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Kulturmagazin mit Charakter
Dir rat ich, meide den Ring! Erdas Warnung an Wotan hat sich das Theater Bielefeld zumindest fast zu Herzen genommen. Während fast überall im Land auch kleinere Theater – man blicke nach Oldenburg – an Wagners Ring-Zyklus schweißen und schmieden, konzentriert man sich in Bielefeld nur auf den Vorabend Das Rheingold. Warum auch nicht? Eigentlich sind die großen Kerngedanken hier schon alle enthalten, das Ende der Götter schon vorweggenommen. Es ist ein dankbares Stück, das unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anregen kann. In der Inszenierung von Mizgin Bilmen allerdings gerät das Endspiel ziemlich zäh. Vielleicht eben auch, weil sie zusammen mit dem Dramaturgen Jón Philipp von Linden Echtzeitkritik mit der Keule übt. Wenn Wotan und Loge nach Nibelheim hinabsteigen – und nicht nur dann – werden Flüchtlingskrise und Kriegsgräuel in den Videos auf die Rückwand der Bühne projiziert. Macht zwar wenig Sinn, aber Hauptsache man macht die Gesellschaft einmal mehr auf den Zusammenhang von Ausbeutung, Kapitalismus und den aktuellen Krisenherden aufmerksam. Vielleicht hat es jemand noch nicht verstanden.
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Unverständlich bleibt, warum die Riesen, die Bauherren Wallhalls, als Soldaten und dazu noch in unterschiedlichen Uniformen unterwegs sein müssen. Dabei versteht sich doch Alexander Djurkov Hotter eigentlich auf eine tolle Sprache der Kleidung, wie er an den Göttern demonstriert. Die Lichtalben laufen in enganliegendem Weiß umher, poppig, glitzernd und gleichzeitig mit mythologischen Andeutungen. Angedeutet ist von Cleo Niemeyer ein zeitloser Raum, der durch zwei schräge Wände, erinnernd an Brückenpfeiler, gebildet wird. Nur geringfügig genutzt, langweilt die Kulisse schon nach einer halben Stunde. Die Personenführung von Bilmen rettet da wenig. Viel zu selten lässt sie die Darsteller wirklich agieren, sondern verdonnert sie zu distanziertem Stehtheater. Auch im Timing sind manche Auftritte sehr seltsam. Der beste Gedanke gelingt Bilmen mit den Statisten, die als Erdlinge wie Würmer auf dem Boden der Bühne liegen. Alberich raubt einen von ihnen als Rheingold, später verwandelt er sich mit ihrer Hilfe in den Riesenwurm und die Kröte. All das sind schöne Ideen, deren Sinn auch klar erkennbar sind, was aber nichts nützt, wenn sie darstellerisch nur gebremst und teilweise auch unlogisch umgesetzt werden. Denn der Tarnhelm an sich, den Alberich, Loge und auch Fafner gezielt ansprechen, also eine notwendige Requisite, ist nicht existent. Das Schlussbild ist dagegen einleuchtend. Die Götter beuten die Erdwürmer, aus denen auch Erda aufgetaucht ist, aus, suhlen sich in goldenem Lametta und auf der Rückwand ist ausgetrocknete Erde. Der Kampf um die Ressource Wasser wäre – wenn man sich darauf konzentriert hätte – ein perfekter Rahmen für das Rheingold gewesen.

Leider gerät auch der musikalische Fluss der Bielefelder Philharmoniker immer wieder ins Stocken. Schon in das mystische Vorspiel des Rheins schleichen sich einige Luftlöcher. Allerdings deutet sich in der noch etwas durchwachsen gespielten Premiere an, dass es hier Potenzial zur Steigerung gibt. Denn wenn die Philharmoniker auf den Punkt spielen, dann hört man nicht nur den Konversationston heraus, den Dirigent Alexander Kalajdzic sucht, was sich angesichts der kleinen Orchesterfassung auch anbietet. Nicht, dass die Philharmoniker nicht auch im Großformat auftrumpfen dürfen. Aber Kalajdzic sucht überwiegend den Zugang über viele Details, was sängerfreundlich ist, aber dem Abend auch etwas die Zugkraft raubt, die durch die Inszenierung eh schon deutlich eingeschränkt ist.
Die Sängerbesetzung bleibt ebenso durchwachsen, was aber daran liegt, dass die beiden Ausreißer nach unten einfach von der Direktion falsch besetzt sind. Das größte Problem hat ausgerechnet der sonst so zuverlässige Yoshiaki Kimura, der ein großartiger Kasper im Freischütz war, dem aber der Alberich eine Spur zu hoch liegt. Man hört, wie er sich um einen kultivierten Gesang bemüht, um seine Stimme zu schonen, wodurch allerdings sämtliche Dramatik der so wichtigen Partie auf der Strecke bleibt, und von der Regie bekommt er auch kaum Hilfe. Dazu geht ihm im vierten Bild die Kraft aus. Davor hätte das Haus ihn bewahren können. Gast-Bariton Olaf Haye enttäuscht als Donner, was „hoffentlich nur“ an diesem Abend an einer nicht angesagten Indisposition liegt. Seine kraftlose, brüchige Stimme wird umso deutlicher, weil sein Bühnenbruder Lianghua Gong als ein manchmal zu hoch intonierender Froh ihn in allen Kriterien des klassischen Gesangs weit hinter sich lässt. Solide Höhenflüge bietet Melanie Kreuter als Freia.
Sebastian Pilgrim hat für den Fafner ein schönes, dunkles Timbre parat. Den Bruder Fasolt verkörpert Moon Soo Park mit etwas mehr Nachdruck. Nienke Otten, Hasti Molavian und Nohad Becker bilden ein sehr homogenes Rheintöchter-Terzett, das sich in den Harmonien und in ihren Kostümen gleichermaßen schön bewegen. Lorin Wey lässt mit sehr lyrisch gesungenen Phrasen des Mime aufhorchen, zeigt aber auch „dreckige Töne“. Den Auftritt der Erda muss eine Altistin auskosten können, und Katja Starke macht aus diesem Moment des szenischen Stillstands eine aufregende Warnung. In der Fricka hat Sarah Kuffner ihre beste Rolle seit langem gefunden, die sie wortdeutlich und ausdrucksstark vorträgt. Eine tolle Aussprache hat auch Frank Dolphin Wong als Wotan, den er vielleicht eine Spur zu einfarbig singt. Sein Timbre bringt aber genügend Souveränität für den Gott mit, und er liefert eine tadellose Leistung ab. Übertroffen wird er nur noch von Alexander Kaimbacher, der dem Loge genau die richtige Mischung aus Technik und Interpretation gibt. Er singt so deutlich, dass man sogar jeden Versprecher versteht und spielt sich als schwarzes Schaf des Götterclans in den Mittelpunkt. Großartig!
Folgerichtig gibt es für ihn auch den lautesten Applaus, in einem sehr kräftigen, aber keinesfalls überschwänglichen Beifall, der auch das Regieteam ohne Abstriche mit einbezieht. Trotz dieses Erfolges bleibt die Entscheidung richtig, den Ring schon an seinem Anfang enden zu lassen.
Christoph Broermann