie wird durch den Gesang einer Priesterin beglaubigt, die sich zur Keuschheit verpflichtet und damit die Götter gnädig stimmt. Die Gemeinschaft der Perlenfischer wird durch ein rigides rituelles Regelwerk, das von einem naiven religiösen Glauben an die Geister geprägt ist, zusammengehalten. Diese eherne Gemeinschaft wird durch eine dramatische Dreiecksgeschichte von Liebe und Verrat, von Treue und Entsagung in ihren Fundamenten erschüttert.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Noch bevor Dirigent Victorien Vanoosten der Staatskapelle Berlin den ersten Einsatz gibt, werden in der Art eines Filmvorspanns auf einer grauen Projektionswand die Namen der Mitwirkenden der Oper eingeblendet. Mit Beginn der Ouvertüre werden sie von filmischen Meereswellensequenzen, die auf eine durchsichtige Folie projiziert werden, abgelöst. Dahinter werden in einer von Olaf Freese dunkel ausgeleuchteten, leeren, von David Regehr gebauten Bühne die Perlenfischer am Strand einer minimalistisch imaginierten Insel sichtbar.
Meereswellen, im Wind sich wiegende Palmen, Wolkenformationen, sternklarer Himmel sowie Nahaufnahmen der Protagonisten, als Video-Überblendungen in Schwarz-Weiß von Donata Wenders und Michael Schackwitz produziert, wechselnd mit von Theaternebel erzeugten Bildern, sind in Wenders Inszenierung wesentliche Elemente seiner filmisch geschulten Bildsprache. Die filmischen Bilder visualisieren kaum mehr als den gesungenen Text. Auf Dauer haftet ihnen ein gewisser Manierismus an.
Dem passen sich auch die Kostüme von Montserrat Casanova an. Die barfüßigen Perlenfischer muten wie hippieske Zivilisationsflüchtlinge an, angeführt von Zurga im zivilen, zeitlosen Mantel. Nadir, wie die Perlenfischer barfüßig, angetan mit orangefarbener, halblanger Hose und überlanger Jacke, wirkt wie ein romantisierender Wiedergänger von Joseph von Eichendorfs Taugenichts.

Ob Wenders mit den Perlenfischern zusammen mit der Staatsoper eine wirkliche Perle der Oper wiederentdeckt hat, bleibt musikalisch bis weit in den dritten Akt unbestimmt. Das Duett Zurgas und Nadirs Lass uns schwören, Freunde zu bleiben im ersten Akt, video-überblendet mit romantisch verklärten, sich im sanften Wind wiegenden Palmen sowie Nahaufnahmen aus der Zeit, als sie beide in Leila verliebt waren und sich gegenseitig schworen, sie für immer zu vergessen, ist der erste dramatische und musikalisch ariose Referenzpunkt. Mit den Arien von Nadir, Leila und Zurga wird offenbar, wie melodisch farbenreich Bizet komponieren kann.
In Nadirs Rezitativ und Romanze Welchen Aufruhr hat durch diese Stimme mein ganzes Sein erfasst? zeigt sich, dass Francesco Demuros Tenor vor allem lyrisch eine kultivierte Wärme und Überzeugungskraft hat, die ihm, wie angesprochen, in den dramatischen Höhen eher fehlt.
Olga Peretyatko-Mariotti lässt mit ihrem ersten, eher beiläufigen Einsatz Das schwör ich! unmittelbar aufhorchen. Im verhaltenen Piano schimmert schon zaghaft ihr feinsilbriger, zauberhaft tirilierender Koloratursopran durch. Leilas Rezitativ und Cavatina im zweiten Akt Hier bin ich nun, allein der Nacht singt sie mit emotionaler Innigkeit, die einem Gefühlsschauer über den Rücken jagt.
Alfredo Dazas italienisch gefärbter Bariton verleiht Zurgas Gesang als Nadirs Freund sowohl lyrischen Melos, wie er andererseits mit temperamentvollem Bass seinen Gerechtigkeitswahn artikuliert. Er verurteilt den Freund erst zum Tode, gibt aber letztlich, von der Dankbarkeit seiner damaligen Rettung durch Leila überwältigt, mit traurig-melancholischem Timbre den Weg für die Liebenden Nadir und Leila frei.
Mit Rezitativ und Arie Der Sturm hat sich beruhigt zu Beginn des dritten Aktes träumt Zurga mit empathischer Innigkeit von der ihm für immer verbotenen Schönheit Leilas. Dazas Bariton malt traurig verklärt im Bewusstsein, durch die rituellen Gerechtigkeitsregeln von seinem eigenen Liebesglück ausgeschlossen zu sein.
Wolfgang Schöne leiht dem Oberpriester Nourabad seinen auf vielen Opernbühnen geschätzten Bassbariton, ohne ihn in seiner Nebenrolle im Libretto solistisch im vollen Umfang auszuloten.
Nachdem zwischen den Arien relativ wenig von Bizets musikdramatischer Gestaltung zu hören ist – von Bizet ist überliefert, dass er seine Oper als ehrenhaften und brillanten Misserfolg kritisch sieht und vielleicht auch deshalb nicht umsonst Grund, weshalb die Oper so selten auf Opernbühnen zu sehen ist – nimmt die Oper mit dem dritten Akt Fahrt auf. Mit Leilas und Zurgas Duett Ein süßer Zauber befällt mich … und wie durch ein Kristall … Himmel!, eingeleitet von der Oboe und von Fernharfen moduliert, lässt Vanoosten die Staatskapelle das Finale im Tutti triumphal laut- und formstark klingen.
Der Staatsopernchor, von seinem Direktor Martin Wright mit differenzierter Klangschärfe vorbereitet und bis dahin Bizets voluminöse Chor-Tableaus schon durchgehend mit spielfreudigem Ausdruck gestaltet, ruft im Finale den Gott Brahma Möge der Wald von unseren Rufen widerhallen! an. Zurga geht geläutert – Ich habe meine Aufgabe erfüllt und mein Versprechen gehalten – ab. Daza setzt mit humanistisch gefärbter Attitüde den Schlusspunkt unter Wenders von poetischen Bildern getragenes Debüt als Opernregisseur.
Großer Beifall für den Chor und die Solisten alle, wobei Olga Peretyatko-Mariotti zurecht besonders applaudiert wird. Dass auch für Vanoosten der Beifall mehr als nur freundlich ausfällt, zollt seinem konzisen Dirigat einer spielfreudigen Staatskapelle einen würdigen Respekt.
Peter E. Rytz