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EVERYTHING THAT HAPPENED AND WOULD HAPPEN
(Heiner Goebbels)
Besuch am
23. August 2019
(Deutsche Erstaufführung)
Stefanie Carp, die derzeitige Intendantin der Ruhrtriennale, ihren engen Mitstreiter Christoph Marthaler und den Komponisten Heiner Goebbels verbindet einiges: Der intellektuelle Anspruch der Programme und die Gefahr, den letzten Rest an Bodenhaftung zu verlieren. Drängte Marthaler in seiner Eröffnungs-Produktion Nach den letzten Tagen. Ein Spätabend sinnlich-theatralische Elemente an die Grenze der Null-Linie, geht es bei Heiner Goebbels in der Deutschen Erstaufführung seiner „Kreation“ Everything that happened and would happen zwar wesentlich bunter, aktiver und lauter zu, so dass die zweieinviertelstündige, natürlich pausenlos ablaufende Mixtur aus Rezitationen, Klangimprovisationen, Videoeinblendungen und unermüdlichen Umbauten der Bühnenszenarien Hirn, Ohr und Auge weniger ermüdet als Marthalers Trockenkost. Was Heiner Goebbels mit dem riesigen Aufwand jedoch aussagen will, wird dadurch nicht klarer und bleibt im Dunkeln.
Die Geschichte des 20. Jahrhunderts taucht als Thema im Programmheft auf. Goebbels möchte sein Werk jedoch weder als Dokumentation noch als Anklage, Totenfeier oder gar als Lehrtheater verstanden wissen. Mit anderen Worten: Goebbels nimmt überhaupt keine Position ein und überlässt das Multimedia-Spektakel sich selbst. Und dem Publikum, das sich einem gewaltigen Puzzle an Eindrücken ausgesetzt sieht und nach einem konzeptionellen Zusammenhang sucht, den es gar nicht gibt.

Selbst die Orientierung an dem einzigen „roten Faden“ der Produktion hilft nur begrenzt. Goebbels lässt ausführlich aus dem einstigen Bestseller Europeana des tschechischen Autors Patrik Ouředník rezitieren, der auf 140 Seiten die Geschichte Europas mit augenzwinkernder Ironie Revue passieren lässt. Allerdings sind die Texte in Bochum, wenig publikumsfreundlich, nur in englischer, teilweise sogar russischer und französischer Sprache ohne Übertitel zu hören.
Die riesige Spielfläche der Bochumer Jahrhunderthalle flankieren fünf unter anderem mit Schlagzeug, Saxofon und Keyboards ausgestattete Musiker, während eine Armada an Statisten und „Performance“-Künstlern damit beschäftigt ist, die Bühne mit alten Versatzstücken aus einer Goebbels-Inszenierung von John Cages Musiktheater Europeras zu füllen, mit der Heiner Goebbels 2012 seine Intendanz der Ruhrtriennale eröffnete. So werden Podeste herangeschleppt und wieder umgeworfen, es werden geheimnisvolle Schriftzeichen und Unmengen von Stoffen ausgelegt, ausgebreitet und wieder eingerollt. Dazu gibt es als Videoeinblendungen „Euronews“ aus Goebbels‘ bevorzugter Nachrichtensendung No comment, in der aktuelle Bilder ohne jeden Kommentar gezeigt werden. Die Demonstrationen in Hongkong und Proteste gegen Glycosat in Frankreich stellen eine zeitnahe Verbindung her, aber keine Verbindung zu Musik, Bühnenbild und auch nur begrenzt zu den rezitierten Texten.
Wenn angesichts der Reizüberflutung etwas nachhaltiger haften bleibt, dann ist es das wirklich spektakuläre Finale, wenn nach einer zart-süßlichen Elegie auf dem Onde Martenot, einem frühen elektronischen Keyboard mit verführerischen Glissando-Effekten, ein Klanginferno aus Live- und elektronischen Klängen einsetzt, das sich zu einer gewaltigen Druckwelle steigert, die den Zuhörer geradezu in die Stühle presst.
Nach dem letzten Ton drängen sich einige markante Buhrufe in den Vordergrund. Der Großteil des Bochumer Premierenpublikums reagiert mit freundlichem, nicht gerade enthusiastischem und auch nicht besonders langem Beifall. So wichtig solche Experimente für ein Festival wie die Ruhrtriennale sein mögen: Stefanie Carp sollte nicht vergessen, dass die Triennale als kulturelles Bürgerfest gegründet wurde. Intendanten wie Gerard Mortier, Jürgen Flimm und Willy Decker haben gezeigt, dass sich Anspruch und Unterhaltungswert auch auf hohem Niveau verbinden lassen.
Pedro Obiera