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Kurz vor Beginn der Premiere von Faust stellen noch zwei Besucherinnen fest, dass dieser Gelehrte nicht von Goethe, sondern von Gounod geschrieben wurde und dass im Orchestergraben Musiker sitzen. Nix mit Schauspiel, große französische Oper steht auf dem Programm. Und während die Bielefelder Philharmoniker unter Alexander Kalajdzic in das Vorspiel eintauchen, sorgt Johann Kaiser direkt für einen der einprägsamsten Momente des Abends. Auf dem gewaltigen Lametta-Vorhang, der schon im normalen Licht des Theaters schimmert und funkelt, spielt sich ein farbenreiches, assoziationsreiches Spektakel ab. Während das Licht im Zuschauerraum nur ganz langsam ausgeht, scheint er erst grünlich zu schimmern und erinnert an das philosophische Science-Fiction-Märchen Matrix, dann verfärbt sich das untere Ende gefährlich rötlich, während darüber heller Glitzer tanzt. Eine Anspielung auf Seelen im Fegefeuer, oder auf den Kampf gut – böse, eine Hommage an den Prolog im Himmel bei Goethe, der ja bei Gounod bekanntlich keine Rolle spielt.
Wenn das erste Wort gesungen wird, Rien – Nichts, dann ist auch so gut wie nichts auf der Bühne zu sehen. Keine Kammer eines Gelehrten, sondern der überspitzte Albtraum von Altersarmut umgibt den alten Faust. Hier gibt es keine Möglichkeit für ihn auszuweichen, wenn Mephistopheles aus der Klappe im Boden in seine Welt steigt. Welche Sicht Regisseur Tomo Sugao auf das Werk verfolgt, wird anhand seiner Figur sehr deutlich. Die Maske hat Bass Yoshiaki Kimura in eine Mischung aus Batman-Bösewicht Joker und den Horror-Clown schlechthin, Pennywise aus Stephen Kings Es, verwandelt. Anarchist trifft auf das personifizierte Böse. An sich eine spannende Idee, allerdings werden die Möglichkeiten dieser Figur nicht vollends ausgenutzt. Sugao bringt vor allem viel Bewegung auf die Bühne, wenn dieser böse Spaßmacher gefolgt von ebenso hyperaktiven Dämonen umherwirbelt und die Welt ins Chaos stürzt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Nicht, dass er es schwer hätte. Die Gesellschaft, auf die der junge Faust und der Spielmacher treffen, ist schon von Grund auf korrumpiert. Mehr als Alkohol, Waffen und dumme Flirtspielchen scheint man nicht zu kennen. Timo Dentler und Okarina Peters brechen durch zwei Universal-Kostüme die Menschen schablonenhaft herab. Die Männer tragen einen studentischen Anzug aus Goethes Zeiten, adrett mit Weste und Brille, der Revolver dient dazu, die Gewaltbereitschaft der – auf der Bühne nicht existenten – Soldaten anzudeuten. Die Frauen sind in süße rosafarbene Kleidchen mit gelber Schleife und blonden Perücken gekleidet, deren naive Träume ebenso leicht platzen wie der gelbe Luftballon, den sie mit sich tragen. Auch Faust, Marguerite und ihr Bruder Valentin sind in dieser gleichen Oberflächlichkeit verhaftet, wenngleich natürlich noch mit einigen Schattierungen. Dementsprechend sind sie den teuflischen Spielchen, die keinerlei tieferen existentiellen Hintergrund zu haben scheinen, gnadenlos ausgesetzt. Der vierte Akt mit dem Tod des Valentin und Marguerites Visionen in der Kirche sind beklemmende Momente, die die Hoffnungslosigkeit untermauern. Die himmlischen Gerettet-Rufe am Ende der Oper sind zwangsläufig blanker Hohn.
Ein bisschen mehr Widerstand, ein bisschen mehr Tiefgang hätte es ruhig sein dürfen. Aber immerhin ist es eine energiegeladene, temporeiche Produktion. Die Rastlosigkeit auf der Bühne wird allerdings auch – etwas sinnfrei – durch das Hin- und Herschieben des Bühnenbildes erzeugt. Drei verschachtelte Elemente wie aus einer Puppenbühne erzeugen Tiefe und Rahmen, aber auch dreidimensionale Spielmöglichkeiten sowie schnelle Verwandlungen. Zusammen mit der Bewegungsregie ergibt das ein hohes Tempo, aber manchmal hätte ein bisschen Ruhe auf der Bühne dem Werk auch gut gestanden.
