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Für den norwegischen Regisseur Ole Anders Tandberg ist Wozzeck überall und heute. Auf der Einheitsbühne von Erlend Birkeland blickt der Zuschauer in eine Bar, die in einem Park in der Nähe des Königlichen Schlosses in Oslo liegt. Hier erlebt er beispielsweise die Feierlichkeiten des norwegischen Unabhängigkeitstages am 17. Mai mit dem Aufmarsch von Fähnchen schwenkenden Kindern und Passanten. Hier sieht er Soldaten und Kadetten der Palastgarde oder anderer Truppenteile, einschließlich des Tambourmajors. Die Natur erscheint verbannt in wechselnde Kulissenbilder außerhalb des strengen Raumes, eindrucksvoll ausgeleuchtet durch die Lichtregie von Ellen Ruge und die Videokunst von Robert Pflanz. Gleichwohl scheint das Frühlingserwachen alle Beteiligten zu durchdringen und zu unkontrollierbaren Wesen zu machen.
In diesem Einheitsbild entfaltet sich die Tragödie vom Soldaten Wozzeck, der, geschunden und missbraucht vom Hauptmann und Doktor als ehrenwerten Mitgliedern der Gesellschaft, die Untreue seiner Marie durch deren Betrug mit dem Tambourmajor erleben muss und sie schließlich ersticht. Ihr gemeinsames Kind bleibt allein zurück.
Die Kostüme von Maria Geber zeigen die handelnden Personen überwiegend in norwegischen Uniformen und traditionellen Trachten, die an dem Feiertag getragen werden. Allein Wozzeck und Marie sind in Alltagskleidung zu sehen. Allerdings sind die nicht so arm und zerrissen, wie man es aus der Textvorlage erwarten sollte. Vielmehr tragen sie Kostüm und Anzug mit Krawatte wie einigermaßen gut positionierte Mitglieder der Gesellschaft. Die Armut, von der wiederholt die Rede ist, schließt beide hier nicht gänzlich aus der Gesellschaft aus. Sie scheint auch stark in der eigenen Wahrnehmung zu bestehen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Im Ambiente des unterkühlten und unterschiedlich ausgeleuchteten Raumes inszeniert Tandberg surreale Wandlungen der Handlung, indem er den Zuschauer zum Beispiel durch eine Videoprojektion an einer vom Doktor vorgenommen Verstümmelung und Verblutung eines von Wozzeck besorgten Molches teilhaben lässt. Später wird der Doktor in Ekstase über seine Faselei zum wissenschaftlichen Fortschritt sogar seinen eigenen Finger abtrennen. Eine Selbstverstümmelung, die ebenfalls durch Videoprojektion vergrößert sichtbar wird. In gewissermaßen logischer Folge schneidet sich Wozzeck nach der Ermordung Maries höchst bewusst und kalkuliert die Pulsadern auf, anstatt versehentlich und hilflos im Moor zu versinken. Diese und andere Handlungselemente versinnbildlichen immer wieder eine scheinbar sachliche Perspektive der handelnden Charaktere und ihr gleichzeitiges Abdriften ins gefährlich Absurde. Keiner der Handlungsträger bemerkt überhaupt nur die emotionale Konstitution und das Leiden des anderen, erst recht kann er sich nicht einfühlen oder darauf reagieren. Alle umkreisen sich in eigener Überhöhung. Der Tod Wozzecks erscheint als wissenschaftlicher oder naturgegebener Ablauf.
Abgerundet wird diese psychologisch-kalt sezierende Sichtweise durch die Videoprojektion des Kopfes von Johan Reuter auf der gesamten Fläche des Zwischenvorhangs, der jeweils die Szenenfolge trennt. Das Gesicht blickt den Zuschauer „live“ und in unbestimmter, vager und rätselhafter Weise an.
Tandbergs Personenführung ist durchgehend stringent und überzeugend. Berührend der Schluss, wenn das Kind des Paares zu seinem „hopp hopp“ den toten und ins Leere stierenden Vater zu bewegen versucht, bevor es sich wiederum schlafen legt. Die Verlegung der Handlung nach Norwegen erscheint indes assoziativ-beliebig. Örtliche Bezüge mit innerem, auch abstraktem Bezug entfalten eine nachhaltigere Wirkung. Warum nächstens nicht auf dem Mond? Der wird sogar im Text erwähnt.

Großartig präsentieren sich die Sänger der Produktion. Allen voran Johan Reuter als Wozzeck. Der Bass-Bariton überzeugt durch fantastisch differenzierte Stimmgebung mit einer Vielzahl von tonalen Schattierungen, exzellente Textverständlichkeit und überzeugendes, schonungsloses Spiel. In Gestalt und Gestik verkörpert er den hilflosen, kleinbürgerlichen Anzugträger im gesellschaftlichen Gefüge. Die Marie von Elena Zhidkova passt in ihrem spezifischen Sopranton und tendenziell sachlich-kühler Erscheinung glänzend in die Produktion. Ergreifend ihr schonungsloser Einsatz in der Bibelszene als in der Schuld zerrissene Persönlichkeit.
Der Hauptmann von Burkhard Ulrich und der Doktor von Seth Carico überzeugen als Archetypen der Stützen dieser Gesellschaft. Insbesondere Carico zeichnet sich mit facettenreichem und kraftvollem stimmlichem Auftritt bei differenzierter Charakterisierung aus. Thomas Blondelle liefert eine überzeugende Charakterstudie eines enervierenden Tambourmajors. Das Ensemble wird ebenso überzeugend mit Matthew Newlin als Andres, Annika Schlicht als Margret, Andrew Dickinson als Narr in Conchita-Wurst-Anmutung sowie Tobias Kehrer als 1. Handwerksbursch abgerundet. Philipp Jekal und Levi Mica Weber gaben den 2. Handwerksbursch und den Knaben.
Der Chor der Deutschen Oper Berlin unter der Leitung von Jeremy Bines sowie der Kinderchor unter Christian Lindhorst überzeugen in ihren stimmlichen Parts mit den nicht einfachen rhythmischen Aufgaben und beim heftigen Schwenken der Norwegerfähnchen.
Grandios das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter dem Generalmusikdirektor Donald Runnicles. Mit außerordentlich durchsichtiger Klangstruktur und tendenziell zurückgenommenem Bass des Klangapparates gelingt eine musikalisch ergreifende Umsetzung der Partitur. Die stillen, scheuen, menschlichen Töne kommen bewegend zum Klingen. Und die kühle Sachlichkeit der szenischen Umsetzung findet gleichwohl in den klar gegliederten Motiv- und Orchesterstrukturen ihre Entsprechung im Graben. Vorbildlich die glänzend aufeinander abgestimmten Instrumentalgruppen und solistischen Partien der Orchestermitglieder.
Großer Applaus für alle Beteiligten. Bravi für Johan Reuter und Elena Zhidkova, aber auch Donald Runnicles und das Orchester.
Achim Dombrowski