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Welcome to Hell: So hieß die Anti-G20-Demonstration, die im vergangenen Jahr in Hamburg in einem Gewaltexzess ausartete. Und so ist auch der Titel von Peter Lunds jüngstem, in der Neuköllner Oper uraufgeführtem Stück, das er mit Studierenden der gegenwärtigen Musicalklasse an der Berliner Universität der Künste entwickelt hat. Der Autor und Regisseur schreckt vor keinem ernsten Sujet zurück, auch wenn man meint, dass es für das Unterhaltungsgenre eigentlich nicht geeignet ist. Ob Unfalltod oder psychische Erkrankung: Mit der ihn auszeichnenden Leichtigkeit werden bei Lund solche Themen zu witzigen Musicals mit Tiefgang. Nun sind es also die Aktionen während des G20-Gipfels.
Im Zentrum der Bühne, die Zoe Agathos eingerichtet hat, steht ein beweglicher Kubus, der sich je nach Schauplatz öffnet oder dreht und mal eine Wohnung, mal eine Bordellfassade oder das Supermarktlager zeigt. Projektionen vom Schanzenviertel flimmern im Hintergrund, später von Krawallen mit Feuerblitzen und Rauchschwaden.
| Musik | ![]() |
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In diesem Ambiente lässt Lund ein Dutzend Personen aufeinandertreffen. Da ist der Polizist Stefan – Alexander Auler – der zunächst das harte Eingreifen gegen die Demonstranten verurteilt, dann aber, vom Autonomen Andi verletzt, selbst nicht mehr davor zurückschreckt. Was zu Problemen mit seiner Freundin Lily führt, einer Medizinstudentin mit syrischen Wurzeln. Da gibt es die taffe Reporterin Kata, gespielt von Anastasia Troska, die den arroganten französischen Politiker Henry – Loïc Damien – interviewt. Der verbirgt seine Homosexualität hinter einer smarten Fassade und lebt sie beim Stricher Jesus aus. Die naive Abiturientin Mina – Tae-Eun Hyun – sucht in Hamburg das Abenteuer und gerät in die Hände eines Zuhälters. Mira Keller als Bloggerin Sabine nimmt nur noch über Posts an der Umwelt teil, weil sie ihre Wohnung wegen Angstzuständen nicht verlässt. Und die Kassiererin Krissy, verkörpert von Andrea Wesenberg, hat wenig Verständnis für die Plünderungen des Ladens, weil sie deswegen Ärger mit dem Chef bekommen wird.

Lund zeigt eine bunt gewürfelte Gesellschaft quer durch alle Schichten, in der so ziemlich jede Lebensart samt biografischem Hintergrund abgedeckt wird – und die sexuelle Orientierung dazu. Denn Welcome to hell bezieht sich nicht nur auf die Demonstration, sondern auch darauf, dass in jedem von uns ein Stück Abgrund steckt.
In der Premiere muss die Partie der Lily kurzfristig umbesetzt werden, und auch die Probenzeit war durch viele Krankheitsausfälle beeinträchtigt, wie Lund vor Beginn ansagt. Das merkt man in keinem Moment. Denn die zwölf jungen Darsteller, auch die eingesprungene Sophia Euskirchen, stürzen sich mit ungebrochener Vitalität in ihre typgerechten Rollen. Und sie tanzen bravourös. Überhaupt sind in diesem Musical die tänzerischen Elemente besonders stark. Neva Howard nutzt die Chance für furiose Choreografien in verschiedensten Formationen, etwa für einen Paso Doble, der in der fulminanten Ausführung durch Pablo Martinez zu einem Höhepunkt des Abends wird.
Nicht zuletzt meistern die Performer die sängerischen Anforderungen mit Bravour. Denn die sind nicht unbeträchtlich. Weil Michael von der Nahmer, der erstmals mit Peter Lund für ein Musical zusammenarbeitet, eine eigenwillige Synthese aus fetzigen Ohrwürmern und anspruchsvoller Avantgarde komponiert hat. Da gibt es beispielsweise ein erotisches Liebesduo à la Je t‘aime oder ein Duett über die Macht von Wirtschaft und Staatsgewalt in Kurt-Weill-Manier, immer wieder aber auch kühne Gesangslinien. Auch die Instrumentalbesetzung ist ungewöhnlich: vier Streicher, Percussion und zwei Keyboards, geleitet von Hans-Peter Kirchberg, erzeugen einen raffinierten Sound.
Begeisterung nach der ausverkauften Uraufführung. Und auch für die kommenden Vorstellungen gibt es kaum noch Karten.
Karin Coper