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Foto © Caroline Seidel

Im Zufallsgenerator des Lebens

WE ARE THE LUCKY ONES
(Philip Venables)

Besuch am
5. September 2025
(Premiere am 4. September 2025)

 

Ruhrtri­ennale, Jahrhun­dert­halle Bochum

In der nicht ausver­kauften Jahrhun­dert­halle Bochum zeigt die Ruhrtri­ennale 2025 als deutsche Erstauf­führung We Are the Lucky Ones des briti­schen Kompo­nisten Philip Venables, der, inspi­riert von Annie Ernaux’ autobio­gra­fi­schem Roman Die Jahre, seine erste Oper für großes Orchester zur Aufführung bringt. Im Libretto von Ted Huffman und Nina Segal wird der Ansatz erweitert, indem man über 70 Menschen inter­viewte, die in den 1940-er Jahren geboren wurden, und sie fragte: „Was ist Ihre lebhaf­teste Erinnerung?“ und „Was haben Sie nie jemandem erzählt?“. Dabei zeichnen sie das Porträt einer Gewinner-Generation, die mit wenig begann, wachsenden Wohlstand erlebte und nun eine Welt hinter­lässt, die kein Wachstum mehr zu vertragen scheint. In gut 100 Minuten entsteht in über 60 Szenen ein Mosaik aus Musik und Sprache, das Erinne­rungen und Erzäh­lungen, Träume und Erfah­rungen aus Privatem und Politi­schen mitein­ander vermengt. Nie waren die Aufstiegs­chancen größer als für die nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt aufge­wachsene Generation. Und der gesell­schaft­liche und wirtschaft­liche Aufstieg auf der einen Seite und die Menetekel einer sich verän­dernden Welt auf der anderen Seite stecken in all den akusti­schen und optischen Erzäh­lungen, die Venables Musik­theater bestimmen. Auf den Bühnen­hin­ter­grund werden Fotos proji­ziert, die einen jeden Besucher an die mit Schwarzweiß- und Farbfotos gefüllten Kisten und Alben der eigenen Famili­en­ge­schichte erinnern. Dabei ist absolut neben­sächlich, dass die Fotos teilweise von Künst­licher Intel­ligenz generiert sind. Der fragmen­ta­ri­schen Erinne­rungs­kultur tut es keinen Abbruch.

Ted Huffman als Regisseur, Bühnen- und Kostüm­bildner entwirft für die Ruhrtri­ennale eine adaptierte Version der im Frühjahr bereits in Amsterdam urauf­ge­führten Produktion. Zu sehen ist eine extrem reduzierte, karge Bühne, die als quadra­tische Galerie den Orches­ter­graben umsäumt, der aber für die Besucher nicht einsehbar ist. Die westliche Giebel­fassade der Jahrhun­dert­halle mit ihren acht gewal­tigen Fenstern dient dabei als Bühnen­hin­ter­grund und wird zur Projek­ti­ons­fläche. Die wenigen Requi­siten der Insze­nierung sind zwei Leitern, zwei Kerzen­leuchter, Sektflöten, ein rahmen­loses Landschaftsbild und eine Glühbirne. Die Leere füllt sich erst mit dem Auftritt der acht Protago­nisten in feiner Abend­gar­derobe mit Leben. Singend, springend, tanzend und rezitierend parlieren die Sänger­dar­steller über die Redundanz des Lebens und werden dabei zur kollek­tiven Stimme der westlichen Boomer-Generation. Positive indivi­duelle Erfah­rungen wie der erste Kuss, der erste Kinobesuch, der Verzehr einer ersten Orange oder der erste Urlaub werden negativen Erinne­rungen an einen Unfall, an die Scheidung oder gar dem System­wechsel nach der Mauer­öffnung gegen­über­ge­stellt. Ein wenig Struktur erhält die colla­ge­artige Anein­an­der­reihung durch einge­blendete Jahres­zahlen angefangen von 1945 und endend mit 2025. Stimu­liert wird das chrono­lo­gische Konstrukt mit Jahres­zahlen, die für histo­rische Zäsuren stehen, unter anderem die Ölkrise 1973, der Mauerfall 1989 oder die Jahrtau­send­wende. In dynami­scher Abfolge hört man Geschichten, die schon hundertmal erzählt wurden und sieht Fotomotive, die man schon hundertmal gesehen hat.

Foto © Caroline Seidel

Und wäre es nicht diese Auswahl an Geschichten, so würden sich Hundert andere Geschichten finden lassen, die das Leben der Boomer-Generation skizzenhaft abbilden und dem Betrachter bekannt und vertraut erscheinen. Je mehr Zeit auf der Bühne verstreicht, desto mehr weicht Euphorie und unerschüt­ter­licher Aufstiegs­glaube mensch­lichem Zweifel. Zweifel an den wahren Gefühlen, den richtigen Entschei­dungen, dem rechten Weg. Zweifel, die keineswegs nur die Generation der unmit­telbar Nachkriegs­ge­bo­renen beschleichen. Es scheinen Zweifel zu sein, die generell den Menschen bedingen, ganz gleich welcher Generation sie angehören.