Die Bielefelder Philharmoniker unter Alexander Kalajdzic geben der Oper dann schon noch eine Portion mehr Pathos und Spiritualität hinzu. In Punkto Atmosphäre spielt das Orchester großartig, was manchmal sogar konträr zur Szene passiert. Beispielsweise dieser Moment, wenn Gounod die Zeit für Faust umkehrt und ihn verjüngt, vom Orchester so berührend gespielt, von der Regie verhampelt. In Punkto französischer Eleganz und Luftigkeit haben die Musiker und der Dirigent noch nicht das richtige Maß gefunden, was vermutlich auch an der Akustik des Hauses liegt. Sobald das Orchester über das Piano hinaus geht und Kalajdzic noch stärke Akzente setzen möchte, klingt es eher westfälisch-direkt als französisch. Hier dürfte sich aber in den nächsten Wochen die richtige Klangfarbe einspielen.

Ansonsten kann sich das Publikum über eine sehr gute musikalische Umsetzung der Oper freuen. Allen voran das neue Ensemble-Mitglied Dušica Bijelić, der die Marguerite noch besser liegt als ihre gute Gräfin Almaviva. Ihre stabile Mittellage sitzt von dem Moment an, wenn sie den Chanson du Roi de Thule anstimmt. Dazu kann sie ihren Sopran fast federleicht führen, wenn sie sich in der Juwelen-Arie über den Glanz der Ketten und Ringe freut. Und schließlich überstrahlt sie mit geschmackvoller Dramatik das Schlussterzett. Auch die vokale Chemie mit ihrem Bühnenpartner Daniel Pataky stimmt. Dass dem Tenor der Faust liegt, ist zu erwarten gewesen. Sein Timbre mag leicht nasal sein, aber er transportiert die Wesenszüge des unglücklichen Doktors mit freier Eleganz und mühelosen Spitzentönen. Fast überflüssig zu erwähnen, dass sein Salut! demeure chaste et pure einen vokalen Höhepunkt der Aufführung markiert. Optisch bildet der windige Kimura einen guten Kontrast zu ihm. Der in Höchstform agierende Bass wirbelt ungebremst über die Bühne, wäre vielleicht ohne die Regieanweisungen sogar nicht ganz so plakativ vordergründig. Denn in seiner ebenfalls agilen Stimmführung zeigt Kimura, dass er der Rolle mehr als nur Tempo abgewinnen kann, indem er den Nihilismus untermauert, den gerade eine Figur wie der Joker braucht.
Auch der Rest des Ensembles ist absolut überzeugend. Evgueniy Alexiev führt seinen Bariton in der Übergangslage des Valentin etwas eng, aber wie immer überzeugt er mit starkem Charakter und melancholischem Einschlag in seinem Timbre, was gerade die Todesszene sehr berührend macht. Marija Jokovic besteht in der gesamten Bandbreite der Tessitura des Siebel, und Katja Starke ist nahezu überbesetzt als Marthe. Und wenn eine Figur wie Wagner vokal ebenso präsent ist wie Méphistophélès und Valentin, dann hat der Bariton alles richtig gemacht – in diesem Fall ist das Enrico Wenzel. Auch das Chorkollektiv – die Herren des Extrachores sowie der Bielefelder Opernchor, einstudiert von Hagen Enke – sind in jeder Hinsicht mit Hingabe dabei. Auffallend ist aber, dass der Soldaten-Ohrwurm-Chor im dritten Akt gemessen an den vorangegangen Chorstellen fast etwas verhalten über die Rampe kommt. Es gibt aber keinen Anlass für falsche Bescheidenheit, liebe Herren!
Von Corona-Furcht ist im Publikum nichts zu merken. Das Theater ist sehr gut besucht. Es gibt im Laufe der Aufführung schon viel Beifall und dann einen starken Schlussapplaus, in dem auch das Regieteam keine Ablehnung erfährt. Überraschend ist, dass den Sängern eher weniger Bravos entgegenschallen, als sie verdient hätten. Dagegen gehört das Gerede zu den Aktanfängen leider mittlerweile zu den obligatorischen schlechten Umgangsformen dazu. Die Damen, die sich das falsche Genre ausgesucht hatten, sind übrigens bis zum Schluss geblieben.
Rebecca Broermann