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Mit Circe auf der Insel

BENZIN
(Emil Nikolaus von Reznicek)

Besuch am
13. Januar 2018
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Da recken doch einige Biele­felder Besucher überrascht und neugierig die Köpfe, als Zeppelin Z 69 im Miniformat über die Bühne knattert und dann sachkundig von der Boden­mann­schaft an Seilen auf die Bühne geholt und verankert wird. Die Nähe zum Truppen­übungs­platz Senne wird die Biele­felder längst daran gewöhnt haben, von allen möglichen Luftge­fährten überflogen zu werden. Da würde auch ein Zeppelin kaum die Blicke zum Himmel lenken. Ob es der „Oper“ Benzin gelingt, mehr Aufmerk­samkeit zu erregen, die das Theater Bielefeld zurzeit seinen Besuchern als „heiter- fantas­ti­sches Spiel mit Musik“ in zwei Akten anbietet, bleibt nach der Premiere zweifelhaft.

Unter den gut zwanzig Opern, Operetten und Singspielen, die der öster­rei­chische Komponist Emil Nikolaus von Reznicek hinter­lassen hat, gehört das jetzt in Bielefeld insze­nierte Stück Benzin zu den selten gespielten Kompo­si­tionen, zu der von Reznicek selbst das Libretto verfasst hat. Der Plot dieser Geschichte, zu der ihn 1916 wohl der Stapellauf des Luftschiffes Z 69 angeregt hat, ist doch arg dünn und zeitbe­zogen.  Die von Reznicek gewählten Namen deuten darauf hin, dass der Öster­reicher bei der Kompo­sition einige Elemente von Homers Circe und den Abenteuern des Odysseus im Kopf hatte.

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das modernste Verkehrs­mittel seiner Zeit, der Zeppelin, erfährt einen Tank-Havarie­schaden und muss bei seinem Versuch einer Weltum­rundung auf einer kleinen Insel bruch­landen – immerhin gibt es sie. Der smarte und ehrgeizige Luftschiff-Kapitän Ulysses Eisen­hardt, unterwegs mit seinem Z 69, entdeckt bald, dass es auf dieser Insel nicht nur zahme Tiere, sondern ebenso zugäng­liche, junge Damen im Gefolge der Gladys Thunderbolt, Tochter des ansäs­sigen Milli­ardärs gibt. Es kommt, wie es in einem heiteren Musik­stück kommen muss, Gladys und Ulysses finden Gefallen anein­ander – mindestens. Doch weil Ulysses nicht so recht will, versucht es Gladys mit einer Benzin-Erpressung, denn sie und ihr Vater Jeremias beherr­schen die Benzin­vorräte der Insel. Gladys, die außer ihren äußeren pinkfar­benen Reizen noch über die Fähigkeit verfügt, per Hypnose Menschen in Tiere zu verwandeln, sieht bei Ulysses‘ Gefährten ihre Chancen und hypno­ti­siert sie zu diversen Tieren um. Aller­dings erfährt sie ihre Grenze, als sie ausge­rechnet bei Ulysses mit ihren Künsten scheitert.

Foto © Bettina Stöß

In einigen „Neben­ge­fechten“ mischen sich Machulke und Lissy, Obertupfer und Nell, Violet und Freidank, Plumcake … Gefolg­schaft und Übersicht gehen allmählich verloren. Selbst Gladys‘ letzter Versuch, Ulysses bei einem gemein­samen Tango einzu­fangen, gelingt nicht; sie kann ihn schließlich nicht halten. Erst Thunderbolt persönlich beendet ihre erpres­se­rische Benzin­blo­ckade und lässt Ulysses Eisen­hardt und das Z 69 mitsamt seiner Tochter Gladys starten – „alles Super“, so die Beleuchtung dieses „unbenannten Airports“. Cordula Däuper reicht für ihre Insze­nierung eine Alu-Baracke, die vielfach verwendbar als Tankstelle, Kontrollraum oder Terminal dient. Ralph Zegler, Sophie du Vinage und Sarah Sauerborn stecken auf dieser einfachen Bühne die Protago­nisten in zeitgemäße Kleidung mit einem Touch von Pink. Gregor Rot sorgt mit den Biele­felder Philhar­mo­nikern und dem Opernchor dafür, dass auf diesem Airport musika­lisch „alles Super“ ist und eine lockere Stimmung erhalten bleibt. Da klingen mancher Zwanziger-Jahre-Schlager und Jazz-Hits durch und sorgen für eine gute Stimmung.

Mit pinkfar­benem Pettycoat und klarem, höhen­si­cherem Sopran beherrscht Melanie Kreuter als Gladys die Szene. Dagegen bleibt Jacek Laszcz­kowskis Mr Eisen­hardt stimmlich wie darstel­le­risch blass, wohin gegen Yoshiaki Kimura als Mr Plumcake die komische Ergänzung des Personals bestens gelingt. Im weißen Unschulds-Engel-Kleid gibt Vuokko Kekäläinen die komische Alte, der Vladimir Lortki­panidze als Hausknecht Meyer noch verspätet den Hof macht.

Zum Amüsement des Publikums ergänzen Cordula Däupner und Sophie du Vinage das Personal noch um eine zeitge­nös­sische Figur, den in Lindgrün geklei­deten und mit blonder Tolle dekorierten Jeremias D. Thunderbolt alias Don Trump, den Moon Soo Park mit sicht­lichem Vergnügen spielt.

Nach knapp zwei Stunden endet dieses fantas­tisch-heitere Spiel, bei dem die Handlung nicht so recht ins Rollen kommen und der belebende Funke nicht so recht überspringen will.  Das Publikum braucht einige Minuten, um sich zum Schluss­ap­plaus warm zu klatschen, bedankt sich dann aber mit ausführ­lichem Beifall bei allem Mitwirkenden.

Horst Dichanz

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