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Abbildungen ähnlich der besuchten Aufführung - Foto © Monika Rittershaus

Schinkels Zauberflöten-Erbe

DIE ZAUBERFLÖTE
(Wolfgang Amadeus Mozart)

Besuch am
5. April 2018
(Premiere am 14. Dezember 1994)

 

Staatsoper Unter den Linden, Berlin

Mehr Tradition war nie. „Erste Aufführung in den Dekora­tionen von Karl Friedrich Schinkel, 18. Januar 1816, Berliner Hofoper unter den Linden, Premiere in den Dekora­tionen nach den Schin­kel­schen Vorlagen, 14. Dezember 1994“ wirft sich das Programmheft zur Wieder­auf­nahme von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauber­flöte in der Insze­nierung von August Everding stolz in die Brust.

Allein schon damit ist eine große Aufmerk­samkeit garan­tiert. Dass die folgenden Auffüh­rungen bereits ausver­kauft sind, spricht dafür. Aber diese Zauber­flöte ist mehr nur als ein PR-Coup. Die erst vor wenigen Monaten nach jahre­langer Rekon­struk­tions- und Umbau­pause wieder­eröffnete Staatsoper atmet olfak­to­risch neu in der Tradition der Oper seit dem 18. Jahrhundert. In ihren Räumen ist das Geheimnis der Oper, die immer mal wieder totgesagt wird, mit Händen zu greifen. Wie fantas­tisch sie lebt, zeigt Everdings zeitlos fließende Zauber­flöte.

Seit ihrer Urauf­führung 1791 in Wien hat sie im Sturm die Opern­bühnen bis heute erobert. Ob als Alt-Wiener Zauber­stück, Volks­ko­mödie oder barocke Zauberoper beschrieben oder von der Kritik als moralische Läuterung des Isis-Kultes im Gewand der ägypti­schen Mytho­logie im Kontext von Mozart­schem Freimaurer-Gedan­kengut unter Verwendung der Symbolzahl Drei als ein arche­ty­pi­scher Kampf zwischen Gut und Böse in höchsten Tönen gefeiert. Die Begeis­terung des Publikums ist an diesem Abend grenzenlos.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Mozarts in Briefen mehrfach zum Ausdruck gebrachte Hoffnung, dass es ihm um tiefes Verständnis des Menschen – „Tamino ist Prinz und noch mehr Mensch“ – und nicht um Spektakel geht – „was mich am meisten freuet, ist der stille Beifall“ – wischt der Begeis­te­rungs­wille der Opern­be­sucher weg. Von Szenen­ap­plaus zu Szenen­ap­plaus lassen sie sich willig in die Zauberwelt der Insze­nierung entführen. Drachen, Schlangen, Kobolde dürfen für einmal märchen­hafte Zauber­tiere bleiben. Das Feuer knistert und der Wind pfeift unter Schinkels legen­därem Sternen­himmel. Trans­pa­rente Prospekte mit Hinter­leuchtung in Fred Berndts Bühnenbild „nach den Entwürfen Karl Friedrich Schinkels für die Berliner König­lichen Schau­spiele 1816“ schaffen klassi­zis­ti­schen Raum, in dem sein orphi­scher Zauber die Opern­be­sucher in Mozarts Nacht-Sonne-Dualismus mit spiele­ri­scher Leich­tigkeit in seinen Bann zieht.

Möge er auch hinter­gründig und tiefsinnig die Ideale der Aufklärung wider­spiegeln, an diesem Abend scheinen viele froh und gleich­zeitig entlastet zu sein, nicht erneut als Wieder­gänger von überin­tel­lek­tua­li­sierter Pathetik des Regie­theaters und dem dazu gehörigen Brimborium in Zwanghaft genommen zu werden. „Die Vernunft braucht keinen Pomp, sie ist leicht und benötigt kein Pathos“, wird Everding im Programmheft zitiert.

Diese Zauber­haf­tigkeit vereint, wie von unbekannter Hand gesteuert, das Haus und die Menschen. Märchen und Wirklichkeit werden eins. Die Uhren in der Kondi­torei der Staatsoper zeigen die Mitter­nachts­stunde, als die Nacht beginnt, der Sonne zu weichen. Vor einem Spiegel in der Garderobe ziehen zwei ältere Zwillings­damen in ihr weißes Haar mit einem roten Kamm gleich­mäßig glatt. Sarastros Weisheit, „Es kommt die Stunde“, passiert, wenn er am Ende den symbo­li­schen Sonnen­kreis von Geist und Leben an Tamino und Pamina als Beginn von etwas Neuem wie im Gleich­schritt von Bühne und Wirklichkeit überreicht.

