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Foto der Premiere © Bernd

Mitten im Leben

LA TRAVIATA
(Giuseppe Verdi)

Besuch am
14. Februar 2018
(Premiere am 19. Dezember 2015)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Und dann ist das wirkliche Leben mit einem Mal im Theater angekommen. Auf der Bühne der Staatsoper Berlin krönt Elsa Dreisig mit jugendlich-frischem Kolora­tur­sopran-Timbre eine sänge­risch und spiele­risch nuancierte Gestaltung ihrer Violetta Valéry: Sie haucht mit Oh Gioja ihr Leben aus. Während Alfredo Germont, sein Vater Giorgio und Annina resignieren – „Sie stirbt!“ – drängt sich eine ältere Dame durch die Parkett­reihe. Kurz vor der Tür bricht sie zusammen. Eine Ärztin eilt zu ihr. Die Dame wird nach draußen getragen.

Giuseppe Verdis La Traviata trium­phiert an diesem Abend in einer schon an Dramatik kaum zu überbie­tenden, glanz­vollen Wieder­auf­nahme. Massimo Zanetti am Pult der Staats­ka­pelle Berlin garan­tiert mit lyrischen Höhen­flügen sowie mit stilsicher und punkt­genau gesetzten Zäsuren ein körper­be­wegtes, selbst­be­geistert mitsin­gendes Dirigat und damit einen wunder­baren Verdi-Klang.

Mit dem harmo­nisch-melan­cho­li­schen Auftakt der Ouvertüre legt Annina, drama­tur­gisch ahnungsvoll auf das Ende deutend, einen weißen Nelken­strauß auf den Souffleur­kasten. Schwarz­ver­hangen öffnet sich derweil im Walzertakt eine von Joanna Piestrzyńska gebaute, düster-dunkle Grabkammer.

Das Bühnen­zentrum wird durch einen riesigen, zerbro­chenen Spiegel dominiert. Aus einem über ihm hängenden, monströs dimen­sio­nierten Sack rinnt Sand. Ein abgestellter Stuhl ragt aus dem pyramidal auf dem Fußboden angestauten Sand wie ein Fanal. Was zusam­men­gehört, wird nicht zusam­men­kommen. Violetta lebt auf Abruf, es bleibt ihr nur noch wenig Zeit.

Hinter dem Spiegel glaubt man zuerst das vergrö­ßerte Röntgenbild eines Kopfes zu sehen. Das entpuppt sich jedoch als eine Skulptur, die aus sechs in weiße Ganzkör­per­anzüge aus durch­sich­tigem Gaze-Stoff gehüllten Figuren gebildet wird. Von Martin Gruber im Wechsel von Bild und Bewegtbild, von tableaux vivants zu video stills choreo­gra­fiert, treten die nymphen­haften Totenkopf-Figuren hinter dem Spiegel hervor. Immer dann, wenn Violetta sich nach Licht sehnt, das Leben anruft, einzelne Wandflächen wie Voids leuchten, bewegen sich die Figuren auf sie zu, umhüllen sie hin und wieder schützend, um sich mit dem Verlö­schen des Lichts erneut hinter den Spiegel zu begeben.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Die bildge­bende Struktur scheint sich die Insze­nierung von Ferdinand Hodlers enigma­ti­schen Bildern des Frühlings und der Vergäng­lichkeit geborgt zu haben. Der Tod ist immer in Reich­weite des Lebens.

Das Leben ein Fest auf Zeit. Ein letztes Mal: Laster, Lust, Vergnügen, alles, was Spaß macht, Genuss verspricht, soll noch einmal möglich sein. Violetta will noch einmal davon naschen. Zanetti lässt es grellbunt knallen.

Zanetti gelingt es dabei durch­gängig, dem Solisten-Ensemble, neben Elsa Dreisig mit ebenso überzeu­gender Bühnen­präsenz Liparit Avetisyan als Alfredo, der zur Spiel­figur eines schein­hei­ligen Famili­en­glücks seines Vaters instru­men­ta­li­siert wird, als auch Alfredo Daza in der Rolle des Giorgio Germont, ebendieses Vaters sowie mit einem agil artiku­lie­renden, von Martin Wright mit spiele­ri­scher Differenz einge­stimmten Staats­opernchor Verdis kontras­tie­rende Kompo­sition mit empathisch zugewandter Unmit­tel­barkeit liebevoll zu umarmen und hörbar zu machen.

