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Foto © Eike Walkenhorst

Glück in drei Teilen

IL TRITTICO
(Giacomo Puccini)

Besuch am
30. September 2023
(Premiere)

 

Deutsche Oper Berlin

Für jeden von uns bedeutet Glück etwas anderes – für den einen ist es, geliebt zu werden, zu wissen, dass es einem geliebten Menschen gut geht, vielleicht sogar ganz profan, Geld zu haben oder das Gefühl Gerech­tigkeit zu erfahren. Die gesamte Palette – und mehr – hat Giacomo Puccini in seinem 1918 urauf­ge­führten Triptychon Il Trittico zusam­men­ge­führt.  Jetzt haben die Regis­seurin Pinar Karabulut und der Dirigent John Fiore eine Neupro­duktion an der Deutschen Oper Berlin heraus­ge­bracht: Knallbunt, überdreht, skurril, abstrakt, aber auch einfühlsam, sensibel und echt komisch. Eine gelungene Mischung aus Komödie, Tragödie und Parodie.

Die Stücke Il Tabarro, Suor Angelica, und Gianni Schicchi sind als Einheit konzi­piert, stehen aber jeweils für sich allein, da sie in Genre, Stimmung und Stil sehr unter­schiedlich sind. Karabulut und ihre Bühnen­bild­nerin Michaela Flück bauen eine abstrakte Welt mit effek­tiver Nutzung der Drehbühne, die mal ein Ufer der Seine, eine Wohnge­mein­schaft in den Bergen oder ein mondänes Schlaf­zimmer hervor­zaubert. Dazu kommen die bunten und sehr einfalls­reichen Kostüme und Perücken von Theresa Vergho und das atmosphä­rische Licht­design von Carsten Rüger. Insgesamt ergibt sich eine surreale, farbige Welt, die – obwohl so unter­schied­liche Geschichten erzählt werden – eine gewisse Einheit ergeben. Das Leben in all seinen Facetten.

Il Tabarro ist ein düsteres Stück, das die tragische Geschichte von unerfüllter Liebe, Eifer­sucht und Verrat erzählt. Michele, der Schiffer auf der Seine, nahe Paris, und seine Frau Giorgetta sind entfremdet. Während Michele nostal­gisch an ihre frühere Leiden­schaft denkt, hat Giorgetta eine Affäre mit Luigi, einem der Arbeiter. Beide Männer lieben Giorgetta, aber während Luigi leiden­schaftlich und ungestüm ist, ist Michele still und nachdenklich. Nachdem Michele von der Affäre erfährt, konfron­tiert er Luigi und ersticht ihn. Michele nimmt Giorgetta schützend unter seinen großen Mantel – den tabarro. Als Andeutung an das nächste Stück, lässt Karabulut Suor Angelica hervor­treten, die den toten Luigi umarmt, in einem Pietà-ähnlichen Bild als Vorbote ihres eigenen Schicksals. Bariton Misha Kiria ist der ruhige, besonnene Michele. Dagegen tritt Jonathan Tetelmann’s Luigi mit leiden­schaft­lichem, durch­drin­gendem Tenor auf. Die Giorgetta von Sopran Carmen Giann­at­tasio wankt zwischen ihrer drögen Realität und einem erhofften mit Liebe erfühlten Leben mit Luigi.

Im zweiten Stück, Suor Angelica, ist eine junge Frau aus noblem Hause nach der Geburt ihres unehe­lichen Sohnes ins Kloster verbannt. Den Sohn sieht sie nie wieder. Bei Karabalut lebt sie nun in einer eher weltlichen, abgeschie­denen Gemeinde, wo zwar über Buße-tun konstant gesungen wird, aber es doch ziemlich fröhlich zugeht.  Kein Kreuz in Sicht, sondern Kopfputz mit Mondsichel, die eher an Schinkels berühmte Königin der Nacht erinnert und auch als Symbol der Rache gilt. Immerhin scheinen einige der anderen Nonnen wegen des gleichen Vergehens wie Angelica hier zu leben, verlus­tieren sich aber mit Späßchen und Garten­arbeit. Endlich erhält Angelica Besuch von ihrer Tante, einer Fürstin, die aber nur Vermö­gens­ver­hält­nisse regeln will. Mezzo­sopran Violetta Urmana gibt eine beein­dru­ckende Figur, eiskalt, den Konven­tionen der Gesell­schaft absolut gehor­chend. Auf Suor Angelicas konstantes Drängen erzählt sie endlich, dass der Sohn gestorben ist. Verzweifelt entschließt sich Angelica, das Leben zu nehmen, und bereitet in einem Ritual ein Gift vor. Nach dessen Einnahme bereut sie es aber sofort und betet um Erlösung. In dieser herzzer­rei­ßenden Schluss­szene entfaltet Mané Galoyan ihre bewun­derns­werte Gabe, den schmalen Grat zwischen Kitsch und Würde zu gehen, ohne larmoyant zu wirken.

