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Foto © Sarah Jonek

Dachboden der Hölle

DEAD MAN WALKING
(Jake Heggie)

Besuch am
19. Januar 2019
(Premiere am 13. Januar 2019)

 

Theater Bielefeld

Es ist einer dieser Opern­abende, der einen schweren Kloß im Magen hinter­lässt. Dead Man Walking gehört zu dieser Art modernen Oper, die sich seit ihrer Urauf­führung im Jahr 2000 schon jetzt einen Platz im Reper­toire verschie­dener Theater erobert hat. Das mag haupt­sächlich an der gleich­na­migen litera­ri­schen Vorlage von Helen Prejean liegen. Die Ordens­schwester schildert darin ihre Erfah­rungen mit zum Tode verur­teilten Gefan­genen, die sie bis zu ihrer Hinrichtung begleitet. In einem konkreten Fall geht es um den Häftling John Packard, der für die Oper umbenannt wird in Joseph De Rocher, der mit seinem Bruder ein junges Paar überfallen, die Frau verge­waltigt und beide dann brutal ermordet hat. Er sucht den Kontakt zu Sister Helen erst per Brief­freund­schaft und bittet sie dann, ihm im Staats­ge­fängnis von Louisiana zu besuchen. Sister Helen wird dort sein geistiger Beistand. Eine Entscheidung, die sie an ihre Grenzen bringt, trifft sie doch sowohl auf die Mutter des Verur­teilten, als auch auf die Eltern der Opfer, die kein Verständnis dafür haben, dass sie den Mörder ihrer Kinder begleitet.

Terrance McNally formt daraus das Libretto für die Oper, die Jake Heggie kompo­niert. Er verwendet die verschie­densten Stile, um die teils wider­sprüch­lichen Gefühle der Protago­nisten in Töne zu fassen. Gemäß der Zeit um 1980 mischen sich auch Gospel, Blues und Rock’n’Roll in die Kompo­sition, die teilweise an Filmmusik erinnert, aber auch gewaltige Tableaus einer modernen Grande Opéra vorweist. Die Urauf­führung in San Francisco wird zu einem Erfolg, und auch in Bielefeld hinter­lässt die Oper ihre Spuren. Denn gleichwohl Schwester Helen in den USA ein Symbol für den Wider­stand gegen die Todes­strafe geworden ist, beleuchtet der Stoff das komplexe Geflecht aus Schuld, Justiz, Gerech­tigkeit und Vergeltung von verschie­denen Seiten. Schwester Helens Ansatz, das Verbrechen zu hassen und nicht den Verbrecher, kolli­diert gnadenlos mit den verzwei­felten Angehö­rigen der Opfer, die sich einer­seits ein Geständnis, eine Entschul­digung des Täters, aber auch eine Genug­tuung durch die Hinrichtung erhoffen.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



In der Biele­felder Insze­nierung von Wolfgang Nägele dreht es sich im ersten Teil zunächst um die chrono­lo­gi­schen Vorgänge, die beginnend beim Mord an dem Paar ablaufen. Dementspre­chend darf die Drehbühne sich von Station zu Station weiter­drehen, während gleich­zeitig die verschie­denen Personen und Parteien auf der Bühne vorge­stellt werden. Stefan Mayers Bühnenbild ist nicht nur schnell variabel, sondern auch ausdrucks­stark. Die Mauern des Gefäng­nisses sind einer­seits erdrü­ckend groß und unüber­windbar und anderer­seits verwandeln sie sich in gitter­artige Vorhänge, in denen die Gefan­genen hängen wie einge­sponnene Wesen. Es ist einer der ersten großen Höhepunkte der Oper, wenn Schwester Helen ihren Spieß­ru­tenlauf durch diese Gasse zu ihrer ersten Begegnung mit Joseph de Rocher absol­vieren muss.

Während man sich im ersten Teil kaum einer Art Wahrheit annähern kann, werden im zweiten Teil die Personen und insbe­sondere De Rocher von Ralf Scholz eiskalt ausge­leuchtet. Als De Rocher das endgültige und unaus­weich­liche Datum seiner Hinrichtung mitge­teilt wird, senken sich kaltes Licht verströ­mende Neonröhren bis knapp einen Meter über den Boden herab. Mit dem kleinen Steg über den Metall­streben erinnert es ein bisschen an eine Zelle, aber vor allem an einen Dachboden aus der Hölle. Denn De Rocher begibt sich nun auf eine Reise abwärts in seine Abgründe und lässt zunächst nur die Zuschauer daran teilhaben, so dass man sich unwill­kürlich fragt und vielleicht doch gar nicht wissen will, was in den Keller­ge­wölben dieses Menschen alles aufbe­wahrt ist. Im quasi letzten Moment begeben sich Helen und er an den Ort des Verbre­chens zurück, wo er zum ersten Mal seine Schuld umfang­reich zugeben kann.

