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Nein, diesmal ist die Komische Oper Berlin nicht der Vorreiter in Sachen Paul Abraham. Seine lange vergessene Operette Roxy und ihr Wunderteam, die jetzt in der Hauptstadt Premiere feiert, war in den letzten Jahren bereits in Dortmund und Augsburg zu sehen. Bei dem Thema kein Wunder. Denn es geht in dem Stück um Fußball und der lockt bekanntermaßen die Massen ins Stadion. Warum also nicht auch ins Theater? Und tatsächlich ist eine ganze Fußballmannschaft samt Kapitän auf der Bühne versammelt. Die Kicker kommen aus Ungarn und haben gerade sensationell das englische Team in London geschlagen. Nun geht es zurück in die Heimat, um dort für das Revanchespiel zu trainieren. Mit dabei ist die englische Fabrikantennichte Roxy, die ihrer geplanten Ehe mit dem ungeliebten Bobby Wilkens entfliehen will. Im Camp treffen die Fußballer auf die Schülerinnen eines Mädchenpensionats. Was natürlich zu geballten amourösen Annäherungen zwischen den Geschlechtern führt. Am Ende siegt nicht nur das ungarische Team, sondern auch die Liebe: Roxy angelt sich den Mannschaftskapitän und zwölf weitere Paare finden zueinander.
Roxy und ihr Wunderteam wurde 1937 in Wien uraufgeführt. Dabei handelte es sich um die deutschsprachige Bearbeitung der Operette 3:1 für die Liebe, die ein Jahr früher in Budapest erfolgreiche Premiere feierte. Dorthin musste Paul Abraham zeitweise emigrieren, nachdem er als jüdischer Künstler von dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland ausgewiesen worden war. Die Wiener Produktion, der sich eine Filmadaption unter dem Titel Die entführte Braut anschloss, konnte noch realisiert werden, wurde aber nach 75 Vorstellungen wegen der politischen Lage eingestellt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Diese Hintergründe sind in Stefan Hubers Inszenierung nur zu erahnen. Der Regisseur lässt Roxy und ihr Wunderteam als überdrehte 1930-er-Jahre-Revue in der Ästhetik einer deutschen Filmoperette spielen. Im Mittelpunkt des Bühnenbilds von Stephan Prattes befindet sich ein drehbarer, vielfältig genutzter Riesenfußball. Mal stellt er die Weltenkugel dar, auf deren Umlaufbahn ein Miniaturzug nach Ungarn fährt, dann ist er die Vorderfront des ungarischen Landhauses und im Finale öffnet er sich als Zuschauertribüne, wo die Choristen zusammengedrängt dem Sieg entgegenfiebern. Huber gelingt eine an Ausstattungslust und Einfallsreichtum nicht geizende Show, zu der die temperamentvolle Choreografie von Danny Costello beiträgt. Dass es nicht zum ganz runden Erfolg wie bei Clivia reicht, liegt daran, dass es bisweilen am Timing hapert. Die Sprechszenen ziehen sich dahin, auch wird mancher Gag überreizt und nutzt sich irgendwann ab. So muss beispielsweise Johannes Dunz, der unverständlicherweise in einer Sprechrolle besetzt ist und nur einmal seinen schönen Tenor erklingen lassen darf, bei jeder Gelegenheit dämlich aufheulen.

Was nichts am Unterhaltungswert ändert. Denn alles dreht sich um Roxy, was gleichbedeutend ist mit: Alles dreht sich um Christoph Marti. Er imitiert perfekt den Typ des süßen blonden Filmmädels und kreiert dabei eine Kunstfigur mit Herz, die nie zur billigen Parodie verkommt. Neben dem quirligen Marti behauptet sich Tobias Bonn als schüchterner, aber stimmstarker Sportkapitän, dem man jederzeit anmerkt, wie hinter seiner Fassade die Gefühle toben. Andreja Schneider hat als strenge Sportlehrerin ihre Schülerinnen fest im Griff und macht dazu aus jeder ihrer weiteren Episodenrollen kabarettreife Porträts. Zu großer Form läuft Jörn-Felix Alt als Torhüter auf, der damit beweist, dass der Operettennachwuchs nicht schläft.
Kai Tietje stürzt sich mit dem Orchester der Komischen Oper voller Elan auf die im Vergleich mit Abrahams Erfolgsoperetten nicht durchweg zündenden Melodien. Ob Foxtrott, schnulziges Liebesduett oder Marsch, ob ungarisch koloriert oder jazzig angespitzt, jede Nummer wird impulsiv angegangen, nur hin und wieder allzu lautstark.
Großer Jubel nach der dreistündigen Aufführung. Nun müssen nur noch die Fußballfans den Weg zu Roxy finden.
Karin Coper