Foto © Eike Walkenhorst

Nach der Pause dann Stimmungs­wechsel: Puccini hat die Anekdote des Gianni Schicchi beim Lesen der Göttlichen Komödie von Dante gefunden: Nach dem Tod des reichen Buoso Donati entdeckt seine Familie, dass er sein gesamtes Vermögen einem Kloster vermacht hat. Die Familie beauf­tragt den Parvenü Gianni Schicchi, ihnen zu helfen, ein neues Testament aufzu­setzen. Schicchi warnt sie jedoch, dass die Strafe für solch einen Betrug der Verlust der Hand und die Verbannung ist. Trotzdem drängt die Familie, diesen Plan umzusetzen. Schicchi, in seiner Klugheit, vererbt sich selbst den Großteil des Vermögens und endet mit einem humor­vollen Epilog, in dem er das Publikum um Vergebung für seine Schandtat bittet. Der Schicchi war eine Parade­rolle für viele Baritone – Tito Gobbi, Giuseppe Taddei, Leo Nucci – sie alle haben ihren Spaß mit ihm gehabt.  Hier ist es Misha Kiria, der den lebens­lis­tigen Schicchi überle­bensgroß gestaltet. Seine Tochter, Lauretta, ist von Mané Galoyan als verliebtes und verzo­genes Püppchen darge­stellt – und singt hinreißend die sehr bekannte Arie Oh mio Babino caro. Ihr Angebe­teter, Rinuccio, wird von Andrei Danilov, mit frischem und strah­lendem Tenor darge­stellt. Deutlich Spaß an der Rolle der alternden und raffgie­rigen Zita hat Annika Schlicht.

Pinar Karabulut lässt ihrer Fantasie in dieser Parodie auf die Heuchelei der Menschheit freien Lauf. Die gesamte buckelige Verwandt­schaft des Toten ist einzeln charak­te­ri­siert – ein Kompliment an Perücken­macher und Masken­ab­teilung! Neidgrünes Make-up, der rote Kopf der Empörung, alle sind typisiert – und erinnern stark an eine Inter­pre­tation des Regis­seurs Herbert Fritsch. Nur Lauretta und Rinuccio geben sich als normale, echte Liebende.

Bei der perso­nen­starken Besetzung der Opern ist besonders die Leistung der Sopra­nistin Mané Galoyan hervor­zu­heben, die mit ihrer schau­spie­le­ri­schen und Gesangs­leistung als verzwei­felte Suor Angelica und als lebens­lustige Lauretta zurecht tobenden Applaus erhält.  Ebenso auch ist die Leistung von Mezzo­sopran Annika Schlicht zu werten, die als Schiffs­ar­bei­terfrau La Frugola in Tabarro, Suora Zealtrice in Suor Angelica und als Zita in Gianni Schichi so grund­sätzlich unter­schied­liche Rollen voller Leiden­schaft und Authen­ti­zität gibt. Auch Bariton Misha Kiria beweist seine stimm­liche und schau­spie­le­rische Wandlungs­fä­higkeit vom trägen Michele in Il tabarro bis zum lebens­freu­digen Gianni Schicchi.

Dirigent John Fiore, der kurzfristig für den erkrankten Donald Runnicles einge­sprungen ist, gelingt es, die von Puccini so fein auskom­po­nierten atmosphä­ri­schen Details und die psycho­lo­gi­schen Tiefen der Charaktere hervor­zu­heben. Nie lässt er das Orchester die Sänger übertönen, breitet einen nuancierten Klang­teppich unter ihnen aus. Dieses Stück ist ein nachdrück­liches Beispiel für Puccinis meister­hafte Fähigkeit, Musik und Drama zu verschmelzen. Besonders für die Sterbe­szene von Suor Angelica ist der Einklang mit der Sängerin in ihrer transzen­den­talen Verzweiflung und Hoffnung auf Erlösung eindringlich erhaben.

Am Ende des über dreistün­digen Abends besteht der Eindruck, drei ganz unter­schied­liche Werke erlebt zu haben. Il trittico ist ein prägnantes Beispiel für Puccinis Vielsei­tigkeit als Komponist. Jede der Opern stellt unter­schied­liche emotionale und musika­lische Heraus­for­de­rungen dar, die das Publikum in ganz verschiedene emotionale Welten der mensch­lichen Erfahrung entführen. Das haben Karabulut und Fiore an diesem mit langem und lautem Applaus gekrönten Abend bewiesen.

Zenaida des Aubris

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