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Spielzeug mit Herz

DER ZWERG
(Alexander von Zemlinsky)

Besuch am
30. März 2019
(Premiere am 24. März 2019)

 

Deutsche Oper Berlin

Was gehört unbedingt zu einer Geburts­tags­feier?  Richtig!  Geburts­tags­ge­schenke! Und was schenkt man einer Prinzessin, die schon alles hat?  Einen Zwerg. Nicht die Garten­sorte, mit roter Zipfel­mütze, sondern einen echten. Bevor Sie gleich alarm­schlagen und denken – so etwas politisch Unkor­rektes kann es doch im heutigen Zeitalter nicht geben, keine Angst, die Insze­nierung von Tobias Kratzer geht sehr sensibel und zeitgeist­ge­recht mit der ursprüng­lichen Geschichte von Oscar Wilde in der musika­li­schen Umsetzung von Alexander von Zemlinsky um.

Bekanntlich empfand sich Zemlinsky selbst als hässlich. Dennoch fand ihn seine Schülerin, Alma Schindler, hinreißend, und es ergab sich eine kurze Leiden­schaft zwischen den beiden, bis Gustav Mahler erschien und die Affäre zu Ende ging. Eben diese Episode wird als Prolog zur Musik von Arnold Schön­bergs kurzer Begleit­musik zu einer Licht­spiel­scene als Pantomime darge­stellt. Evgeny Nikiforov als Klavier­lehrer Zemlinsky wirkt erst bescheiden, dann bricht die Leiden­schaft für die üppige Dame in Belle-Époque-Altrosa durch – Adelle Eslinger – die bei ihm lernen will.  Unter dem wachsamen Auge der Büste von Beethoven entwi­ckelt sich die Affäre, die aller­dings bald ein Ende hat, als die Schülerin ihrem Lehrer einen Spiegel vorhält und ihn sein Spiegelbild sehen lässt. Sie setzt sich ihren extra­va­ganten, pinkfar­benen Hut auf und rauscht ab. Die autobio­gra­fi­schen Deutungen des Selbst­zweifels, der Unsicherheit und falschen Selbst­ein­schätzung, die Zemlinsky dann in der einak­tigen Oper aus dem Jahre 1922 andeutet, sind somit schon mal ausgemalt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Vom Fin-de-Siècle-Salon des Prologs geht es direkt in die Oper selbst, die in einem grell­weißen Konzertsaal statt­findet, entworfen von Rainer Sellmaier, der auch für die Kostüme verant­wortlich zeichnet. Der 18. Geburtstag der Infantin Donna Clara steht unmit­telbar bevor, und es werden die letzten Vorbe­rei­tungen getroffen. Haushof­meister Don Estoban erzählt den Zofen, bald werde ein ganz beson­deres Geschenk eintreffen. Donna Clara schwebt ein in einem engan­lie­genden, schil­lernden Paillet­ten­kleid.  Ihr Gefolge im modernen, pastell­far­bigen Party­dress überbringt Glück­wünsche und schlürft Champagner.

Bald erscheint das Geburts­tags­ge­schenk. Schau­spieler Mick Morris Mehnert spielt den Zwerg mit großer Würde. Anfäng­liche Verwirrung entsteht, weil Tenor David Butt Philip mit Noten­ständer an der Seite die Partie zu singen beginnt. Bald die Erkenntnis, dass der eine die physische Realität darstellt, der andere das imagi­nierte Selbst, die zwei „Personas“ konver­gieren immer mehr, bis der letzte Moment der Erkenntnis und Verwirk­li­chung in Kraft tritt, als Mehnert respektive Philip in den Spiegel der Realität sehen. Mehnerts rührende Stummheit wirkt in einem reichen, komplexen Kontra­punkt zu Butt Philips höchster Bered­samkeit – mit schönem, schlankem Timbre.

Foto © Monika Rittershaus

Elena Tsallagova ist Donna Clara, die ihren klaren Sopran gezielt und eiskalt einsetzt. Dass sie egois­tisch und herzlos ihrem eigenen Vergnügen nachgeht, ohne an die Gefühle der anderen zu denken, nimmt man ihr sofort ab. Als Ghita, die Vertraute der Infantin, verkörpert Emily Magee mit ihrem warmen Sopran die einzige mitfüh­lende, mensch­liche Rolle. Bariton Philipp Jekal als Don Estoban verströmt Vertrauen und Solidität, auch wenn die Emotionen überhand­nehmen. Von den Frauen des Opern­chores gibt es, wie immer, hervor­ra­gende Leistungen.

Im Graben zeigt GMD Donald Runnicles, dass er der musika­li­schen Sprache Zemlinskys sehr zugeneigt ist. Mit der nötigen Mischung aus sehniger Klarheit und robustem, farblichem Reichtum lässt er das Orchester aufblühen. Auch von dem Bühnen­or­chester gibt es hervor­ra­gende Arbeit, die voll in Kratzers Konzeption des Dramas invol­viert ist, in der der Zwerg nicht nur singt, sondern, in klarem Bezug auf Zemlinsky selbst, ein Komponist und Dirigent ist.

Die zentrale Anspielung an Zemlinsky ist gerecht­fertigt: Sowohl Kratzer wie Runnicles gehen das scheinbar geschmacklose Thema nüchtern an. Es entsteht ein Drama, das in einer Welt, in der einer­seits Toleranz gepredigt wird und ander­seits die grausame und intole­rante Realität auf dem Vormarsch sind, zusätzlich an Resonanz gewinnt. Kratzers einfühlsame und kompro­misslose Produktion sowie die sehr gute Besetzung sind so überzeugend, wie man es sich für dieses melan­cho­lische Werk nicht hätte besser wünschen können.

Einhel­liger Applaus für die Solisten, den Dirigenten und der Produktion.

Zenaida des Aubris

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