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Integration des Todes im Leben

REQUIEM POUR L.
(Alain Platel)

Besuch am
19. Januar 2018
(Urauf­führung am 18. Januar 2018)

 

Haus der Berliner Festspiele, Berlin

Jeder Berliner und Berlin-Besucher kennt sie – die grauen Beton-Stelen des Denkmals für die ermor­deten Juden Europas von Peter Eisenman.  Genau dieses Denkmal wurde von Alain Platel als Vorbild für den Entwurf des Bühnen­bildes für sein Requiem pour L benutzt. Hier werden die Stelen als symbo­lische Särge, Podeste und Platt­formen benutzt. Es wird auf ihnen getantzt, muzisiert, gebetet, getrauert, gelacht.

Die Stelen symbo­li­sieren aber hier weit mehr als das Denkmal in Berlin.  Sie stehen für den unabding­baren Tod, der uns alle, früher oder später, ereilt. Und eben dieser Tod wird auf einer bühnen­breiten Projek­ti­ons­fläche im Hinter­grund während der gesamten Vorstellung gezeigt. Ruhig, unauf­geregt, real und unpathe­tisch – „L“ auf Franzö­sisch „elle“ bedeutet sie. Sie liegt auf ihrem Bett, auf einem geblümten Kissen, und es ist – im wörtlichen Sinne – ihre letzte Stunde gekommen. Die Stand­vi­deo­kamera dokumen­tiert die letzten 90 Minuten in Schwarzweiß. Unbewegt, authen­tisch, sehen wir, wie ein letztes Lächeln vorbei­huscht, wie fürsorg­liche Hände sanft ihre Wange streifen, es sind keine medizi­ni­schen Hilfs­mittel zu sehen. Es ist alles sehr friedlich, sehr natürlich. Man würde sich selber so ein sanftes Einschlafen wünschen.

POINTS OF HONOR

Musik
Tanz
Choreo­grafie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Und doch bricht das Video viele Tabus, besonders in westeu­ro­päi­schen Kulturen, die den Tod so gerne in klini­schen, kalten Krankenhaus-Szenarien platzieren, weitab von jeglicher Mensch­lichkeit, als würde man sich die Hände nicht selber „schmutzig machen“ wollen mit diesem Phänomen. Warum eigentlich? Wir werden ja täglich mit grausamen Todes-Szenen in den Nachrichten oder in Krimis gefüttert. Solche Darstel­lungen sollen gesell­schaftlich akzep­tabler sein als ein ruhiges Dahin­scheiden? Es versteht sich von selbst, dass dieses Video mit der Geneh­migung der Sterbenden und der Familie gedreht und gezeigt wird.

Zurück zur Aufführung:  Während im Hinter­grund die Projektion läuft, tummeln sich sechs Sänger und acht Musiker auf und um den Stelen. Der Komponist Fabrizio Cassol, eher in franzö­sisch- als in deutsch­spra­chigen Ländern bekannt, hat Mozarts Requiem als Basis für seine Re-Inter­pre­tation verwendet. Das Resultat ist eine Mischung aus afrika­ni­schen-indischen Rhythmen, auf Akkordeon, elektri­scher Gitarre, Euphonium, Likembe und Schlagzeug, begleitet von sechs jungen Sängern aus Afrika, die alle über eine Ausbildung zu Opern­sängern verfügen. Allen voran ist Nbulumko Mngxekeza mit einem wunderbar ausdrucks­reichen und weichen Sopran zu nennen. Mit dem Counter­tenor Stephen Diaz und Bariton Owen Metsileng singen sie die Requiem-Adapt­a­tionen von Cassol auf Latei­nisch und in mehreren afrika­ni­schen Sprachen. Manchmal versteht man nur Dies Irae oder Lacrimosa, da der Rest, sowohl musika­lisch wie sprachlich, weitab vom Original statt­findet. Das ist als Feststellung, nicht als Kritik zu verstehen. Was geboten wird, hat sicher eine Ethno-Legiti­mation. Immerhin bestätigt es die Univer­sa­lität der musika­li­schen Sprache von Mozart, dass sie sich auch bei diesem Stück durch­setzen kann, wenn sie auch klanglich mit der Origi­nal­un­terlage wenig zu tun hat.

Foto © Chris van der Burght

Alain Platel, seit Jahren als Choreo­graph und Regisseur seiner Compagnie Les Ballets C de la B besonders bei der Ruhrtri­ennale bekannt, stellt sich der Heraus­for­derung, mit Requiem pour L die Rituale vieler Länder, in denen der Vorgang des Sterbens als Teil des Lebens zelebriert wird, und unserer Kultur, wo er immer noch tabui­siert wird, zu vereinen. Gelungen ist dem Choreo­grafen eine Mischung aus Jazz und rhyth­mi­scher Tanz.  Ethno­sound mit viel Gesti­ku­lation der Hände, die auch gleich auf Emotionen schließen lassen sollen. Auf alle Fälle – viel Energie.

Nur zweimal bleibt diese physische Energie aus:  Die letzten Atemzüge der Sterbenden werden vertont, vielleicht auch das ein Tabu-Bruch.  Der Akkordeon-Spieler João Barradas lässt nur noch Luft durch sein Instrument strömen. Kurz danach macht Niels Van Heertum es ebenso auf dem Euphonium. Der Hauch des Lebens strömt aus, fertig. Nur so nimmt der Zuschauer wahr, dass die Sterbende jetzt aus dem Leben geschieden ist. Auf dem Video ist es kaum zu merken, die Augen waren eh zu, jetzt kommt nur noch ein leichtes Abnicken des Kopfes dazu. Danach setzt auf der Bühne ein noch lebhaf­terer Tanz mit Stepp und Stampf ein.

Das Publikum ist größten­teils von der Urauf­führung begeistert, nur vereinzelt hört man Kommentare wie „geschmacklos” und „unwürdig”. Tabus lösen sich eben nicht in Luft auf.

Zenaida des Aubris

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