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Foto © Fred Debrock

Die Veränderung der Welt

DER HAMILTONKOMPLEX
(Lies Pauwels)

Besuch am
3. Januar 2019
(Premiere am 2. November 2018)

 

Schau­spielhaus Bochum, Kammerspiele

Oft schleppe sie eine Idee jahrelang mit sich herum, ehe sich das Material so verdichtet hat und die Gedanken so geordnet sind, dass daraus eine neue Produktion entstehen könne, erzählt Lies Pauwels. So geisterte fünf Jahre lang die Idee durch ihren Kopf, ihre Skizzen- und Konzept­bücher, ein Stück über die Verän­derung der Welt zu entwi­ckeln, eine Verän­derung, wie sie die meisten lebenden Menschen wohl noch nicht erlebt haben, sieht man vielleicht einmal von den Weltkriegs­über­le­benden ab. Die große Wehklage auf der Bühne zu erheben, ist die Sache der Regis­seurin aus dem belgi­schen Gent nicht. Statt­dessen suchte sie lange nach einer vergleich­baren existen­zi­ellen, aber indivi­du­ellen Veränderung.

Und da gibt es im Leben des mensch­lichen Indivi­duums wohl tatsächlich nur drei Zeitpunkte, die existen­ziell sind. Geburt, Tod und – die Pubertät. Pauwels entschied sich für die Zeit der Pubertät, jene gräss­liche Mensch­werdung, die mit so vielen Verän­de­rungen verbunden ist, dass oft ein Menschen­leben dafür kaum auszu­reichen scheint. Es ist die Zeit der ganz großen Gefühle, aber auch der Träume und Illusionen, die wir nie wieder danach so intensiv erleben werden. Dreizehn dreizehn­jährige Mädchen lässt die Regis­seurin auf der Bühne antreten, um im Hamil­ton­komplex die gewünschte Paral­le­lität herzu­stellen und verdreht damit die Rollen­er­war­tungen. Dass Kinder für Erwachsene spielen, ist schon recht ungewöhnlich. So viel sei schon verraten: Das Konzept geht nicht auf. Und zwar im denkbar positiven Sinne. Denn die Darstel­le­rinnen werden so sehr überzeugen, dass man sich für die drama­ti­schen, derzeit statt­fin­denden Umwäl­zungen in der Welt weitaus weniger inter­es­siert als für die Befind­lich­keiten der Pubertierenden.

POINTS OF HONOR

Musik



Darstellung



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Und das bei einem zwar zugkräf­tigen, aber durchaus schwie­rigen Titel. David Hamilton war ein Fotograf und Filme­macher, der in den 1980-er Jahren mit seinen weich­ge­zeich­neten, freizü­gigen Bildern von minder­jäh­rigen Mädchen einiges Aufsehen erregte. Sein Film Bilitis wurde ein Welterfolg, bei dem Nachfolger Zärtliche Kusinen hatte sich die Aufregung schon wieder gelegt. Später wurden die Bilder nur noch als anregend für Päderasten angesehen. Mädchen wie Anja Schüte oder Patti d’Arbanville gelang es dennoch, aus ihren Auftritten in Bilitis heraus eine Karriere zu starten. Und von keinem der Mädchen, die so zahlreich in Hamiltons Bildbänden gezeigt wurden, ist bekannt, dass es dazu gezwungen worden sei. Spätere Vorwürfe, Hamilton habe minder­jährige Mädchen verge­waltigt, wurden nicht geklärt, weil der Fotograf vorher starb. Selbst, wenn man unter dem Begriff Hamil­ton­komplex verstehen möchte, dass bis heute Dreizehn­jährige zu allem bereit wären, um Karriere zu machen, hinkt der Begriff etwas. Denn das Problem­be­wusstsein gab es zu dieser Zeit noch gar nicht. Und ganz nebenbei spielt Hamilton im Stück die aller­ge­ringste Bedeutung.

