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DIE VIER TRÄUME AUS LINCHUAN
(Tang Xianzu)
Besuch am
1. und 2. Dezember 2018
(Einmaliges Gastspiel)
Vorweihnachtsstimmung am ersten Adventswochenende? Fehlanzeige, wenn man sich ins Haus der Berliner Festspiele begibt. Dort gastiert die Shanghai Kunqu Opera Company anlässlich ihres 40-jährigen Jubiläums mit dem vierteiligen Zyklus Die vier Träume aus Linchuan, und der hat nun gar nichts mit Weihnachten zu tun. Hundertfünfzig Minuten dauert ein Teil, einschließlich des Begleitprogramms sind es jeweils zehn Stunden, die man im Festspielhaus verbringen kann, und sie entführen in eine exotische Theaterwelt. Die Berliner Festspiele tun alles dafür, einem diesen fremden Kosmos näher zu bringen. Geboten werden Werkeinführungen, zwei Publikumsgespräche sowie die musikalische Präsentation einiger typischer Instrumente. Nicht zu vergessen die originalen chinesischen Tapas, die in der Vorhalle zu stolzen Preisen serviert werden.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Die Kunqu-Oper existiert seit 600 Jahren und ist die älteste chinesische Musiktheaterform, aus der sich zahlreiche Ableger entwickelten, darunter auch die bekanntere Peking-Oper. Charakteristisch für sie ist die Mixtur aus Musik, Schauspiel, Akrobatik und Pantomime, mehr noch der hochartifizielle Sprechgesang, meistens in hohen Stimmregionen und die genauso künstlich wirkenden Melodien. Dazu gibt es eine Reihe von Rollentypen, deren Ausdruck und Gestik genau festgelegt ist. Im Laufe der Zeit erlebte die Kunqu-Oper durch den gesellschaftlichen und politischen Wandel Höhen und Tiefen, die während der Kulturrevolution kulminierten, als sie wegen mangelnder ideologischer Inhalte verboten wurde. Ihre Ausnahmestellung blieb davon unangetastet und manifestierte sich 2001 durch die Aufnahme in das immaterielle Unesco-Weltkulturerbe. Heute versuchen wieder mehrere Gruppen, die Kunqu-Tradition hochzuhalten.

Eine davon ist die in Berlin mit einem über 50-köpfigen Ensemble gastierende Shanghai Kunqu Opera Company. Sie bringt eine Besonderheit als zweitägiges Gesamtkunstwerk mit: den aus vier thematisch ähnlichen Stücken zusammengesetzten Zyklus Die vier Träume aus Linchuan von Tang Xianzu. Der 1550 geborene chinesische Literat wandte sich ganz der Schriftstellerei zu, nachdem er wegen Aktionen gegen die Korruption seinen Beamtenposten verlor. Die gezeigten Dramen stehen im weitesten Sinne unter dem Motto: Leben ein Traum, Traum ein Leben. In Der Traum von Handan erlebt ein unzufriedener Gelehrter im Schlaf, wie er Karriere macht, in Die purpurne Haarspange muss ein Ehepaar feindliche Kräfte überwinden, in Der Traum unter dem Südzweig träumt sich ein entlassener General in das Reich der Ameisen, wo er zum Premier aufsteigt und in Der Pfingstrosenpavillon begegnet sich ein Liebespaar zunächst im Traum, kommt aber nach allerlei Widrigkeiten auch in der Realität zusammen. Alle diese Werke enthalten märchenhafte oder übernatürliche Elemente, hinter denen sich allgemeingültige Themen und weise Botschaften verbergen.
Wenn der Vorhang aufgeht, ist der erste Eindruck puristisch. Zum Vergleich: Als 2001 im Festspielhaus die fast vollständige Fassung von Der Pfingstrosenpavillon das Berliner Publikum neunzehn Stunden lang verzauberte, schwammen lebende Enten auf einem echten Teich.Diesmal ist die Bühne leer. Die karge Ausstattung, so Regisseur Shen Bin im Gespräch, soll das Publikum anregen, sich mit Fantasie einen eigenen Raum zu schaffen. Folglich besteht die Kulisse nur aus Landschaftsprospekten und einfachen Möbelstücken, die je nach Bedarf heruntergelassen oder hineingeschoben werden. In diesem Ambiente entfalten die Akteure ihre Darstellungskunst. Ihre Kostüme sind prächtig, sie schillern in herrlichsten Farben, sind kunstvoll bestickt, kurzum: Jedes für sich ist eine Augenweide. Das Gestaltungsvokabular der Kunqu-Oper ist vorgeschrieben: Die beiden Stars der Gruppe, Li An und Shen Yili, die zwei der Liebespaare verkörpern, führen diese Schritte, Fingerbewegungen, Blicke, Gesten, die Mimik und das Spiel der Hände in höchster Vollendung aus. Kein Wunder, dass dafür eine achtjährige Ausbildung nötig ist. Zwischen den eher introvertierten Soli und Duetten setzt das famose Ensemble mit rituellen Tänzen, Kampfakrobatik und Maskenaufzügen eindrucksvolle und abwechslungsreiche Kontraste.
Für ein Publikum mit westlichen Hör- und Sehgewohnheiten mag manches am chinesischen Opernstil befremdlich sein. Wohl deshalb bleiben in Berlin nach den Pausen manche Plätze leer. Die meisten aber sind am Ende zwar ein bisschen erschöpft, vor allem aber fasziniert, spenden viel Beifall und gehen mit dem Bewusstsein in die winterliche Nacht, einer andersartigen Kunst ein Stück näher gekommen zu sein.
Karin Coper