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Foto © Sarah Jonek

Hyperaktive Glitzerwelt

FAUST
(Charles Gounod)

Besuch am
29. Februar 2020
(Premiere)

 

Theater Bielefeld

Kurz vor Beginn der Premiere von Faust stellen noch zwei Besuche­rinnen fest, dass dieser Gelehrte nicht von Goethe, sondern von Gounod geschrieben wurde und dass im Orches­ter­graben Musiker sitzen. Nix mit Schau­spiel, große franzö­sische Oper steht auf dem Programm. Und während die Biele­felder Philhar­mo­niker unter Alexander Kalajdzic in das Vorspiel eintauchen, sorgt Johann Kaiser direkt für einen der einpräg­samsten Momente des Abends. Auf dem gewal­tigen Lametta-Vorhang, der schon im normalen Licht des Theaters schimmert und funkelt, spielt sich ein farben­reiches, assozia­ti­ons­reiches Spektakel ab. Während das Licht im Zuschau­erraum nur ganz langsam ausgeht, scheint er erst grünlich zu schimmern und erinnert an das philo­so­phische Science-Fiction-Märchen Matrix, dann verfärbt sich das untere Ende gefährlich rötlich, während darüber heller Glitzer tanzt. Eine Anspielung auf Seelen im Fegefeuer, oder auf den Kampf gut – böse, eine Hommage an den Prolog im Himmel bei Goethe, der ja bei Gounod bekanntlich keine Rolle spielt.

Wenn das erste Wort gesungen wird, Rien – Nichts, dann ist auch so gut wie nichts auf der Bühne zu sehen. Keine Kammer eines Gelehrten, sondern der überspitzte Albtraum von Alters­armut umgibt den alten Faust. Hier gibt es keine Möglichkeit für ihn auszu­weichen, wenn Mephis­to­pheles aus der Klappe im Boden in seine Welt steigt. Welche Sicht Regisseur Tomo Sugao auf das Werk verfolgt, wird anhand seiner Figur sehr deutlich. Die Maske hat Bass Yoshiaki Kimura in eine Mischung aus Batman-Bösewicht Joker und den Horror-Clown schlechthin, Pennywise aus Stephen Kings Es, verwandelt. Anarchist trifft auf das perso­ni­fi­zierte Böse. An sich eine spannende Idee, aller­dings werden die Möglich­keiten dieser Figur nicht vollends ausge­nutzt. Sugao bringt vor allem viel Bewegung auf die Bühne, wenn dieser böse Spaßmacher gefolgt von ebenso hyper­ak­tiven Dämonen umher­wirbelt und die Welt ins Chaos stürzt.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Nicht, dass er es schwer hätte. Die Gesell­schaft, auf die der junge Faust und der Spiel­macher treffen, ist schon von Grund auf korrum­piert. Mehr als Alkohol, Waffen und dumme Flirt­spielchen scheint man nicht zu kennen. Timo Dentler und Okarina Peters brechen durch zwei Universal-Kostüme die Menschen schablo­nenhaft herab. Die Männer tragen einen studen­ti­schen Anzug aus Goethes Zeiten, adrett mit Weste und Brille, der Revolver dient dazu, die Gewalt­be­reit­schaft der – auf der Bühne nicht existenten – Soldaten anzudeuten. Die Frauen sind in süße rosafarbene Kleidchen mit gelber Schleife und blonden Perücken gekleidet, deren naive Träume ebenso leicht platzen wie der gelbe Luftballon, den sie mit sich tragen. Auch Faust, Marguerite und ihr Bruder Valentin sind in dieser gleichen Oberfläch­lichkeit verhaftet, wenngleich natürlich noch mit einigen Schat­tie­rungen. Dementspre­chend sind sie den teufli­schen Spielchen, die keinerlei tieferen existen­ti­ellen Hinter­grund zu haben scheinen, gnadenlos ausge­setzt. Der vierte Akt mit dem Tod des Valentin und Margue­rites Visionen in der Kirche sind beklem­mende Momente, die die Hoffnungs­lo­sigkeit unter­mauern. Die himmli­schen Gerettet-Rufe am Ende der Oper sind zwangs­läufig blanker Hohn.

Ein bisschen mehr Wider­stand, ein bisschen mehr Tiefgang hätte es ruhig sein dürfen. Aber immerhin ist es eine energie­ge­ladene, tempo­reiche Produktion. Die Rastlo­sigkeit auf der Bühne wird aller­dings auch – etwas sinnfrei – durch das Hin- und Herschieben des Bühnen­bildes erzeugt. Drei verschach­telte Elemente wie aus einer Puppen­bühne erzeugen Tiefe und Rahmen, aber auch dreidi­men­sionale Spiel­mög­lich­keiten sowie schnelle Verwand­lungen. Zusammen mit der Bewegungs­regie ergibt das ein hohes Tempo, aber manchmal hätte ein bisschen Ruhe auf der Bühne dem Werk auch gut gestanden.

