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Aufwühlend und unbequem

JAKOB LENZ
(Wolfgang Rihm)

Besuch am
24. Juni 2018
(Premiere am 9. Juni 2018)

 

Theater Bielefeld

Eine berühmte Einleitung für histo­rische Stoffe lautet: Nach einer wahren Geschichte. Freilich ist Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz kein Histo­ri­en­schinken, sondern beruht mit dem Libretto von Michael Fröhling auf der Erzählung Lenz von Georg Büchner, der dieser Figur weit über deren paranoider Schizo­phrenie eine sozial­kri­tische Stimme gibt. Histo­risch verbürgt sind Lenz‘ Begeg­nungen mit dem Philo­sophen Christoph Kaufmann und dem Pfarrer Oberlin, bei dem Lenz im Frühjahr 1778 zu Gast ist und dort von den ersten Anfällen der Krankheit heimge­sucht wird. Zweihundert Jahre später hat Rihms Kammeroper ihre Premiere in Hamburg, mit der der erst 27-jährige Komponist eine radikale Musik­sprache in den Raum wirft, durch die die Zuhörer mit den emotio­nalen und kogni­tiven Schwan­kungen des Dichters konfron­tiert werden.

Das Theater Bielefeld bietet nun mit seinen Stadt­theater-Bedin­gungen fast den perfekten Rahmen für das Werk. Bühne und Zuschau­erraum ufern nicht aus, bieten aber gleich­zeitig den Raum für großes Musik­theater. Immerhin hat man ja auch in der Saison noch Otello und Das Rheingold gespielt. Da Jakob Lenz nicht über etwas verfügt, was man eine tatsäch­liche Handlung nennt, sondern lediglich über einen Erzähl­faden mit dreizehn Bildern, muss man eine Regie aufbieten, die sich an das Innen­leben des Dichters heran­traut. Nadja Loschky schafft es in einer unglaublich inten­siven Perso­nen­führung, sich nicht nur auf die Musik Rihms einzu­lassen, sondern auch gleich­zeitig ein spannendes Psycho­gramm auf die Bühne zu bringen, das in seiner Atmosphäre auch nie eine Sekunde langweilig wird. Zentrum ist der psychische Zustand selbst, wo alles was um Lenz herum passiert, ihn wie ein Nebel heimsucht und auch wieder verschwindet. Ulrich Leitner setzt dafür die Drehbühne ein, die sich vor einem inneren, raumar­tigen Bühnen­zentrum im Uhrzei­gersinn bewegt und immer wieder neue Konstel­la­tionen mit den sechs Stimmen schafft. Das sind Geister, Visionen, reale Begeg­nungen, Erinne­rungen, Wahnvor­stel­lungen – alles eben nicht genau greifbar und so, auf der Bühne unter­stützt durch vier hervor­ragend spielende Statisten, auf den Punkt gebracht. Loschky mischt in den inneren Kampf auch die Erinne­rungen des ehema­ligen Theolo­gie­stu­denten Lenz hinein, so dass seine Begeg­nungen mit den sechs Stimmen ganz leicht an den Kreuzweg Jesu erinnern. Irina Spreckel­meyer deutet histo­rische Kostüme an, um einen zeitlichen Kontext zu bewahren, bleibt aber immer noch vage genug, um die Wahrnehmung Lenz mit auszu­drücken. So wird dessen Pullover, auf den er seinen Kopf immer wieder bettet, am Ende zu einer Zwangsjacke.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Real wirken in diesem Kontext nur Oberlin und Kaufmann, die dank der Insze­nierung scharfes Profil fern alles Mitleides erhalten. So darf Lorin Wey für Kaufmann seinem Tenor fast grelle, aggressive Züge abgewinnen, um zu Lenz überhaupt durch­zu­dringen. So ist er der Gegenpol zu dem in seiner Hilflo­sigkeit fast passiven Oberlin. Moon Soo Park singt ihn mit einem milden, freund­lichen Bass, passend für einen Philan­thropen, der am Ende überfordert kapitu­lieren muss.

Rihms Musik ist zugegeben für Ohren, die Mozart, Rossini, Verdi und Wagner gewohnt sind, schwer, sehr schwer. Die teils harten Inter­valle, die enormen harmo­ni­schen Spannungen machen anderthalb Stunden Oper zu einer Heraus­for­derung und das nicht nur für die Zuhörer. Auch die sechs Stimmen leisten vokale Schwerst­arbeit, und daher müssen sie namentlich genannt werden: Christine Enke-Mollnar, Franziska Hösli, Orsolya Ercsényi, Sofio Maskha­rashvili, Yun-Geun Choi und Enrico Wenzel sind szenisch wie musika­lisch ein wesent­licher Bestandteil der Aufführung. Gleiches gilt für die zwei Kinder, verkörpert von Sophia Klemisch und Hanne Lingnau.

Foto © Bettina Stöß

Natürlich ruhen alle Augen und Ohren auf ihm: Evgueniy Alexiev muss – indis­po­niert angesagt – eine Oper bestreiten, die an sich eine Ein-Mann-Show ist. Dank der Insze­nierung und der Leistung der anderen Darsteller fällt das vielleicht nicht so auf, und doch macht Alexiev klar, dass es so ist. Ob er nun indis­po­niert ist oder nicht, fällt bei dieser Partitur gar nicht so ins Gewicht. Statt­dessen nötigt der Total­einsatz, dieses große Hinein­fühlen des Baritons aller­größten Respekt ab. Begonnen hat er die Spielzeit als Jago, wo er schon einen psycho­pa­thi­schen Strip­pen­zieher spielen musste. Bei seinem Jakob Lenz hat man nun das Gefühl auf der anderen, selbst­zer­stö­re­ri­schen Seite der Medaille zu stehen.

Großen Respekt muss man auch dem Kapell­meister Gregor Rot zollen, dessen Hände immer wieder oberhalb des Orches­ter­grabens auftauchen, um den Sängern wertvolle Einsätze in der so schweren Musik­struktur zu geben. Elf Instru­men­ta­listen der Biele­felder Philhar­mo­niker als musika­lische Spiegelung der elf Sänger sind der Ausgangs­punkt einer spannenden Atmosphäre, in der die Stimmung jäh umschlägt. Rhyth­misch sehr genau, um die Zählzeiten als sichere Tritt­steige für die Sänger zu hinter­lassen, ist die Inter­pre­tation alles andere als nur begleitend. Auch hier kann man sich als Hörer nie sicher sein, was real und was Fiktion ist.

Allzu viele Zuschauer haben sich leider in die Nachmit­tags­vor­stellung am Sonntag nicht einge­funden, aber doch mehr als erwartet und die meisten von ihnen bleiben sogar sitzen. Der Applaus am Schluss fällt vielleicht etwas einge­schüchtert aus, aber dennoch sehr respek­tabel. Danach sind Mienen, die zöger­lichen Stimmen unsicher. Das Erlebte muss verar­beitet werden. Was kann Musik­theater mehr erreichen?

Christoph Broermann

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