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Hard to Be Soft – A Belfast Prayer - Foto © Luca Truffarelli

Eine Tanzlegende erwacht zum Leben

TANZ IM AUGUST
(Festival)

Besuch im
August 2019

 

Hebbel am Ufer, Radial­system, Deutsches Theater

Tanzen gehört zum Leben, besonders im August, wenn in Berlin das gleich­namige Festival statt­findet. In drei prall gefüllten Wochen können Begeis­terte zwischen insgesamt 70 Veran­stal­tungen, 31 Produk­tionen an elf Spiel­stätten wählen. Die Retro­spektive, die im Zweijah­res­rhythmus eine prägende Choreo­grafin vorstellt, gilt diesmal der Ameri­ka­nerin Deborah Hay, einer bedeu­tenden Vertre­terin des postmo­dernen Tanzes.

Bei etlichen Publi­kums­for­maten, wie Talks, Einfüh­rungen und Diskus­sionen gibt es die Möglichkeit, den Mitwir­kenden näher­zu­kommen. Sogar Selfie-Sessions für Kinder und Jugend­liche sind vorge­sehen. Nicht zu vergessen die Bibliothek im August im Festi­val­zentrum des HAU 2, in der man in Büchern schmökern kann, die die Tanzschaf­fenden inspi­riert haben oder für wichtig halten.

Das zweite Wochenende beginnt im HAU 2 mit der Deutsch­land­pre­miere von White Dog der Choreo­grafin Latifa Laâbissi. Das Stück führt in einen stili­sierten Urwald, in dem Baumstämme mit daran befes­tigten Lianen und Dschun­gel­ge­räusche exotische Stimmung simulieren. Anfangs sitzen drei Tänze­rinnen und ein Tänzer aus vier Nationen im Kreis und verknüpfen Seile zu Kopfbe­de­ckungen, die später zu Fesseln, Hänge­matten oder Käfigen umgeformt werden. Allmählich gerät das Quartett in Bewegung. Sie fliehen vorein­ander, bekämpfen sich, finden aber auch regel­mäßig wieder zusammen. Ein sich wieder­ho­lender, folklo­ris­ti­scher Gemein­schaftstanz demons­triert ungeachtet aller Unter­schiede, wie die minimalen Abwei­chungen der ansonsten fast identi­schen Kostüme oder die rotbe­malten Fußsohlen von Jessica Batut, die Verbun­denheit dieses Kollektivs. White Dog ist eine Reaktion auf politische Zustände in Frank­reich, sagt Laâbissi, worauf die knall­gelben Seile als mögliches Synonym für die gelben Westen der Protes­tie­renden hinweisen. Mehr noch aber wirkt das Stück wie ein Plädoyer für kultu­relle Vielfalt in einer zunehmend fremden­feind­lichen Gesell­schaft. Nicht umsonst bezeichnet die Choreo­grafin Romain Garys gleich­namige Erzählung White Dog, die den Rassismus anprangert, als Inspirationsquelle.

Isadora Duncan – Foto © Camilla Blake

Ganz ohne Inter­pre­ta­ti­ons­druck kann man sich an der kraft­strot­zenden Perfor­mance Kata erfreuen, mit der die Compagnie par Terre von Anne Nguyen im Radial­system gastiert. Ihre Gruppe, bestehend aus einer Frau und sieben Männern, imagi­niert eine Straßengang, in der die Bezie­hungen unter­ein­ander ausge­lotet werden. Es gibt einen Außen­seiter, Hugo de Vathaire, der das Stück mit einem eindrucks­vollen Solo eröffnet, und ein einziges weibliches Mitglied – Valentine Nagata-Ramos – um deren Aufmerk­samkeit die Jungs buhlen. Sie belauern sich gegen­seitig, verbünden sich, kämpfen gegen­ein­ander und gegen die Außenwelt. Die Anspannung findet ihr Ventil in einer Choreo­grafie aus Break­dance und Kampf­sport­ele­menten, die das Ensemble mit einer Virtuo­sität, die geschmeidig und energe­tisch zugleich ist, ausführt.