Die Biele­felder Philhar­mo­niker unter Alexander Kalajdzic geben der Oper dann schon noch eine Portion mehr Pathos und Spiri­tua­lität hinzu. In Punkto Atmosphäre spielt das Orchester großartig, was manchmal sogar konträr zur Szene passiert. Beispiels­weise dieser Moment, wenn Gounod die Zeit für Faust umkehrt und ihn verjüngt, vom Orchester so berührend gespielt, von der Regie verhampelt. In Punkto franzö­si­scher Eleganz und Luftigkeit haben die Musiker und der Dirigent noch nicht das richtige Maß gefunden, was vermutlich auch an der Akustik des Hauses liegt. Sobald das Orchester über das Piano hinaus geht und Kalajdzic noch stärke Akzente setzen möchte, klingt es eher westfä­lisch-direkt als franzö­sisch. Hier dürfte sich aber in den nächsten Wochen die richtige Klang­farbe einspielen.

Foto © Sarah Jonek

Ansonsten kann sich das Publikum über eine sehr gute musika­lische Umsetzung der Oper freuen. Allen voran das neue Ensemble-Mitglied Dušica Bijelić, der die Marguerite noch besser liegt als ihre gute Gräfin Almaviva. Ihre stabile Mittellage sitzt von dem Moment an, wenn sie den Chanson du Roi de Thule anstimmt. Dazu kann sie ihren Sopran fast feder­leicht führen, wenn sie sich in der Juwelen-Arie über den Glanz der Ketten und Ringe freut. Und schließlich überstrahlt sie mit geschmack­voller Dramatik das Schluss­terzett. Auch die vokale Chemie mit ihrem Bühnen­partner Daniel Pataky stimmt. Dass dem Tenor der Faust liegt, ist zu erwarten gewesen. Sein Timbre mag leicht nasal sein, aber er trans­por­tiert die Wesenszüge des unglück­lichen Doktors mit freier Eleganz und mühelosen Spitzen­tönen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass sein Salut! demeure chaste et pure einen vokalen Höhepunkt der Aufführung markiert. Optisch bildet der windige Kimura einen guten Kontrast zu ihm. Der in Höchstform agierende Bass wirbelt ungebremst über die Bühne, wäre vielleicht ohne die  Regie­an­wei­sungen sogar nicht ganz so plakativ vorder­gründig. Denn in seiner ebenfalls agilen Stimm­führung zeigt Kimura, dass er der Rolle mehr als nur Tempo abgewinnen kann, indem er den Nihilismus unter­mauert, den gerade eine Figur wie der Joker braucht.

Auch der Rest des Ensembles ist absolut überzeugend. Evgueniy Alexiev führt seinen Bariton in der Übergangslage des Valentin etwas eng, aber wie immer überzeugt er mit starkem Charakter und melan­cho­li­schem Einschlag in seinem Timbre, was gerade die Todes­szene sehr berührend macht. Marija Jokovic besteht in der gesamten Bandbreite der Tessitura des Siebel, und Katja Starke ist nahezu überbe­setzt als Marthe. Und wenn eine Figur wie Wagner vokal ebenso präsent ist wie Méphis­to­phélès und Valentin, dann hat der Bariton alles richtig gemacht – in diesem Fall ist das Enrico Wenzel. Auch das Chorkol­lektiv – die Herren des Extra­chores sowie der Biele­felder Opernchor, einstu­diert von Hagen Enke – sind in jeder Hinsicht mit Hingabe dabei. Auffallend ist aber, dass der Soldaten-Ohrwurm-Chor im dritten Akt gemessen an den voran­ge­gangen Chorstellen fast etwas verhalten über die Rampe kommt. Es gibt aber keinen Anlass für falsche Beschei­denheit, liebe Herren!

Von Corona-Furcht ist im Publikum nichts zu merken. Das Theater ist sehr gut besucht. Es gibt im Laufe der Aufführung schon viel Beifall und dann einen starken Schluss­ap­plaus, in dem auch das Regieteam keine Ablehnung erfährt. Überra­schend ist, dass den Sängern eher weniger Bravos entge­gen­schallen, als sie verdient hätten. Dagegen gehört das Gerede zu den Aktan­fängen leider mittler­weile zu den obliga­to­ri­schen schlechten Umgangs­formen dazu. Die Damen, die sich das falsche Genre ausge­sucht hatten, sind übrigens bis zum Schluss geblieben.

Rebecca Broermann

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