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Im Dschungel der Gefühle

POROS
(Georg Friedrich Händel)

Besuch am
16. März 2019
(Premiere)

 

Komische Oper Berlin

Als Barrie Kosky den inzwi­schen 83-jährigen Meister und ehema­ligen Chefre­gisseur der Komischen Oper, Harry Kupfer, carte blanche gab, sich ein Stück für seine Rückkehr nach 17 Jahren an dieses Haus auszu­suchen, viel seine Wahl gleich auf Poros, re dell’Indie von Georg Friedrich Händel, das 1731 in London zur Urauf­führung kam. Bei dieser selten gespielten Oper hatte Kupfer 1956 in Halle als Regie­as­sistent gearbeitet und seitdem den Wunsch gehegt, sie selbst zu insze­nieren.  Nun hat er Gelegenheit dazu.

Die Handlung basiert auf Pietro Metastasios Inter­pre­tation der Begegnung von Alexander dem Großen mit König Porus in 326 vor Christus. Susanne Felicitas Wolf hat das italie­nische Original in einer neuen deutsch­spra­chigen Nachdichtung erstellt, die sich zwar teilweise etwas schwer­fällig anhört, aber dankes­wer­ter­weise meist klar von den Sängern artiku­liert wird. Kupfer verlegt die Geschichte in die Zeit der briti­schen Kolonia­li­sierung. Sir Alexander ist der edelmütige Eroberer, der die König­reiche von Poros und der schönen Königin Mahamaya besetzt, der die Intrigen aus den eigenen Reihen wie auch die der Eroberten vergibt – Mozarts Titus und Mitridate lassen grüßen. Es geht auch um die eifer­süchtige Natur von König Poros und seine Liebe zu Mahamaya. Er versteht nicht, dass Mahamaya ihren Charme nur aus politi­schen Gründen bei Sir Alexander einsetzt und trotzdem ihre Treue zu Poros hält. Aus diesem Szenario entsteht die Geschichte, die dann doch ein Happy End erfährt – in dieser Insze­nierung mit dem tödlichsten aller Koloni­al­ge­schenke – Waffen und Alkohol.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Bühnen­bildner Hans Schavernoch, ein langjäh­riger Kupfer-Wegge­fährte, hat großfor­matige, feste Elemente wie auch Dschun­gel­pro­jek­tionen – zusammen mit Video­de­signer Thomas Reimer – voller Luftwurzeln entworfen, die einer­seits an exotische Orte, ander­seits an die Verwirrung der Gefühle erinnern.  Im Laufe des Abends wird die Hinter­grund­bo­tanik deutlich ordent­licher. Ein sich langsam-drehender, leicht schräger Podest in Form der indischen Landkarte mit großer Buddha-Figur erlaubt Aktion auf mehreren Ebenen, die auch so auf die psycho­lo­gische Deutungen und Macht­stel­lungen hinweisen. Besonders markant sind die Projek­ti­ons­segel, die bis in den Zuschau­erraum ragen und Fläche für den briti­schen Union Jack bieten und am Ende der Oper auch hinun­ter­ge­fahren werden – ein nicht so subtiler Hinweis auf den bevor­ste­henden Brexit?

Ergänzt wird diese video­lastige Natur­pracht mit den Kostümen von Yan Tax – auch hier deutliche Koloni­al­kos­tü­mierung für die Engländer mit ordent­lichen Khaki­an­zügen und Helmen, rote Pluder­hosen für die Inder und wunder­schöne Sari-Kreationen für die Damen.

Foto © Monika Rittershaus

Das als Opera seria konzi­pierte Werk ist eine Folge von Secco-Rezita­tiven und Da-capo-Arien. Nur am Ende des ersten Aktes und im letzten Akt lässt Händel seine Charaktere ihre Liebe und ihr Leiden herrlich zusam­men­schmelzen. Selbst Cembalist, führt Dirigent Jörg Halubek das Orchester mit großer Sensi­bi­lität, wenn es auch eher bei einem meist gepflegten Mezzo-forte bleibt. Das Orchester ist im Continuo um Theorbe und Barock­gi­tarre ergänzt. Es bleibt beim Filigranen – kontrast­reiche Akzen­tu­ie­rungen und Gefühls­aus­brüche bleiben fern.

Durchweg hervor­ragend homogen ist das Sänger­sextett: Allen voran die feinfühlige und wunder­schön timbrierte Sopran­stimme von Ruzan Mantashyan als Königin Mahamaya, die sie besonders in ihrem Lamento im dritten Akt zum Ausdruck bringt und für die Zukunft aufhorchen lässt. Als Nimbavati, Schwester von Poros, ist Idunnu Münch eine selbst­be­wusste junge Frau, die ihren Weg geht und Leben genießt – mit einer farben­reichen, warmen Mezzo-Lage ausge­stattet. Im Gegensatz zur ursprüng­lichen Besetzung bei Händel, ist Poros hier kein Kastrat, sondern wird vom Bariton Dominik Köninger verkörpert. Singend lässt der sich von einem Lianen-Seil im ersten Akt auf die Bühne hinab und etabliert sogleich seinen kompletten Einsatz von Körper und Stimme für die Rolle. Das bei Poros das Blut zu schnell zu Kopf steigt und er unüberlegt handelt, zeigt Köninger mit Überzeugung. Aber auch stimmlich vermittelt er mit seinem einfühl­samen Bariton alle Gefühls­lagen. Counter­tenor Eric Jurenas gibt die Rolle des gütigen Eroberers Sir Alexander mit Würde und sicherer Intonation. Bass Philipp Meier­höfer ist der Feldherr Gandharta, der mit noblem Bass der treueste aller treuen Freunde von Poros ist und seiner Liebe zu Nimbavati hinge­bungs­vollen Ausdruck verleiht. Bass João Fernandes ist der hölzern verklemmte Intrigant an der Seite von Sir Alexander.

Am Ende des gut dreistün­digen Premie­ren­abends gibt es einhel­ligen Applaus für das gesamte Team, besonders natürlich für Harry Kupfer, der sich jetzt seinen Traum erfüllen konnte.  Aller­dings fragen sich viele in der anschlie­ßenden Premie­ren­feier, warum gerade dieses Stück ihn so faszi­niert hat.

Zenaida des Aubris

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