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Unter den 42 Opern und 25 Oratorien, die einer der größten Komponisten des Barocks, Georg Friedrich Händel, geschrieben hat, nimmt Semele einen besonderen Platz ein. Das Werk wurde 1744 von einem bereits älteren Händel geschrieben, nachdem seine Opera seria nicht mehr so erfolgreich war. Das große Novum der Zeit war, dass Semele komplett auf Englisch komponiert wurde und dem Operngenre – im Gegensatz zum steiferen Oratorio – mit Sicherheit am nächsten kam. Intendant Barrie Kosky, der kurzfristig für die erkrankte Regisseurin Laura Scozzi als Regisseur am eigenen Hause eingesprungen ist, legt die Oper im vollen Sinne eines musikdramatischen Werkes an. Er schafft ein sehr weltliches Universum, in dem Götter und Sterbliche die gleichen Emotionen teilen.
Wie bei allen mythologischen Darstellungen ist die Handlung kompliziert: Prinzessin Semele ist die Geliebte des Obergottes Jupiter. Seine eifersüchtige Frau Juno sucht Rache und flüstert Semele, in falscher Verkleidung, zu, dass er sich Semele in seiner wahren Form als Zeugnis seiner Liebe zu ihr zeigen soll – bekanntlich können Götter ja willkürlich ihre Erscheinungsform ändern. Jupiter kann Semele nicht von diesem Gedanken abbringen und erscheint auf ihre Bitte als Blitz. Semele verbrennt. Es gibt noch ein paar Nebenhandlungen, wie Semeles ehemaliger Bräutigam Athamas und ihre Schwester Ino zueinander finden und Juno mit ihren Helfern Iris und Somnus an der Hand, die ihr helfen, die Rache auszuführen.
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Kosky erzählt die Geschichte als Rückblick: Am Anfang sehen wir, wie Semele von ihrem immer noch rauchenden Scheiterhaufen aufersteht und kaum versteht, was ihr gerade passiert ist. Am Ende findet sie sich wieder auf diesem Scheiterhaufen, diesmal bedeckt mit schweren Verbrennungen, und singt ihre letzte, schön melancholische Klage. Die Moral der Geschichte ist, dass man nicht alles haben kann – eine Botschaft des Librettisten William Congreve, die heute genauso wahr ist wie im 18. Jahrhundert.
Die Geschichte entfaltet sich in einer ausgebrannten barocken Halle, geschwärzt und verkohlt vom Blitz, der auch Semele verbrennt. Das von Natacha Le Guen de Kerneizon entworfene Einheitsbühnenbild verbindet barocke Opulenz und monochromatische Einfachheit. Hier werden Kamine zu Tore zwischen der irdischen und der Götterwelt und Spiegeln, die der Eitelkeit dienen. Auch die zeitgenössischen, eleganten Kostüme von Carla Teti erzählen viel über die Persönlichkeit der einzelnen Charaktere: Junos erlesenes, lilafarbenes Satinkleid, zum Beispiel, drückt ihren königlichen Status und ihre eifersüchtige Einstellung aus.

Die Sopranistin Nicole Chevalier wird zu Beginn des Abends als kurzfristig stimmlich indisponiert gemeldet, was sie jedoch nicht davon abhält, sich buchstäblich in die Rolle und die Asche ihres Scheiterhaufens zu werfen um wie ein Phönix daraus aufzusteigen, schwindelerregende Koloraturen mit Leidenschaft zu verzieren. Ihre Rivalin, die Mezzosopranistin Ezgi Kutlu, liefert eine Juno, die den Erfolg ihrer Intrigen und Rache genießt. Tenor Allan Clayton ist ihr etwas unglücklicher Ehemann Jupiter, der einfach nur seinen Spaß haben will und mit genau richtigem barockem Timbre singt. Von den kleineren Rollen verdient die Iris von Soubrette Nora Friedrichs eine Erwähnung als perfekt gesungene, schrille Unschuldige. Countertenor Eric Jurenas meistert die undankbare Rolle des sitzengelassenen Bräutigams Athamas mit Anmut und einigen Zischlauten. Mezzo Katarina Bradic macht das beste aus der etwas blassen Rolle als Semeles jüngere Schwester Ino. Kosky hat Bassbariton Evan Hughes in seiner kleinen Rolle als Somnus, Gott des Schlafes, mit seinem durchtrainierten Modelkörper und seiner samtigen Stimme gut charakterisiert. Der hervorragende Chor, von David Cavelius vorbereitet, wird von Kosky als kommentierender griechischer Chor in die Dramaturgie integriert.
Barockspezialist Konrad Junghänel bringt die Orchestermusiker dazu, in den barocken Klang einzutauchen, als wäre dieses Repertoire ihr täglich Brot. Er entlockt ihnen entwaffnend schöne Pianissimi sowie donnernde Ausbrüche der Verzweiflung. Besondere Erwähnung verdienen die Cello- und Theorbe-Soli von Rebekka Markowski und Thomas Ihlenfeldt.
Am Ende des Abends werden die Künstler‑, Musik- und Kreativteams herzlichst applaudiert. Damit verbucht die Komische Oper einen weiteren Hit.
Zenaida des Aubris