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WE ARE THE LUCKY ONES
(Philip Venables)
Besuch am
5. September 2025
(Premiere am 4. September 2025)
In der nicht ausverkauften Jahrhunderthalle Bochum zeigt die Ruhrtriennale 2025 als deutsche Erstaufführung We Are the Lucky Ones des britischen Komponisten Philip Venables, der, inspiriert von Annie Ernaux’ autobiografischem Roman Die Jahre, seine erste Oper für großes Orchester zur Aufführung bringt. Im Libretto von Ted Huffman und Nina Segal wird der Ansatz erweitert, indem man über 70 Menschen interviewte, die in den 1940-er Jahren geboren wurden, und sie fragte: „Was ist Ihre lebhafteste Erinnerung?“ und „Was haben Sie nie jemandem erzählt?“. Dabei zeichnen sie das Porträt einer Gewinner-Generation, die mit wenig begann, wachsenden Wohlstand erlebte und nun eine Welt hinterlässt, die kein Wachstum mehr zu vertragen scheint. In gut 100 Minuten entsteht in über 60 Szenen ein Mosaik aus Musik und Sprache, das Erinnerungen und Erzählungen, Träume und Erfahrungen aus Privatem und Politischen miteinander vermengt. Nie waren die Aufstiegschancen größer als für die nach dem Zweiten Weltkrieg in der westlichen Welt aufgewachsene Generation. Und der gesellschaftliche und wirtschaftliche Aufstieg auf der einen Seite und die Menetekel einer sich verändernden Welt auf der anderen Seite stecken in all den akustischen und optischen Erzählungen, die Venables Musiktheater bestimmen. Auf den Bühnenhintergrund werden Fotos projiziert, die einen jeden Besucher an die mit Schwarzweiß- und Farbfotos gefüllten Kisten und Alben der eigenen Familiengeschichte erinnern. Dabei ist absolut nebensächlich, dass die Fotos teilweise von Künstlicher Intelligenz generiert sind. Der fragmentarischen Erinnerungskultur tut es keinen Abbruch.
Ted Huffman als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner entwirft für die Ruhrtriennale eine adaptierte Version der im Frühjahr bereits in Amsterdam uraufgeführten Produktion. Zu sehen ist eine extrem reduzierte, karge Bühne, die als quadratische Galerie den Orchestergraben umsäumt, der aber für die Besucher nicht einsehbar ist. Die westliche Giebelfassade der Jahrhunderthalle mit ihren acht gewaltigen Fenstern dient dabei als Bühnenhintergrund und wird zur Projektionsfläche. Die wenigen Requisiten der Inszenierung sind zwei Leitern, zwei Kerzenleuchter, Sektflöten, ein rahmenloses Landschaftsbild und eine Glühbirne. Die Leere füllt sich erst mit dem Auftritt der acht Protagonisten in feiner Abendgarderobe mit Leben. Singend, springend, tanzend und rezitierend parlieren die Sängerdarsteller über die Redundanz des Lebens und werden dabei zur kollektiven Stimme der westlichen Boomer-Generation. Positive individuelle Erfahrungen wie der erste Kuss, der erste Kinobesuch, der Verzehr einer ersten Orange oder der erste Urlaub werden negativen Erinnerungen an einen Unfall, an die Scheidung oder gar dem Systemwechsel nach der Maueröffnung gegenübergestellt. Ein wenig Struktur erhält die collageartige Aneinanderreihung durch eingeblendete Jahreszahlen angefangen von 1945 und endend mit 2025. Stimuliert wird das chronologische Konstrukt mit Jahreszahlen, die für historische Zäsuren stehen, unter anderem die Ölkrise 1973, der Mauerfall 1989 oder die Jahrtausendwende. In dynamischer Abfolge hört man Geschichten, die schon hundertmal erzählt wurden und sieht Fotomotive, die man schon hundertmal gesehen hat.

Und wäre es nicht diese Auswahl an Geschichten, so würden sich Hundert andere Geschichten finden lassen, die das Leben der Boomer-Generation skizzenhaft abbilden und dem Betrachter bekannt und vertraut erscheinen. Je mehr Zeit auf der Bühne verstreicht, desto mehr weicht Euphorie und unerschütterlicher Aufstiegsglaube menschlichem Zweifel. Zweifel an den wahren Gefühlen, den richtigen Entscheidungen, dem rechten Weg. Zweifel, die keineswegs nur die Generation der unmittelbar Nachkriegsgeborenen beschleichen. Es scheinen Zweifel zu sein, die generell den Menschen bedingen, ganz gleich welcher Generation sie angehören.
