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Eine berühmte Einleitung für historische Stoffe lautet: Nach einer wahren Geschichte. Freilich ist Wolfgang Rihms Kammeroper Jakob Lenz kein Historienschinken, sondern beruht mit dem Libretto von Michael Fröhling auf der Erzählung Lenz von Georg Büchner, der dieser Figur weit über deren paranoider Schizophrenie eine sozialkritische Stimme gibt. Historisch verbürgt sind Lenz‘ Begegnungen mit dem Philosophen Christoph Kaufmann und dem Pfarrer Oberlin, bei dem Lenz im Frühjahr 1778 zu Gast ist und dort von den ersten Anfällen der Krankheit heimgesucht wird. Zweihundert Jahre später hat Rihms Kammeroper ihre Premiere in Hamburg, mit der der erst 27-jährige Komponist eine radikale Musiksprache in den Raum wirft, durch die die Zuhörer mit den emotionalen und kognitiven Schwankungen des Dichters konfrontiert werden.
Das Theater Bielefeld bietet nun mit seinen Stadttheater-Bedingungen fast den perfekten Rahmen für das Werk. Bühne und Zuschauerraum ufern nicht aus, bieten aber gleichzeitig den Raum für großes Musiktheater. Immerhin hat man ja auch in der Saison noch Otello und Das Rheingold gespielt. Da Jakob Lenz nicht über etwas verfügt, was man eine tatsächliche Handlung nennt, sondern lediglich über einen Erzählfaden mit dreizehn Bildern, muss man eine Regie aufbieten, die sich an das Innenleben des Dichters herantraut. Nadja Loschky schafft es in einer unglaublich intensiven Personenführung, sich nicht nur auf die Musik Rihms einzulassen, sondern auch gleichzeitig ein spannendes Psychogramm auf die Bühne zu bringen, das in seiner Atmosphäre auch nie eine Sekunde langweilig wird. Zentrum ist der psychische Zustand selbst, wo alles was um Lenz herum passiert, ihn wie ein Nebel heimsucht und auch wieder verschwindet. Ulrich Leitner setzt dafür die Drehbühne ein, die sich vor einem inneren, raumartigen Bühnenzentrum im Uhrzeigersinn bewegt und immer wieder neue Konstellationen mit den sechs Stimmen schafft. Das sind Geister, Visionen, reale Begegnungen, Erinnerungen, Wahnvorstellungen – alles eben nicht genau greifbar und so, auf der Bühne unterstützt durch vier hervorragend spielende Statisten, auf den Punkt gebracht. Loschky mischt in den inneren Kampf auch die Erinnerungen des ehemaligen Theologiestudenten Lenz hinein, so dass seine Begegnungen mit den sechs Stimmen ganz leicht an den Kreuzweg Jesu erinnern. Irina Spreckelmeyer deutet historische Kostüme an, um einen zeitlichen Kontext zu bewahren, bleibt aber immer noch vage genug, um die Wahrnehmung Lenz mit auszudrücken. So wird dessen Pullover, auf den er seinen Kopf immer wieder bettet, am Ende zu einer Zwangsjacke.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Real wirken in diesem Kontext nur Oberlin und Kaufmann, die dank der Inszenierung scharfes Profil fern alles Mitleides erhalten. So darf Lorin Wey für Kaufmann seinem Tenor fast grelle, aggressive Züge abgewinnen, um zu Lenz überhaupt durchzudringen. So ist er der Gegenpol zu dem in seiner Hilflosigkeit fast passiven Oberlin. Moon Soo Park singt ihn mit einem milden, freundlichen Bass, passend für einen Philanthropen, der am Ende überfordert kapitulieren muss.
Rihms Musik ist zugegeben für Ohren, die Mozart, Rossini, Verdi und Wagner gewohnt sind, schwer, sehr schwer. Die teils harten Intervalle, die enormen harmonischen Spannungen machen anderthalb Stunden Oper zu einer Herausforderung und das nicht nur für die Zuhörer. Auch die sechs Stimmen leisten vokale Schwerstarbeit, und daher müssen sie namentlich genannt werden: Christine Enke-Mollnar, Franziska Hösli, Orsolya Ercsényi, Sofio Maskharashvili, Yun-Geun Choi und Enrico Wenzel sind szenisch wie musikalisch ein wesentlicher Bestandteil der Aufführung. Gleiches gilt für die zwei Kinder, verkörpert von Sophia Klemisch und Hanne Lingnau.

Natürlich ruhen alle Augen und Ohren auf ihm: Evgueniy Alexiev muss – indisponiert angesagt – eine Oper bestreiten, die an sich eine Ein-Mann-Show ist. Dank der Inszenierung und der Leistung der anderen Darsteller fällt das vielleicht nicht so auf, und doch macht Alexiev klar, dass es so ist. Ob er nun indisponiert ist oder nicht, fällt bei dieser Partitur gar nicht so ins Gewicht. Stattdessen nötigt der Totaleinsatz, dieses große Hineinfühlen des Baritons allergrößten Respekt ab. Begonnen hat er die Spielzeit als Jago, wo er schon einen psychopathischen Strippenzieher spielen musste. Bei seinem Jakob Lenz hat man nun das Gefühl auf der anderen, selbstzerstörerischen Seite der Medaille zu stehen.
Großen Respekt muss man auch dem Kapellmeister Gregor Rot zollen, dessen Hände immer wieder oberhalb des Orchestergrabens auftauchen, um den Sängern wertvolle Einsätze in der so schweren Musikstruktur zu geben. Elf Instrumentalisten der Bielefelder Philharmoniker als musikalische Spiegelung der elf Sänger sind der Ausgangspunkt einer spannenden Atmosphäre, in der die Stimmung jäh umschlägt. Rhythmisch sehr genau, um die Zählzeiten als sichere Trittsteige für die Sänger zu hinterlassen, ist die Interpretation alles andere als nur begleitend. Auch hier kann man sich als Hörer nie sicher sein, was real und was Fiktion ist.
Allzu viele Zuschauer haben sich leider in die Nachmittagsvorstellung am Sonntag nicht eingefunden, aber doch mehr als erwartet und die meisten von ihnen bleiben sogar sitzen. Der Applaus am Schluss fällt vielleicht etwas eingeschüchtert aus, aber dennoch sehr respektabel. Danach sind Mienen, die zögerlichen Stimmen unsicher. Das Erlebte muss verarbeitet werden. Was kann Musiktheater mehr erreichen?
Christoph Broermann