Daza, mit der Bitte um Rücksicht aufgrund eines wenige Stunden vor Auffüh­rungs­beginn diagnos­ti­zierten Infekts angekündigt, intoniert mit gestan­dener Bass-Souve­rä­nität. Von einer Indis­po­sition ist nichts zu merken. Nur vereinzelt, insbe­sondere wenn er etwas zu laut intoniert, mutet es an, als wolle er sie dadurch kompensieren.

Foto der Premiere © Bernd Uhlig

Vielmehr steigert sich das schick­sal­hafte Duett mit ihm und Dreisig zu einem sänge­ri­schen Höhepunkt vor der Pause. Giorgio erzwingt mit seiner Berufung auf Gottes Willen Violetta zur doppelt todbrin­genden Einsicht: Ihr neu gewon­nenes Glück in der Liebe zu Alfredo ist nicht nur trüge­risch, sondern wird mit ihrem Verzicht darauf zum ewigen Unglück.

Mit einem Dienst­mädchen-Du markiert Giorgio die Grenz­linie, die sein Glück von ihrem Glück, das als Liebes­glück anders als das sogenannte Famili­en­glück sowieso schnell vergänglich ist und vor Gott nicht bestehen kann, unter­scheidet. La Traviata scheint für immer unumkehrbar.

Für die Wirksamkeit von wechsel­weiser Drohung und dem Appell an eine höhere Vernunft gelingt der Insze­nierung ein eindrucks­volles Bild. Für einen kurzen Moment, als Violetta ermattet, mehr oder weniger Giorgios Wunsch zustimmt, berühren sich Violettas Finger­spitzen schutz­flehend mit denen Giorgios.

In dieser wie in ähnlich apostro­phie­renden Szenen schafft Zanetti mit einem Fernor­chester im Pianissimo mit tiefsinnig verklä­renden Klang­farben Musik von großer Intimität. La Traviatas Abschied durch­klingt den Raum mit tragi­schem Flehen.

Dieter Dorn insze­niert Verdis La Traviata mit einer kammer­spiel­ar­tigen Reduktion auf den Glücks­an­spruch von Violetta und Alfredo sowie dem Beharren von Alfredos Vater auf den höheren Wert eines mit Gott beglau­bigten Famili­en­glücks. Das Glück der einmal Gefal­lenen hat keine Chance in einer Gesell­schaft bürger­licher Scheinmoral.

Violettas resignative Kapitu­lation – „Die Menschen werden mir nie vergeben“ – schöpft letztlich auch keinen Mut aus dem Mantra Glaube, Liebe, Hoffnung. Gleichwohl schlägt sie damit eine überra­schende Brücke über die Straße Unter den Linden ins Maxim-Gorki-Theater. Dort macht sich die entlassene, abgebaute, wohnungslos gewordene Elisabeth in Hakan Savaş Micans Insze­nierung Glaube, Liebe, Hoffnung von Ödön von Horváth zwar immer wieder Mut – ich lass den Kopf nicht hängen – ohne die gesell­schaft­liche Ausgrenzung zu überwinden. Wo Elisabeth bei Horváth  ins Wasser geht, stirbt Violetta in den Armen Alfredos mit der Hoffnung auf Liebes­er­füllung in einem anderen Leben.

Dorn insze­niert im Kontext von Amore e morte, wie die Oper ursprünglich heißen sollte, als Manipu­lation von Frauen durch Männer. Zur Premiere 2015 war noch keine Rede von „#metoo“. Von heute aus gesehen wirkt mancher Unterton der Insze­nierung geradezu hellsichtig. Was zur Zeit Verdis frei von Schuld­ge­fühlen gelebt wurde, ist heute, wenn auch subtiler, verdeckter immer noch weit verbreitet.

Am Ende gibt es großen, aber wohl durch den von vielen bemerkten, abrupten Einbruch der Wirklichkeit in die Aufführung, eher freund­lichen Applaus. Vor dem Eingang kreist das Blaulicht der Rettungs­wagen beim Verlassen des Hauses unübersehbar.

Peter E. Rytz

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