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PROJECTING [SPACE[
(Meg Stuart)
Besuch am
28. September 2018
(Premiere am 26. September 2018)
Tief im Südosten Berlins und weit weg von den üblichen Spielstätten, genauer in Oberschöneweide, liegen die Reinbeckhallen. Wer noch nie da war, ist beim ersten Eindruck überrascht von der stimmungsvollen Umgebung der ehemaligen Transformatorenfabrik, die sich seit 2014 zu einem Kulturzentrum mit Szenecharakter entwickelt hat. Diesen Ort entdeckte die Choreografin Meg Stuart für ihre Produktion Projecting [Space[, die im vergangenen Jahr bei der Ruhrtriennale uraufgeführt und vom kooperierenden HAU nach Berlin eingeladen wurde. Ihr Raumprojekt beruht auf gegenseitiger Inspiration von bildender und darstellerischer Kunst. Dementsprechend hat der Bühnenbildner Jozef Wouters die Lagerhallen in ein fast mystisches Ambiente verwandelt, das akustisch durch entsprechende Klang- und Soundinstallationen von Vincent Malstaf und Klaus Janek unterstrichen wird.
Der Gang von der Straßenbahn zur Location wirkt bereits wie ein Einstieg zur Performance. Man schlendert an Ateliers vorbei, liest an einer Wand den Spruch „Arbeit ist schön, deshalb immer was für morgen aufheben.“ und erblickt vor sich die Spree. Die Vorstellung beginnt im Freien und anfangs ist man nicht sicher, wer nur zuguckt oder wer zum Ensemble von Meg Stuarts achtköpfiger Company Damaged Gods gehört. Sind es die beiden Frauen mit dem spielenden Hund oder die Gruppe von Jugendlichen, die auf einer Bank am Fluss sitzen? Wohl eher die zwei Radfahrer, die kleine Kunsttücke vorführen und später ein am Ufer liegendes Boot an Land tragen. Und auch der im Kreis fahrende Gabelstapler, die Frau unter der Decke, der Performer auf dem Baumsitz und zwei weitere, die ein Auto mit allerlei Trödel und Flitterkram schmücken.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Tanz | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Choreografie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Tänzer, manche in Jeti-Fellhose oder Silberanzug – die Kostüme von Sofie Durnez greifen archaische und futuristische Elemente auf – leiten die Gäste in einen mit mehrstöckigen offenen Regalen zugestellten Raum. Es ist eng hier und wieder schält sich erst allmählich heraus, wer Profi ist. Dann nämlich, wenn diese von den Pfosten herabturnen oder unter den Bodenbrettern hervorklettern. Paare bilden sich, berühren und umarmen sich, immer auf ruhige und konzentrierte Weise. Dem Spiel der Hände kommt eine wichtige Rolle zu, man tastet sich gegenseitig ab, und wer will, kann dabei mit den Darstellern in Interaktion treten. Unter ihnen ist auch Meg Stuart selbst, die mit gestreckten Armen wie eine richtunggebende Anleiterin durch die Gänge läuft.

Durch eine vernebelte Gasse geht es weiter in eine deutlich größere, luftige Halle, diesmal mit Regalen an den Wänden. Sie bietet so viel Platz für die folgenden Spielszenen, dass man sich entscheiden muss, wohin man guckt: Überall passiert etwas, und die Aktionen laufen parallel ab. Dabei ist Assoziationslust und Fantasie der Zuschauenden gefragt, denn einen roten Faden gibt es nicht. In einer Senke bemalen sich zwei Darsteller mit blauer Farbe, andere gehen durch den Raum und erzeugen durch eine Tröte verfremdete Töne. An einer Wand klebt ein Mann kleine Fetzen an die Wand, während am hinteren Ende vier Performer ein synchrones Bewegungsquartett beginnen. Ein Paar rennt durch den ganzen Saal und versucht, einen Riesenfallschirm zum Fliegen zu bringen. Später sieht man sie abseits in einem Bett liegen und auf eine Wandbedeckung mit Himmelsmotiv – oder ist es Wasser? – schauen. Am Ende findet sich das Kollektiv zu einem stark rhythmisierten Tanz zusammen, der draußen fortgesetzt wird. Dort, im Dunkeln, spendet das Publikum den Künstlern viel Beifall, bevor es sich wieder aufmacht ins Zentrum.
Projecting [Space[ hat im Rahmen der Berlin Art Week, dem herbstlichen Festival für zeitgenössische Kunst, Premiere, passend zum interdisziplinären Charakter des Stückes, das auch ein Gruppenerlebnis ist. Ob es aber die Zeitreise eines Nomadenstamms aus einer fernen Zukunft ins Hier und Heute, wie von Meg Stuart beschrieben, verdeutlicht, sei dahingestellt.
Karin Coper