Foto © Monika Rittershaus

Glück­li­cher­weise erweist sich die mit merkwür­diger Nachläs­sigkeit ausge­spro­chene Bitte vor Vorstel­lungs­beginn um Rücksicht­nahme auf die akut wieder aufge­tretene Erkältung von Peter Sonn als nicht nur nicht gravierend, sondern blieb auch der einzige Makel an diesem Abend.

Sonn hat weniger von einem schwär­me­ri­schen, empfindsam verin­ner­lichten Jüngling an sich. Er strahlt mehr eine ernst­hafte Erhabenheit aus, der sogar wilde Tiere bezähmen könnte.

Die Königin der Nacht von Sónia Grané beein­druckt mit ihren venezia­ni­schen Trompe­ten­arien durch makellose Kolora­tur­technik. Vor dem Sternen­himmel auf einer Mondsichel herab­schwebend, hat ihre erste Arie einen lyrischen Schmelz, wie sie in der zweiten, von Flöten, Trompeten und Pauke begleitet, sich Rache blitzend zeigt. Als Pamina bietet Narine Yeghiyan ihrer Mutter erfolg­reich Paroli und lässt diese ihren Rache­ge­danken überwinden. Ihr Sopran perlt frisch und konzis.

In der Zauber­flöte reprä­sen­tiert Sarastro als letztlich kluger Stratege mit seinen kühl pompösen, reichlich unter­kühlten Arien die Tradition der Opera seria.  Wilhelm Schwing­hammer – sein Name erscheint hier geradezu essen­tiell in seiner Metaphorik – demons­triert einen wunder­baren Bass-Macht-Hammer. Die drei Damen Adriane Queiroz, Olivia Vermeulen und Anja Schlosser zelebrieren mit eroti­schem Feinschliff einen harmo­nisch diffe­ren­zierten Ensem­ble­gesang à la italie­ni­scher Buffo-Oper.

Bemer­kenswert, wie sich die drei Knaben von den Aurelius-Sänger­knaben, Calw, von der Insze­nierung sänge­risch und darstel­le­risch gefordert, in das Ensemble der Solisten und des präsenten Staats­opern­chores integrieren.

Hingucker und Hinhörer des Abends ist vor allem Roman Trekel. In seinem nach einem kolorierten Stich von Carl Thiele für die vormalige Berliner Insze­nierung nach den Kostüm­fi­gu­rinen von Dorothée Uhrmacher kostü­mierten Feder­kleid ist Trekel als Papageno in seinem Element. Sein Spiel und Gesang als nur kompletten Sänger-Schau­spieler zu beschreiben, reicht nicht aus. Ist es schon fast selbst­ver­ständ­liche Erwartung, dass sein Bariton mit klang­schönem Timbre wie von selbst verzaubert – „Ein Vogel­fänger bin ich“ – spielt er in der Tradition des italie­ni­schen Harlekins und des deutschen Hanswursts körperlich und gestisch mit frappantem Varian­ten­reichtum. Gedehnte Artiku­la­tionen, schel­misch verschmitzte Frage­hal­tungen, eskapis­tisch tanzend – Papageno ist Trekel wie auf den Leib geschrieben.

Zuerst als hässliche Hexe unter einem Sackleinen versteckt, vergeblich um Papagenos Aufmerk­samkeit buhlend, deutet Serena Sáenz Molinero im Duett Papageno! Papagena! mit Trekel an, über welches Potenzial ihr Sopran verfügt, der sich damit für größere Partien empfiehlt.

Am Pult der Staats­ka­pelle Berlin hat Daniel Cohen nicht nur dirigen­tisch alles im Griff. Auf Kammer­or­ches­ter­größe reduziert, klingen Flöte, Glocken­spiel, Trompete mit der Pauke motivisch klar charak­te­ri­sierend. Cohen hat offen­sichtlich auch die gesamte Partitur der Stimmen im Kopf. Er singt so begeis­ternd und motivierend, wie er dirigiert.

Mit überbor­dendem Applaus bleibt eine Aufführung in Erinnerung, die vielleicht deutlicher als viele andere Insze­nie­rungen zeigt, warum die Oper so lebendig ist und lebens­spen­dende Freude verbreiten kann.

Peter E. Rytz

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