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DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)
Besuch am
17. Februar 2019
(Premiere)
Zugegeben, Die Zauberflöte war, ist und bleibt eine musikalisch wunderbare Oper, aber schwierig zu inszenieren. Jetzt hat es Yuval Sharon versucht und, um es vorweg zu nehmen, keine stimmige Lösung geliefert. Im Gegenteil. Sein Vorbild ist das berühmte Marionettentheater in Salzburg, das mit einer zauberhaft traditionellen Inszenierung seit Jahrzehnten Kinder wie Erwachsene beglückt. Nur, die Bühne der Staatsoper Unter den Linden ist kein Marionettentheater, auch wenn es sich so gibt, mit dem Theater im Theaterbau von Mimi Lien. Und lebendige Sänger sind keine leblose Holz- oder Pappmaché-Figuren, auch wenn sie versuchen, sich so zu geben. Sharon lässt sie an Fäden oder Seilen hinauf- und herabfliegen, manchmal sinnvoll, meistens nicht. Alles sehr aufwändig. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers bleibt buchstäblich auch in den Seilen hängen, und achtet man kaum mehr auf die Musik, die plötzlich Beiwerk wird. Man könnte sogar meinen, die Tempi der Dirigentin Alondra de la Parra werden von den technischbedingten Marionettenbewegungen vorgegeben, womit sich manch seltsam langsame Passage erklären lässt. Klangfarbe und melodische Spannung bleiben weg. Insgesamt springt der Funke von der Dirigentin auf die wie immer gut aufgelegte Staatskapelle selten über.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Sharon hat versucht, das Werk als Kinderoper mit philosophischer Weltanschauung zu kombinieren. Dafür müssen Kinderstimmen aus dem Off, über Lautsprecher, die Rezitative aufsagen. Das hat einen gewissen Reiz – Texte aus dem 18. Jahrhundert erhalten so eine gewisse Komik, besonders wenn sie dann auch noch aus heutiger Sicht kommentiert werden. Allerdings, genauso wie die Sache mit den lebendigen Marionetten, flacht auch diese Novität nach kurzer Zeit ab und driftet ins Langweilige. Sharon spannt den Bogen von Manga-Komik über Science Fiction bis ins bürgerliche Leben: Die Feuer-Wasserprobe für Tamino und Pamina spielt sich in der kleinbürgerlichen, realistischen heimischen Küche ab, Kochen und Spülen inklusive. Alltägliche Szenen einer Ehe als ultimative Prüfung?
Der Eindruck der gewollten Künstlichkeit wird von den seltsamen Kostümen von Walter Van Beirendonck unterstrichen – Pamina und Tamino im hölzernen Partnerlook mit roten Klumpfuss-Plastikmoonboots, die drei Damen in einem Multibusenmonster eingezwängt, Papageno in einer seltsamen orangefarbenen Montur, Monostatos als schwarzer Retro-Roboter, die Königin der Nacht und Sarastro in zusammengeklaubten Roben, die absolut keine standesgemäße Präsenz ausstrahlen. Bühnenbildnerin Mimi Lien hat unzählige Hintergrundprospekte und Bauten entworfen, die dekorativ und wild durcheinander Stilelemente vom 18. bis 21. Jahrhundert zitieren – von bukolischen Landschaften, über Werbung und Schattenspiele bis zu Graphic Novels. Zum Verständnis des Regiekonzeptes tragen sie wenig bei.
Es ist zu hoffen, dass die Sänger eine Aufwandzulage erhalten für die sportliche Betätigung während des Singens. Sängerfreundliche Arbeitsbedingungen sehen anders aus. Ein positiver Aspekt: Die Aussprache aller Sänger ist hervorragend deutlich und verständlich, was man heutzutage oft vermisst.

Anna Prohaska hatte kurzfristig wegen einer Kehlkopfentzündung absagen müssen. Serena Sáenz Molinero, ursprünglich als Papagena vorgesehen und erst seit dieser Saison Mitglied des Opernstudios, ist damit zur Pamina avanciert und erfüllt die Partie nach anfänglicher Nervosität mit Bravour mit einem selbstbewussten und lieblichen Sopran. Die Königin der Nacht von Tuuli Takala schmettert ihre präzisen Koloraturen aus prekärer Höhe. Sarah Aristidou, ebenfalls aus dem Opernstudio, spielt und singt eine kecke Papagena. Die drei Damen Adriane Queiroz, Cristina Damian und Anja Schlosser können ihre so präzise komponierten Persönlichkeiten nicht entfalten – es bleibt bei einer drei-stimmigen schwebenden Fruchtbarkeitsfigur. Julian Prégardien gibt mit seinem schönen Tenor einen Pamino aus Fleisch und Blut, trotz der Ausstaffierung als Holzpuppe. In der Uraufführung 1791 war die Rolle des Papageno vom Librettist Emanuel Schikaneder gespielt. Der ursprünglich vorgesehene Dirigent dieser Produktion, Franz Welser-Möst, wollte diese Tradition fortsetzen und hat sich einen Schauspieler für die Rolle gewünscht. Florian Teichtmeister gibt einen eher kühlen Papageno, eben einer, der nicht sein eigener Herr, sondern von Marionettenführern bestimmt ist – keineswegs verdient er die vielen Buhrufe beim Schlussapplaus. Die vibratoreiche Darbietung von Kwangchul Youn als Sarastro enttäuscht als kraftloser Philosoph. Florian Hoffmann als Monostatos darf als kleiner aufgezogener Maschinenmensch über die Bühne huschen – und hört sich auch so an. Der zweite Priester von Lauri Vasar sticht mit elegantem Bariton hervor. Der Chor, von Anna Milukova einstudiert, singt aus dem Off – körperlose Stimmen. Ebenso wie die eingespielten Stimmen der Kinder mit ihren Kommentaren. Die kommen nur am Ende zum Vorschein, als die echten Drahtzieher der Marionetten und somit der Geschichte.
Fazit: Nun weiß jeder Zuschauer, dass die technischen Einrichtungen der Staatsopernbühne auch wirklich funktioneren – Hubpodien, Abseileinrichtungen, Vorhänge jeglicher Art. Nur die Drehbühne fehlt, aber die wurde schon in anderen Inszenierungen vorgeführt. Die Investition in Millionenhöhe bei der Renovierung hat sich gelohnt. Können wir jetzt bitte wieder Inszenierungen zu sehen bekommen, die auch etwas zur Relevanz der Stücke beitragen? Deutlich überwiegende Buhrufe – auch während der Aufführung – gelten dem Regieteam zurecht. Da ist es beruhigend, vom Intendanten höchstpersönlich zu erfahren, dass die altehrwürdige Inszenierung von August Everding mit den Schinkelschen Bühnenbildern doch noch im Repertoire behalten wird. Somit hat Berlin zurzeit vier Zauberflöten-Produktionen gleichzeitig im Repertoire – welch ein Luxus!
Zenaida des Aubris