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I WANT ABSOLUTE BEAUTY
(Diverse Komponisten)
Besuch am
15. August 2024
(Generalprobe)
Künstler leben ihre eigene Timeline. Das Alter – nicht mehr als eine Zahl, eine Zäsur in der Biografie. Das Renteneintrittsalter, von vielen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ersehnt, ist jenen oft nur eine Durchgangsstation in der künstlerischen Biografie. Ivo Van Hove, seit dieser Saison Intendant der Ruhrtriennale bis 2026, startet mit Kreativität und Neugier dagegen durch.
Und was macht er als Erstes? Er erinnert sich an die Arten der Inspiration, die seine mittleren Jahre bestimmt haben. In den letzten Monaten hat Van Hove, wie er erzählt, noch einmal die Alben von PJ Harvey, Jahrgang 1969, angehört. „In diesem Prozess hat sich eine Geschichte, ein Erzählfaden, abgezeichnet“. Eine musikalische und kulturelle Erkundungsreise, instinktiv und impulsiv geprägt, an deren Ende die Auswahl von vorläufig 28 Songs steht.

Der angestrebte Horizont nichts weniger als die Suche nach der absoluten Schönheit: I Want Absolute Beauty. Zitiert aus einem Interview von PJ Harvey. Herausgekommen ist eine Mischung aus Musik – Pop, Rock, Klassik gleichberechtigt nebeneinander – Theater, Tanz und Video: „Ich suche noch nach der richtigen Bezeichnung“. Jedenfalls sind Geschichten zu erzählen, Storytelling mit einer weiten Perspektive. Darum geht es ihm programmatisch ausdrücklich, ist ihm ein zentrales Anliegen seiner Intendanz: „Die Ruhrtriennale wird bunter, offener und bleibt doch die Ruhrtriennale mit ihrer besonderen Mischung an Genres in den phänomenalen Kulissen der Industriekultur“.
In Zusammenarbeit mit PJ Harvey, den Tänzern von (La) Horde und der außergewöhnlichen Schauspielerin und Sängerin Sandra Hüller ist eine rauschhafte Performance zu erleben. Auf dem mit schwarz torfigem Sand bestreuten Boden in der Jahrhunderthalle Bochum entwickeln die Akteure in der thematischen Abfolge – 1 Grow, 2 Love and Personal and Political Disappointments, 3 Big Exit, 4 Back Home – eine faszinierend dynamisch bewegliche, Schweiß treibende Interpretation mit Tanz, Akrobatik und Gesang. Auf einem sich über die gesamte Bühnenbreite spannenden LED-Screen doppeln sich die visuellen Wahrnehmungen. Sie driften gleichsam in einen suggestiven Bilder-Sound-Kosmos. Imaginieren eine Vergangenheit von Körperidentitäten und Gefühlen, die nicht vergangen sind. Sie sind in dem Moment lebendiger denn je.
Sandra Hüller zeigt unglaubliche Präsenz von Stimme und Körper. Dass die Frau eine Naturgewalt mit extremem Charisma, kraftvoll und emotional ist, wie es Van Hove ausdrückt, davon wird man vom ersten Moment an gleichsam eingefangen. Glaubwürdiger kann man Harveys Song-Geschichten nicht in einer Einheit von Gesang, Spiel und Bewegung interpretieren, als sie es in der Jahrhunderthalle tut. Allein schon die Songs und die Musik von Neil Claes, Alban Sarens, Lisa Van der Aa und Anke Verslype reichen aus, um Geschichten zu erzählen.
Mit I Want Absolute Beauty startet die Ruhrtriennale 2024 künstlerisch anspruchsvoll und spektakulär. In jedem Fall, so lässt sich vorab sagen, sicher einer der Höhepunkte im Eröffnungsjahr der neuen Intendanz.
Peter E. Rytz