Schön so. Denn die Insze­nierung steht für sich. Schon das Bühnenbild von Chloe Lamford trifft das Thema auf den Punkt. Ein paar Vorhänge im Hinter­grund zeigen roman­tische Motive ebenso wie das Bild, das im Hinter­grund hängt. Die Statue eines Pferdes schaut hinter einem Vorhang hervor und verwandelt sich später in ein Einhorn. Ein paar griechische Säulen sind im hinteren Drittel verteilt und deuten auf die Zeitlo­sigkeit des Themas hin. Über der Bühne hängt eine gebogene Traverse, an der allerhand Spielzeug aufge­hängt ist. Fragmente eines Kinder­zimmers aller­orten. Noch ist es der Rückzugsort, in dem die erste große Liebe beweint wird, ehe unver­mittelt die Wirklichkeit hereinbricht.

Aber was ist die Wirklichkeit im Leben einer Dreizehn­jäh­rigen? Es gibt so viele Lebens­be­reiche. Die Liebe. Die Mode. Die Freun­dinnen. Zwischen­durch die Katastrophen der Welt, für die man gerade keine Zeit hat. Immer wieder die Musik, die sich täglich verändert. Die eigene Sicherheit. Die Sicherheit anderer, in die einge­brochen wird. Verge­wal­ti­gungs­ängste. Frühschwan­ger­schaft. Disco. Schön­heits­wett­be­werbe. Allein das, was die Mädchen auf der Bühne in wildem Wechsel zeigen, macht einen schwindlig. Dagegen ist das, was in der Welt passiert, doch ein Klacks.

Foto © Fred Debrock

Pauwels zieht in Bochum noch eine Zwischen­ebene ein. Da haben die Mädchen auf der Bühne alle einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Und bringen auch da noch mal ihren Erfah­rungs­schatz ein. Schlimm genug, dass da überhaupt Erfah­rungen notwendig sind. Nach eindrei­viertel Stunden haben die Mädels einen geschafft. Es sind Schüle­rinnen aus Bochum und Castrop-Rauxel, die sich bis zur Selbst­aufgabe einbringen. Und nein, früher war nicht alles besser. Aber vielleicht überschaubarer.

Die Musik, die Pauwels ausge­wählt hat und überwiegend vom Band kommt, hämmert in den Raum, überzeugt nicht immer in der Themenwahl, lässt unglück­li­cher­weise gerade bei den klassi­schen Stücken wie Arien von Rossini oder Graun Lücken, während englische oder franzö­sische Stücke auf dem Monitor mitzu­lesen sind, treibt aber das Grauen voran, das der Aufführung ebenfalls innewohnt.

Am Ende, das im Land of Hope and Glory von Vera Lynn untergeht, erheben sich die Zuschauer spontan von ihren Sitzen, um die Schüle­rinnen und Stefan Gota, der als Bodybuilder versucht, das Geschehen auf der Bühne zusam­men­zu­halten und mit seinem Posing auch ältere Besuche­rinnen noch zu begeistern versteht, mit stürmi­schem Beifall zu feiern. Dazu gehören auch die abgefah­renen, aber bestens durch­dachten Kostüme von Johanna Trudzinski, in denen die Mädchen so aussehen, dass man sich wünscht, sie alsbald wieder in „richtiger“ Bekleidung zu sehen, weil das hier wirklich allen­falls Pädophile begeistern kann. Ein großar­tiger Abend geht zu Ende, der nur noch am kommenden Wochenende zu erleben ist.

Bochum liegt um die Ecke, und wer dieses Ereignis noch erleben will, muss sich beeilen, um noch eine Karte zu ergattern. Denn die Nachfrage ist auch bei den letzten Auffüh­rungen noch riesengroß. Lange hat man nicht mehr solche Schlangen vor der Abend­kasse gesehen. Zurecht.

Michael S. Zerban

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