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Der Berliner Wintergarten kann auf eine wechselvolle Geschichte zurückblicken. Ursprünglich gehörte er als palmenbepflanzter Erholungs- und Veranstaltungsraum zum mondänen Central-Hotel, das 1880 an der Friedrichstraße errichtet wurde. 1888 wurde er zum reinen Varieté-Theater umfunktioniert und entwickelte sich bis zur Zerstörung 1944 zu einem der beliebtesten Vergnügungstempel Berlins, in dem bekannte Künstler wie Claire Waldoff oder Otto Reutter auftraten. Nach einem glücklosen Versuch, das traditionsreiche Haus in einem Etablissement an der Kreuzberger Hasenheide wiederzubeleben, gelang 1992 ein Neuanfang nahe der Berliner Philharmonie. An diesem Standort hat er sich, ungeachtet mancher Krisen und wechselnder Betreiber, behauptet und konnte 2017 sein 25jähriges Jubiläum feiern – mit einer Show, die dem Anlass mehr als würdig war: die japanisch inspirierte Revue Sayonara Tokyo bot einen umwerfenden musikalisch-kulturellen Querschnitt durch das Land der Kirschblüte und das in einem Bühnenbild, das vor kunterbunter Fantasie nur so strotzte.
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Die aktuelle Produktion ist nicht ganz so aufwändig und, mit Blick auf das große Publikum, wieder konventioneller konzipiert. Die Show steht unter dem Motto Take it easy und sie wirbt für sich als „Roadtrip to the Roots of Rock & Pop“. Sie stellt sich heraus als Reise durch die amerikanische Populärmusik im Wechsel mit artistischen Darbietungen, die mehr oder weniger Bezug zueinander haben. Die Bühne, in deren Hintergrund die Band platziert ist, ist sparsam ausgestattet, was schnelle und reibungslose Um- und Einbauten der Artistik-Geräte ermöglicht. Optischen Glanz verbreitet vor allem die effektvolle Laserbestrahlung der Lichtregie, während die an der Seite aufgestellte Harley Davidson etwas vom klassischen amerikanischen Autobahn-Gefühl vermittelt. Auf dem Motorrad wird später Melany Chy mit ihrer Handstand-Equilibristik Eindruck machen. So wie sich alle weiteren akrobatischen Nummern des Abends sehen lassen können: ob in der Luft, wie der Strapate Chris Kiliano, am Boden, wie das Duo Dasha & Vadym mit ihrer sinnlichen Tanzakrobatik, oder in einer Zwischenwelt, wie das Duo Niko y Vito mit ihrer synchronen Performance am Schlappseil. Großen Zuspruch erhält besonders das Männerquartett White Gothic mit ihrer Hand auf Hand-Performance. Wobei offen bleibt, was mehr imponiert: die vollendete Körperbeherrschung und Mühelosigkeit der Hebekunststücke oder die stählernen, durchtrainierten Körper der vier Ukrainer.
Was wäre eine Varieté-Show ohne Zauberei? Timothy Trust, der im zweiten Teil mit einer Bauchrednernummer auch für die humoristische Einlage sorgt, verblüfft im ersten zusammen mit seinem weiblichen Medium Diamond Diaz durch die Magie des Gedankenlesens. Danach möchte man zu gerne wissen, wie es Diaz mit verbundenen Augen schafft, Persönliches und Verborgenes der Gäste zu erraten.
Bleibt die Musik, der zweite, gleichgewichtige Part des Abends. Sie baut auf Oldies wie Wild Horses von den Rolling Stones, Bridge over Troubled Water von Simon & Garfunkel oder Wicked Game von Chris Isaak, die immer gut ankommen. Diese Songs und andere mehr bilden die Brücke zwischen den Show-Acts, und sie erfüllen auch in den Cover-Versionen des Vokalquartetts mit Tim Wilhelm, Lead-Sänger der Kultband Münchener Freiheit, an der Spitze die Erwartungen.
Eine ausverkaufte Premiere, ein immer wieder mitklatschendes Publikum und viel Beifall am Ende: Der Wintergarten kann zufrieden sein.
Karin Coper