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Für den Saisonauftakt hat sich das Theater Bielefeld einen Evergreen der Musicalgeschichte ausgesucht und hat quasi noch vor der Premiere das berühmte kleene Stückchen Glück. Für alle Vorstellungen von My Fair Lady in diesem Jahr gibt es – wenn überhaupt – nur noch vereinzelte Karten. Unter das Premierenpublikum haben sich auch jüngere Mädchen gemischt, die ihren Eltern doch manch überraschten Blick zuwerfen, wie sich der Phonetiker Professor Henry Higgins über das Blumenmädchen Eliza, über ihre Sprache und über Frauen im Allgemeinen äußert. Ja, im 21. Jahrhundert schaut man noch mal anders auf den Stoff und entdeckt aktuelle Diskussionen, die man im Jahr der New Yorker Uraufführung, 1956, höchstens hinter vorgehaltener Hand geführt hat. Im zweiten Teil gibt es dann die Genugtuung, wenn immer mehr deutlich wird, dass sich Higgins in sein einstiges Versuchsobjekt verliebt hat.
In Bielefeld geht man das Musical ganz traditionell an und hat das Glück, dass Ulv Jakobsen mit einem optischen Augenschmaus aufwartet. Eine Kulisse auf der Drehbühne, die auf der einen Seite das Wohnzimmer von Higgins zeigt und auf der anderen Seite eine flexible Außenfassade für die Straßenszenen. Das Ganze kann auch noch schnell abgebaut und in den Bühnenhintergrund gezogen werden. Mit einem präzisen Timing, das wichtig ist für den flüssigen Ablauf eines Musicals, laufen die Umbauten ab und auch die Choreografien von Thomas Klotz werden auf den Punkt serviert, ohne dass der Abend zu einer albernen Tanzveranstaltung verkommt. Regisseur Thomas Winter geht die Handlung in einer Rückblende an, einsetzend am Ende, wenn Higgins über den ersten Besuch von Eliza in seinem Haus sinniert. Von dort an wird flüssig durcherzählt, die musikalischen Einlagen geschickt mit den Dialogen verbunden. Gesprochen beziehungsweise gesungen wird in der deutschen Übersetzung von Robert Gilbert, in dem der wunderbare Berliner Dialekt auf Hochdeutsch trifft.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Das Allerwichtigste ist aber, dass man einfach sieht und hört, dass die Akteure ihr Publikum unterhalten wollen. Sie scheinen sich in den Kostümen von Jakobsen auch richtig wohl zu fühlen. Er kann sich auch auf diesem Sektor stilvoll austoben. Die dreckige Straßenkleidung im Kontrast zum eleganten Abendoutfit, die extravagante Garderobe für das Escort-Rennen samt der herrlichen Hüte, dazwischen Higgins die meiste Zeit in seinem Tweed-Anzug. Kleider machen eben Leute, und der von Hagen Enke einstudierte Bielefelder Opernchor absolviert seine Rollenwechsel mit Hingabe, zumal sich auch viele Chormitglieder mit kleinen solistischen Einlagen einbringen können.
Die Interaktion mit den Hauptrollen funktioniert bestens, zumal die sehr passend besetzt sind. Theresa Christahl vollzieht die Entwicklung der Eliza mit Bravour, anfangs herrlich jammernd und gleichzeitig mit der richtigen Straßenschläue. Dazu eine sehr schöne Stimme, mit der sie die Linien von Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht ausfüllen kann. Alexander Franzen kehrt als Higgins den unsympathischen Kotzbrocken raus und lässt gleichzeitig immer wieder durchblicken, wie sehr das sein Schutzschild vor echten Gefühlen ist. Kai Hufnagel darf sich als sein Wettpartner Oberst Hugh Pickering verständnisvoller und empathischer zeigen. Wunderbar mit englischer Ausstrahlung besetzt sind die Haushälterin Ms Pearce und Higgins‘ Mutter mit Melanie Kreuter und Monika Mayer.

Zwei der großen Hits des Musicals – Mit ’nem kleenen Stückchen Glück und Bringt mich pünktlich zum Altar – gehören Elizas Vater Alfred P. Doolittle, und das Bühnentier Dirk Audehm nutzt seine Chance, die mit dem richtigen Händchen für Text, Musik und Komik zu servieren. Und wenn Lorin Wey wunderschön schmierend und schmachtend In der Straße, mein Schatz, wo du lebst vorträgt, dann weht ein Hauch der Comedian Harmonists durch das Stadttheater. Ein ganz schlimmer Ohrwurm …
Unter der Leitung von William Ward Murta, der die Tempi für eine hohe Textverständlichkeit bewusst breit wählt, präsentieren sich die Bielefelder Philharmoniker mit dem Klang eines versierten Tanzorchesters. Stellenweise hapert es noch ein wenig im Rhythmuswechsel, aber das wird sich über die kommenden Vorstellungen einspielen. Etwas nachbessern sollte das Theater noch in der Tonabmischung. Auch wenn die elektronische Verstärkung an sich recht gut klingt, kommt es häufig vor, dass letztendlich der Ton des Orchesters über dem der Sänger liegt und die in den Hintergrund drückt.
Murta und der für das Licht zuständige Johann Kaiser nutzen die Vorspiele zum ersten und zweiten Teil, um das Publikum langsam an den Musicalabend heranzuführen. Die Zuschauer empfinden diese Teile als U‑Musik und interpretieren den Begriff so, dass man sich noch laut unterhalten darf, während die Instrumente schon die ersten Schlager vorwegnehmen. Wenn dann auf der Bühne gesprochen wird, ist zum Glück Ruhe. Der Applaus ist schließlich voller Begeisterung und bestätigt das, was der Kartenvorverkauf schon vorausgeahnt hat: My Fair Lady ist ein Saisonerfolg.
Christoph Broermann