Und genau hier zeigt sich die Schwach­stelle der Produktion: Es fehlt der Fokus. Die vielen Anekdoten erscheinen wie Zitate aus dem Zufalls­ge­nerator des Lebens. Den durch­num­me­rierten Akteuren fehlt es an identi­fi­ka­ti­ons­stif­tender Persön­lichkeit – alle Geschichten sind irgendwie bekannt und doch viel zu abstrakt, scheinen beliebig austauschbar und zeigen letztlich ein äußerst mattes Kalei­doskop des Seins. Es gibt zahlreiche berüh­rende, sehr intime Momente in der Insze­nierung, die sich aber gegen die infla­tionäre Bilderflut und die vielen Allge­mein­plätze nicht behaupten können. Wenige inhalt­liche Tiefen bleiben dennoch in Erinnerung. So der Monolog des Sängers Nr. 8: „Ich sehe die Dinge in der heutigen Welt, von denen ich nie gedacht hätte, sie nochmal in diesem Leben zu sehen!“

Musika­lisch gestaltet sich der Abend äußerst anspruchsvoll und lebendig. Die polyphone Kompo­sition von Philip Venables gleicht einem bunten musika­li­schen Strauß der letzten 80 Jahre. Glaubt man sich akustisch zwischen den Anklängen von Westside Story und der Matrix-Filmmusik einge­funden zu haben, wird das musika­lische Spektrum erweitert und variiert. Eine Mischung aus Swing, Jazz, Big-Band-Sound, epischer Filmmusik und Tango vermi­schen sich mit wohltem­pe­rierten Klängen zeitge­nös­si­scher Klassik, fast durchweg tonal, konsu­me­rabel und leicht zugänglich. Venables zeigt sich als Meister der Bildsprache. Gleich zu Beginn der Aufführung ertönt aus dem Orches­terraum ein gewal­tiger Schock- und Ehrfurcht-Akkord, der die Dramatik des Abends vorzeichnen soll. Das erste Schälen einer Orange wird von den Klängen eines Close-Harmony-Oktetts ironisch-spiele­risch kommen­tiert. Die Ankunft eines Neuge­bo­renen lässt ein spärliches, metal­li­sches Klimpern der obersten Saiten einer Harfe erklingen. Das Anstimmen einer Ukulele oder die schwingend sphäri­schen Klänge wasser­ge­füllter Kristall­gläser zeigen musika­lische Zartheiten. Akustisch ist der Abend äußerst anregend und komplex.

Das Stück ist für zwei Soprane, einen Mezzo, eine Altstimme, zwei Tenöre, einen Bariton und einen Bass geschrieben. Das Ensemble der Dutch National Opera ist erstklassig und bewältigt den Abend mit anspruchs­voller Stimm­kultur und darstel­le­ri­scher Verve.

Die Sopra­nistin Claron McFadden berührt mit feinsin­niger, lyrischer Stimm­färbung. Sophia Burgos überzeugt mit der enormen Strahl­kraft ihres jugend­lichen Soprans. Mezzo­so­pra­nistin Nina van Essen gefällt mit ihrer geschmei­digen, kraftvoll leuch­tenden und agilen Stimme. Ganz besonders hervor­zu­heben ist Helena Rasker, die mit wunderbar warmkon­tu­rierter Altstimme für sich einnimmt. Der junge Tenor Steven van der Linden gestaltet seine Partie mit emotio­naler Tiefe und großer Sicherheit beim Singen und Spielen. Frederick Ballentine hingegen muss verlet­zungs­be­dingt auf ein Übermaß an Bewegung verzichten, dafür strahlt seine kraft­volle Tenor­stimme umso mehr. Bariton Michael Wilmering sorgt für eine nuancen­reiche Inter­pre­tation der zahlreichen Rollen, die er glaubhaft in Szene setzt. Das Herren­en­semble wird von Alex Rosen abgerundet, dessen Bass gleicher­maßen sonor, melodisch und voluminös klingt.

Allen Sänger­dar­stellern darf ein hohes Maß an überzeu­gender Spiel­freude und Ausdrucks­stärke attes­tiert werden, wobei auch nur sie es sind, denen das Geschehen auf der Bühne überant­wortet bleibt. Besonders faszi­nierend ist die stets variie­rende Vielstim­migkeit des Ensembles. Solostimmen wechseln zu Duetten und Terzetten, in denen sich die Betei­ligten immer wieder neu zusam­men­finden, zuweilen auch zum eigenen, stimm­ge­wal­tigen Chor werden.

Während die Sänger mit verstär­kenden Mikro­ports wohl den akusti­schen Erfor­der­nissen der Jahrhun­dert­halle zu entsprechen haben, ist der Klang der Bochumer Sympho­niker raumfüllend und authen­tisch. Unter der musika­li­schen Leitung von Bassam Akiki trium­phiert das schon über viele Jahrzehnte sehr experi­men­tier­freudige Orchester. Klang­fülle und Klang­ba­lance der äußerst facet­ten­reichen Partitur werden präzise und trans­parent herausgearbeitet.

Entspre­chend wohlver­dient der große Applaus für das Orchester, wobei sicherlich auch ein Stück lokale Verbun­denheit ausschlag­gebend ist. Das gesamte Sänger­ensemble wird freundlich, aber nicht frene­tisch beklatscht und nur wenige Besucher erheben sich beim Schluss­ap­plaus von ihren Sitzen.

Selbst die Einspielung von Bonnie Tylors Total Eclipse of the Heart ändert daran nichts. Der Gesamt­re­zeption der minima­lis­ti­schen Produktion bleibt doch eher verhalten. Der zündende Funke will einfach nicht überspringen. Und somit scheint sich die kritische Bilanz der ersten Produk­tionen der diesjäh­rigen Ruhrtri­ennale auch auf We are the lucky ones übertragen zu lassen. Intendant Ivo von Hove kann mit seiner Auswahl nicht zufrieden sein. Angesichts von Landes­mitteln in Höhe von 17 Millionen Euro und dem gleich­zei­tigen Überle­bens­kampf der kommu­nalen Stadt­thea­ter­land­schaft sind kritische Fragen erlaubt. Vielleicht gelingt es der Intendanz im nächsten Jahr mehr zu überzeugen. Die Gloriole von Lydia Steier als Inten­dantin der Ruhrtri­ennale ab 2027 gleißt schon am Horizont.

Bernd Lausberg

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