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Opern mit unsinniger Handlung ist man gewöhnt – bei Il Viaggio a Reims handelt es sich hingegen um eine Oper fast ohne Handlung: Eine Reisegesellschaft von einigermaßen individuellen Charakteren auf dem Weg zu einer europäischen Krönungsfeierlichkeit landet in einem Hotel in der Provinz und kommt in Ermangelung von Pferden und Karossen nicht weiter. Man ergeht sich in Alltags‑, Liebesbetrachtungen und ‑beziehungen sowie Liedern und Hymnen auf die jeweiligen europäischen Heimatländer der Protagonisten sowie das friedliche Zusammenleben der Nationen. Am Schluss ertönt eine Hymne auf den neugekrönten König Karl X, zu dessen Ehren das Werk komponiert wurde.
Die Oper wurde 1824 zur Krönung des Königs uraufgeführt und erlebte seinerzeit nur vier Aufführungen. Rossini selbst hat das Werk zurückgezogen und wesentliche Teile in nachfolgenden Werken, insbesondere der Oper Le Comte Ory, verwendet. In den 1980-er Jahren wurden Originalmaterialen der Oper wiederentdeckt und in einer neuen kritischen Ausgabe herausgebracht, die auch der herausragenden CD-Aufnahme unter Claudio Abbado aus dem Jahr 1985 zugrunde lag.
Für Regisseur Jan Bosse, seinen Bühnenbildner Stéphane Laimé sowie Kevin Sock für die Lichtgestaltung ist das Hotel ein Sanatorium nicht unähnlich der Situation im Zauberberg. Die Patienten liegen in Krankenhauskleidung in Betten und in Einzelfällen am Tropf. Die Wände sind komplett verspiegelt, wie um die Darstellung der Selbstbezogenheit der Akteure noch weiter zu steigern. Die hintere Spiegelwand wird gelegentlich hochgezogen, um Auftritte zu ermöglichen, vor allem wiederholt auch die Videokunst von Maika Dresenkamp einzuspielen. Die bildlichen Darstellungen vermitteln oft verzerrte visuelle Erscheinungen wie bei Sehstörungen oder in Fieberträumen, in denen reale Gegebenheiten allenfalls schemenhaft wahrgenommen werden und Unsicherheit sowie Angst durch die Auflösung der realen Welt hervorrufen. Der Effekt allgemeiner Verunsicherung wäre allerdings womöglich noch eindrucksvoller bei vermeintlich gesunden Menschen außerhalb einer imaginären Klinik hervorgetreten.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Irrealität wird durch figürliche Vervielfältigung der handelnden Personen weiter gesteigert. Das wird bei der Traumgestalt Corinnas, die über eine imaginäre, glückliche Zukunft singt, besonders stark ausgeprägt, die in der Produktion zeitweise gleich sechsfach gedoubelt wird, im letzten Fall auch durch einen Mann, mehr eine billige Klamotte als ein Effekt, der der Feinsinnigkeit der Musik Rossinis entspräche.
Die Kostüme stammen von Kathrin Plath und schwanken zwischen Klinikkleidung und besonders bunten Ausführungen wie bei Corinna, die in einem aufwändigen Plisséekleid erscheint. Die szenische Umsetzung der von den Protagonisten selbst vorgetragenen nationalen Eigencharakterisierungen wird durch die jeweilige Landesfahne auf der Unterwäsche des Sängers oder der Sängerin begleitet. Durch Abstreifen des Kleidungsstücks wird sodann auf weiteren Unterhöschen die europäische Flagge sichtbar. Großer Publikumserfolg mit Szenenapplaus. An Marthalers wachtraumhafte Kommentierung der aktuellen europäischen Situation in seiner Züricher Aufführung bei der Viaggio darf man angesichts dieses schlichten Entwurfs nicht denken.

Die Personenführung ist wiederholt extrem linkisch, wie zum Beispiel den im Takt der Musik wippenden Hüften der Frauen, dem Begrapschen von weiblichen Brüsten bei instrumentalen Trillern im Orchester und dergleichen. Die Darstellung der Rossinischen Trance aller Darsteller war schon bei Ponnelle in den 1980-er Jahren besser zu sehen. Auch entwickelt die Albernheit der Choreografie beim kollektiven Matratzenwerfen am Ende der siebten Szene weder Sinn für die Feinheit der Musik Rossinis noch für die Entwicklungseffekte der musikalisch-dynamischen Steigerung am Ende dieser speziellen Szene. Die Beispiele könnten fortgesetzt werden.
Die Oper durfte als Krönungsoper einen ganz besonderen Aufwand erfordern, und so scheute sich Rossini nicht, insgesamt zehn gnadenlos schwierige Solopartien zu kreieren, die ein Opernhaus heute nur mit Mühe auf der Bühne vereinen kann. In Berlin wird dieser Anforderung bestens entsprochen.
An erster Stelle zu nennen ist die Corinna der Elena Tsallagova, die mit engelhaftem, tief timbriertem Sopran die belkantischen Bögen mit großem Ausdruck und eindrucksvoll geführter Stimme zu formen vermag. Hulkar Sabirova als Hotel- oder Klinikleiterin Madama Cortese glänzt mit feinnerviger und überaus präziser Stimmführung. Gideon Poppe als Cavaliere Belfiore und David Portillo als Conte de Libenskof erweisen sich als ausdrucksstarke lyrische Tenöre, die ihren angebeteten Damen in kaum zu widerstehender Form gegenübertreten. Anrührend die musikalische und darstellerische Umsetzung des hoffnungslosen Liebhabers Lord Sidney durch Mikheil Kiria, der in seiner großen Arie zartfühlend von der Soloflötistin Anna Garzuly-Wahlgren auf der Bühne begleitet wird. Das Ensemble der großen Solostimmen wird von Siobhan Stagg als Contessa di Folleville und Davide Luciano als Don Profondo glanzvoll abgerundet.
Weiterhin erhalten für weitere Partien nicht weniger als fünfe Stipendiaten diverser Stiftungen der Deutschen Oper Berlin dankbare Auftrittsgelegenheiten: Vasilisa Berzhanskaya, Philipp Jekal, Sam Robers-Smith, Meechot Marrero und Byung Gil Kim, die sich allesamt großartig bewähren und sich nahtlos und mit viel Spielfreude in das Ensemble einfügen.
Das Orchester der Deutschen Oper Berlin brilliert unter der großartigen Leitung von Giacomo Sagripanti. Es ist erstaunlich und bemerkenswert, dass die Umsetzung einer Rossini-Partitur offenbar ein endloses Kaleidoskop an Möglichkeiten beinhaltet. So leicht, durchsichtig schwebend und feinnervig, die Sänger tragend hört man das selten.
Das Publikum feiert alle Sänger schon mehrfach während der Aufführung durch Szenenapplaus und bravi. Jubel am Ende der Aufführung für alle Beteiligten, insbesondere bei Elena Tsallagova und dem Orchester der Deutschen Oper. Die Begeisterung überträgt sich dann auch gleich noch widerspruchslos auf das Leitungsteam dieser nur musikalisch großartigen Produktion.
Achim Dombrowski