Ihr bejubeltes Debüt bei Tanz im August gibt die in Belfast geborene Choreo­grafin Oona Doherty im HAU 1. Sie verar­beitet in der Perfor­mance Hard to Be Soft – A Belfast Prayer ihre Erfah­rungen und Empfin­dungen während der Unruhen in der nordiri­schen Haupt­stadt, die sie als Jugend­liche vor den Friedens­ver­hand­lungen erlebte. Zu einer akusti­schen Kollage aus Stimmen und Geräu­schen, in die sich litur­gische Gesänge mischen, erscheint Doherty, ganz in weiß gekleidet, wie ein gefal­lener Engel. Die herrschende Gewalt findet auch im Kopf der Protago­nistin statt und wird in mal aggres­siven, mal ängst­lichen oder gepei­nigten Bewegungen umgesetzt. Im zweiten und dritten von insgesamt vier Teilen zeigt Doherty erst eine Frauen­truppe – es sind Berliner Laien­dar­stel­le­rinnen – die sich in selbst­be­wussten Posen präsen­tiert, dann als Kontrast zwei schwer­ge­wichtige Männer, angelehnt an Dohertys Vater und Bruder, die ihr schwie­riges Verhältnis in einem Ringkampf austragen. Beide Szenen vermitteln gesell­schaft­liche Zustände aus weiblicher und männlicher Sicht. Am Ende tanzt Oona Doherty, nun in Alltags­kleidung, ein zweites Solo, das gelöster und befreiter wirkt, ganz so, als ob sie ihr Trauma überwunden habe. Ihre emotio­nalen und persön­lichen Reflek­tionen auf ihre Jugend­er­in­ne­rungen treffen genau den Nerv des Publikums, was sich in dem so gut wie selten besuchten anschlie­ßenden Künst­le­rin­nen­ge­spräch widerspiegelt.

Während Doherty in Berlin eine Newco­merin ist, gehört Jérôme Bel zu den renom­mierten Choreo­grafen. Folglich ist das Deutsche Theater, in dem sein neuestes Stück Isadora Duncan urauf­ge­führt wird, an allen drei Abenden restlos gefüllt. Die legendäre Pionierin des Ausdrucks­tanzes, die um 1900 ihre Karriere begann und auf Konven­tionen wenig gab, wird von Bel mit einer berüh­renden Hommage gewürdigt, die seine Reihe von Porträts bedeu­tender Tanzper­sön­lich­keiten fortsetzt. Sie ist ganz schlicht gehalten und doch ein Ereignis. Vor allem wegen Elizabeth Schwartz, die die Duncan mit absoluter Hingabe und Stilbe­wusstsein verkörpert und sich ihr auch optisch mit locker fallenden, griechi­schen Tuniken annähert. Die 69-Jährige studierte bei einer von Duncans Adoptiv­töchtern überlie­ferte Tänze der Mutter ein, von denen sie einige jeweils dreimal aufführt: mit und ohne Musik und erläu­ternden Kommen­taren. Zwischen­durch erzählt Bels Assis­tentin Sheila Atala, die an einem seitlichen Pult sitzt, von wichtigen Momenten in Duncans Leben. Isadora Duncan ist eine so unter­haltsame wie lehrreiche Mixtur aus Tanzge­schichte und Solodar­bie­tungen, in die auch das Publikum mitein­be­zogen wird. Denn wer mutig ist, kann auf der Bühne eines der Stücke miteinstudieren.

Nur wenig Platz benötigen Albert Quesada und Katie Vickers für ihr Duo OneTwo­Th­reeOneTwo, das Quesada gemeinsam mit Zoltán Vakulya kreiert hat.

Es wird im HAU 3 präsen­tiert, wo das Publikum im Rechteck um die Spiel­fläche herum­sitzt. Grundlage ist die Ausein­an­der­setzung mit dem Flamenco, dessen Rhythmus dem Stück den Titel gibt. Mit Folklore hat OneTwo­Th­reeOneTwo freilich nichts zu tun. Sie blitzt nur in der roten Bolero­jacke von Quesado auf. Vielmehr erlebt man eine Dekon­struktion des spani­schen Volks­tanzes in einzelne Splitter aus Formen und Techniken, aus Soli und Duetten, gelegentlich untermalt von tradi­tio­neller Musik. So entsteht ein dichtes Bezie­hungs­ka­lei­doskop mit teils aggres­siven, teils eroti­schen Momenten, das viel Raum für Assozia­tionen bietet.

Karin Coper

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