Es ist ein großer Moment, den Wolfgang Nägele zwar poetisch, aber nie opernhaft drama­tisch umgesetzt hat und der getragen wird von den beiden großar­tigen Sänger­dar­stellern Nohad Becker und Evgueniy Alexiev. Für Becker könnte diese Partie eine Parade­rolle werden, steht ihr die facet­ten­reiche Figur mit ihren Stärken und Schwächen doch sehr gut. Im ersten Teil wirkt da noch mancher Moment etwas gespielt und mancher hohe Ton etwas gedrückt. Wie sie sich dann aber im zweiten Teil in die Figur und diese emotional kaum fassbaren Momente fallen lässt und gleich­zeitig ihren wunderbar klingenden Mezzo technisch kontrol­liert, vermag man mit Worten kaum zu beschreiben. Ähnliches darf man über den Bariton Alexiev sagen, der schon viele Schurken erfolg­reich in Bielefeld verkörpert hat, aber nun in ganz andere Dimen­sionen vorstößt. Mit einer unglaub­lichen Physis nähert er sich dem Verbrecher an, gibt sich stur und grob, kann seiner Stimme dann aber auch Verzweiflung und Selbstekel abgewinnen. Das andere, beinahe humoris­tische Ende der Darstel­lungs­pa­lette von Becker und Alexiev ist eine Hommage an Elvis Presley. Ein Hauch von Norma­lität, der dankbar regis­triert wird.

Foto © Sarah Jonek

Sie führen eine Besetzung von 34 Hauskräften – inklusive der Doppel­be­set­zungen und Statisten – an, die sich ausnahmslos alle dem ergrei­fenden Opern­erlebnis verschrieben haben. Ausdrücklich zu nennen ist Katja Starke als Ms De Rocher, die ein tief bewegendes Plädoyer für ihren Sohn hält. Melanie Kreuter, Patricia Forbes und Dumitru-Bogdan Sandu verkörpern die hoffnungs­losen Eltern der Opfer, wobei Frank Dolphin Wong als Vater des Mädchens noch eine Spur mehr Entfal­tungs­mög­lich­keiten bekommt und nutzt. Die bewährten Kräfte des Biele­felder Ensembles – Cornelie Isenbürger, Moon Soo Park, Lorin Wey, Cajo Monteiro und Yoshiaki Kimura – können sich in mehr oder weniger großen Partien einbringen. Zusammen mit dem Biele­felder Opernchor, den Herren des Extra­chors – vorbe­reitet durch Hagen Enke – und natürlich den Biele­felder Philhar­mo­nikern unter Gregor Rot vereinigt man sich auf dem Weg zu De Rochers Hinrichtung zu einer Art Trauer­marsch, der wie ein Gegen­entwurf zum Götter­däm­merungs‑Trauermarsch klingt.

Dirigent Gregor Rot gelingt es nicht nur hier, die unter­schied­lichen emotio­nalen Strömungen zur Geltung zu bringen und zu verbinden. Er leitet auch den gesamten Abend sehr aufmerksam, während die Biele­felder Philhar­mo­niker ebenfalls ihre vielschichtige Aufgabe sehr gut meistern. Einer­seits als beglei­tendes Element und im nächsten Augen­blick ein Instrument der Spannung wie im besten Thriller. Vielleicht dürfen sie das drama­tische Fortissimo ein bisschen zurück­nehmen. Das macht den Sängern auf der teils an den Seiten offenen Bühne das Leben ein bisschen leichter.

Am musika­li­schen Erfolg dieser Produktion hat auch der Nachwuchs Anteil. Der Kinderchor JunOs wird von Kamilla Matuszewska und Nike Schmitka einstu­diert. Sie und die jungen Sänger sind leider beim späten Schluss­ap­plaus um halb elf Uhr abends nicht mehr anwesend. Selten hat man das Gefühl, dass ein Applaus einer­seits befreiend, ander­seits so schwer ist wie nach diesem Opern­abend. Einige Zuschauer stehen spontan auf, andere rufen noch etwas mühsam Bravo. Es fällt schwer zu jubeln angesichts einer thema­ti­schen, realis­ti­schen Handlung, in der sich am Ende alle als Verlierer erweisen. Die Sänger hingegen brauchen einen Moment, bis sich auf ihren teils aschfahlen Gesichtern eine Spur von Freude und Erleich­terung abzeichnen kann. Dank ihrer Darstellung begibt man sich auf einen nachdenk­lichen Heimweg und irgendwie hat man das Gefühl, dass es im Theater kälter war als draußen.

Christoph Broermann

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