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Stradella kommt nicht

TI VEDO, TI SENTO, MI PERDO
(Salvatore Sciarrino)

Besuch am
11. Juli 2018
(Premiere am 7. Juli 2018)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Zum letzten Mal lädt die Staatsoper Unter den Linden zu Infektion!, dem Festival für zeitge­nös­si­sches Musik­theater ein. Ab nächste Saison, so gab der neue Intendant Matthias Schulz bekannt, soll die Moderne einen Platz im normalen Spielplan bekommen. Und hat den Worten Taten folgen lassen und gleich zwei Premieren im großen Haus – die Urauf­führung von Beat Furrers Violetter Schnee und eine neue Fassung von Jörg Widmanns Babylon – sowie fünf kleiner dimen­sio­nierte Projekte angesetzt.

Im Zentrum der diesjäh­rigen Ausgabe des Festivals steht Salvatore Sciar­rinos Oper Ti vedo, ti sento, mi perdo, die nach der Mailänder Urauf­führung im November 2017 nun im kopro­du­zie­renden Berlin gezeigt wird. Der italie­nische Komponist stand schon 2014 im Fokus von Infektion! Damals wurden seine Bühnen­werke Lohengrin und Macbeth gezeigt, letzteres in den unfer­tigen Räumen der Staatsoper. 2016 folgte im Schil­ler­theater Sciar­rinos bekann­teste Oper Luci miei traditrici, insze­niert vom damaligen Inten­danten Jürgen Flimm, der nun auch bei Ti vedo, ti sento, mi perdo Regie führt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In Ti vedo, ti sento, mi perdo setzt sich Sciarrino nach Luci miei traditrici ein weiteres Mal mit einem Barock­künstler ausein­ander, formal aber deutlich anders.
Während sich das frühere Stück, das die in einem Doppelmord endende Ehetra­gödie des Kompo­nisten Gesualdo behandelt, auf vier Personen konzen­triert, erfordert die Novität ein großes Ensemble. Der Musiker, um den es diesmal geht, ist der legendäre Alessandro Stradella, dessen Leben von Abenteuern und Amouren bestimmt war. Er wird von einer Theater­truppe erwartet, für deren Aufführung er einen musika­li­schen Beitrag beisteuern soll. Insbe­sondere die Sängerin, der Laura Aikin die Attitüde und vokale Statur einer exaltierten Prima­donna verpasst, wünscht sich seine Anwesenheit, genauso aber auch ein Literat – der Sciarrino-erfahrene Otto Katzameier – und ein Musiker – Charles Workman gibt ihn mit großer Geste. Doch Stradella erscheint nicht und bietet daher Gesprächs­stoff für die Akteure und das Dienst­per­sonal. Die Oper endet mit der Nachricht von Stradellas Ermordung, die von einem jungen Sänger – der Stipendiat David Oštrek fällt mit schönem Tenor auf – verkündet wird.

Foto © Clärchen & Matthias Baus

Jürgen Flimm schöpft szenisch aus dem Vollen. Zu sehen gibt es viel in dem vor Ausstat­tungslust überquel­lenden Bühnenbild von George Tsypin, das kongenial ein Theater im Theater sugge­riert, und auch die histo­ri­sie­renden Kostüme von Ursula Kudrna sind ein wahrer Augen­schmaus. Sehr lebendig und unter­haltsam, nur manchmal ein bisschen zu derb, insze­niert Flimm das Treiben hinter den Kulissen mit Proben­si­tua­tionen und ‑aufre­gungen. Genau­estens getimt sind die Aktionen des Ensembles, an denen die Choreo­grafin Tiziana Colombo ihren Anteil hat. Überall passiert etwas: die Diener­schar tollt herum, Statisten tragen Requi­siten umher, Ballett-Elevinnen tanzen Reigen und es regnet Flitter vom Bühnen­himmel herunter.

Nur stellt sich die Frage, ob dieser Trubel den zarten Klang­ge­spinsten und –splittern Sciar­rinos entspricht. Denn diese Musik ist so fein an dynami­schen Schat­tie­rungen, manchmal sogar bis an der Grenze des Unhör­baren, das ihr Reiz bei zu viel Show Gefahr läuft, verloren zu gehen. Dem Dirigenten Maxime Pascal gelingt es trotzdem eindrücklich, mit dem aus Mitgliedern der Orches­ter­aka­demie, der Opera Lab Berlin und der Staats­ka­pelle – der Großteil ist auf Gastspiel­reise – zusam­men­ge­setzten Orchester die intimen Struk­turen der Partitur heraus­zu­ar­beiten und sänger­freundlich zu begleiten.

Nach der mäßig besuchten Vorstellung gibt es herzlichen Applaus.

Karin Coper

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