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WOLFSKINDER
(Ulrike Schwab)
Besuch am
2. Februar 2018
(Premiere am 25. Januar 2018)
Die Neuköllner Oper Berlin, die in dieser Saison ihr 40-jähriges Jubiläum feiert, verfolgt in ihrer Spielplangestaltung mehrere Stränge. Einer von ihnen gilt Repertoireopern, die auf ihre Aktualität hin neu befragt und in verknappter Form den Gegebenheiten der kleinen Bühne angepasst werden. Die neueste Produktion in dieser Reihe, in der auch solch theatralische Schwergewichte wie Elektra, Aida oder Tosca gestemmt wurden, befasst sich mit Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck.
Regisseurin Ulrike Schwab versetzt die Märchenoper in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und verknüpft sie mit dem Schicksal der so genannten Wolfskinder, die nach 1945 auf sich allein gestellt aus Ostpreußen nach Litauen flüchteten. Was zu Hänsel und Gretel ausgesprochen gut passt, geht es ja im Stück um zwei Kinder, die von den Eltern in den Wald geschickt werden. Der Ablauf der Musiknummern folgt dem Original: Hexenritt, Tau- und Sandmännchen und verklärendes Finale, alles kommt vor, allerdings gekürzt und fragmentiert. Eine zusammenhängende Geschichte zeigt Ulrike Schwab nicht. Sie nimmt die Oper als Basis für ein vielschichtiges, neunzigminütiges Musiktheater über Flucht, Einsamkeit, Trennung und Selbstbehauptung unter widrigen Umständen.
| Musik | ![]() |
| Gesang | ![]() |
| Regie | ![]() |
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| Publikum | ![]() |
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Zu Beginn ist es dunkel. Schemenhaft wird ein bürgerlich eingerichtetes Zimmer sichtbar, ausgestattet mit Klavier, schönen Möbeln, Teppich und Grammophon. Als ob eine historische Platte aufgelegt werden würde, erklingt nun die Ouvertüre im vollen Orchesterklang, aber von Knacken und Knistern durchsetzt, in die sich zum Ende hin Bomben- und Kriegsgeräusche mischen. Als es heller wird, erkennt man sieben junge Frauen, im Stil der 1930-er und 40-er Jahre gekleidet, die nacheinander aus Verstecken hervorkommen. Eine beginnt zart Suse, liebe Suse zu singen, eine zweite setzt sich ans Klavier. Erinnerungen an heile Kinderzeiten werden wach, die vertrauten Lieder verdrängen für kurze Zeit Hunger und Furcht. Doch immer wieder bricht die Realität ein, werden die Mädchen von Angst und Hoffnungslosigkeit überwältigt. Zum Schluss schichten sie das Mobiliar aufeinander und legen sich, aneinander kauernd, auf die obere Fläche schlafen, während aus dem Off Berichte von Vertriebenen eingespielt werden.

Schwab und ihre Dramaturgin Marion Meyer haben eine feinsinnige Collage mit stimmungsvollen Bildern und Spielszenen zum Thema Kinderflucht kreiert, zu deren Atmosphäre das Bühnenbild und die Kostüme von Rebekka Dornhege Reyes kongenial beitragen. Dennoch stellt sich mitunter eine gewisse Gleichförmigkeit ein, weil das Stück auf einen erzählerischen Spannungsbogen verzichtet und die Figuren wenig individuell angelegt sind.
Die sieben Darstellerinnen muss man alle nennen: Angela Braun, Isabelle Klemt, Maja Lange, Ildiko Ludwig, Marine Madelin, Laura Esterina Pezzoli und Amélie Saadia verkörpern die verstörten jungen Frauen mit bemerkenswerter Glaubwürdigkeit. Mehr noch. Zusammen bilden sie auch das kleine Orchester, in dem jede von ihnen zu einem oder sogar mehreren Instrumenten greift. Dabei bietet das äußerst fantasievolle Arrangement von Tobias Schwencke und Markus Syperek eine große Bandbreite an musikalischen Formen, die vom klavierbegleiteten Gesangssolo über Instrumentaleinlagen bis zum A‑capella-Septett reicht.
Alle angesetzten Aufführungen sind ausverkauft, Zusatzvorstellungen geplant. Die Neuköllner Oper hat sich und dem Publikum mit Wolfskinder ein schönes Geschenk zum runden Geburtstag beschert. Mit dem sicher gewollten Nebeneffekt, dass das bisher in Deutschland vernachlässigte Geschichtskapitel mehr Aufmerksamkeit erhält. Das Gespräch mit einer Zeitzeugin im Anschluss an die besuchte Vorstellung leistet dazu einen weiteren Beitrag.
Karin Coper