Und genau hier zeigt sich die Schwachstelle der Produktion: Es fehlt der Fokus. Die vielen Anekdoten erscheinen wie Zitate aus dem Zufallsgenerator des Lebens. Den durchnummerierten Akteuren fehlt es an identifikationsstiftender Persönlichkeit – alle Geschichten sind irgendwie bekannt und doch viel zu abstrakt, scheinen beliebig austauschbar und zeigen letztlich ein äußerst mattes Kaleidoskop des Seins. Es gibt zahlreiche berührende, sehr intime Momente in der Inszenierung, die sich aber gegen die inflationäre Bilderflut und die vielen Allgemeinplätze nicht behaupten können. Wenige inhaltliche Tiefen bleiben dennoch in Erinnerung. So der Monolog des Sängers Nr. 8: „Ich sehe die Dinge in der heutigen Welt, von denen ich nie gedacht hätte, sie nochmal in diesem Leben zu sehen!“
Musikalisch gestaltet sich der Abend äußerst anspruchsvoll und lebendig. Die polyphone Komposition von Philip Venables gleicht einem bunten musikalischen Strauß der letzten 80 Jahre. Glaubt man sich akustisch zwischen den Anklängen von Westside Story und der Matrix-Filmmusik eingefunden zu haben, wird das musikalische Spektrum erweitert und variiert. Eine Mischung aus Swing, Jazz, Big-Band-Sound, epischer Filmmusik und Tango vermischen sich mit wohltemperierten Klängen zeitgenössischer Klassik, fast durchweg tonal, konsumerabel und leicht zugänglich. Venables zeigt sich als Meister der Bildsprache. Gleich zu Beginn der Aufführung ertönt aus dem Orchesterraum ein gewaltiger Schock- und Ehrfurcht-Akkord, der die Dramatik des Abends vorzeichnen soll. Das erste Schälen einer Orange wird von den Klängen eines Close-Harmony-Oktetts ironisch-spielerisch kommentiert. Die Ankunft eines Neugeborenen lässt ein spärliches, metallisches Klimpern der obersten Saiten einer Harfe erklingen. Das Anstimmen einer Ukulele oder die schwingend sphärischen Klänge wassergefüllter Kristallgläser zeigen musikalische Zartheiten. Akustisch ist der Abend äußerst anregend und komplex.
Das Stück ist für zwei Soprane, einen Mezzo, eine Altstimme, zwei Tenöre, einen Bariton und einen Bass geschrieben. Das Ensemble der Dutch National Opera ist erstklassig und bewältigt den Abend mit anspruchsvoller Stimmkultur und darstellerischer Verve.
Die Sopranistin Claron McFadden berührt mit feinsinniger, lyrischer Stimmfärbung. Sophia Burgos überzeugt mit der enormen Strahlkraft ihres jugendlichen Soprans. Mezzosopranistin Nina van Essen gefällt mit ihrer geschmeidigen, kraftvoll leuchtenden und agilen Stimme. Ganz besonders hervorzuheben ist Helena Rasker, die mit wunderbar warmkonturierter Altstimme für sich einnimmt. Der junge Tenor Steven van der Linden gestaltet seine Partie mit emotionaler Tiefe und großer Sicherheit beim Singen und Spielen. Frederick Ballentine hingegen muss verletzungsbedingt auf ein Übermaß an Bewegung verzichten, dafür strahlt seine kraftvolle Tenorstimme umso mehr. Bariton Michael Wilmering sorgt für eine nuancenreiche Interpretation der zahlreichen Rollen, die er glaubhaft in Szene setzt. Das Herrenensemble wird von Alex Rosen abgerundet, dessen Bass gleichermaßen sonor, melodisch und voluminös klingt.
Allen Sängerdarstellern darf ein hohes Maß an überzeugender Spielfreude und Ausdrucksstärke attestiert werden, wobei auch nur sie es sind, denen das Geschehen auf der Bühne überantwortet bleibt. Besonders faszinierend ist die stets variierende Vielstimmigkeit des Ensembles. Solostimmen wechseln zu Duetten und Terzetten, in denen sich die Beteiligten immer wieder neu zusammenfinden, zuweilen auch zum eigenen, stimmgewaltigen Chor werden.
Während die Sänger mit verstärkenden Mikroports wohl den akustischen Erfordernissen der Jahrhunderthalle zu entsprechen haben, ist der Klang der Bochumer Symphoniker raumfüllend und authentisch. Unter der musikalischen Leitung von Bassam Akiki triumphiert das schon über viele Jahrzehnte sehr experimentierfreudige Orchester. Klangfülle und Klangbalance der äußerst facettenreichen Partitur werden präzise und transparent herausgearbeitet.
Entsprechend wohlverdient der große Applaus für das Orchester, wobei sicherlich auch ein Stück lokale Verbundenheit ausschlaggebend ist. Das gesamte Sängerensemble wird freundlich, aber nicht frenetisch beklatscht und nur wenige Besucher erheben sich beim Schlussapplaus von ihren Sitzen.
Selbst die Einspielung von Bonnie Tylors Total Eclipse of the Heart ändert daran nichts. Der Gesamtrezeption der minimalistischen Produktion bleibt doch eher verhalten. Der zündende Funke will einfach nicht überspringen. Und somit scheint sich die kritische Bilanz der ersten Produktionen der diesjährigen Ruhrtriennale auch auf We are the lucky ones übertragen zu lassen. Intendant Ivo von Hove kann mit seiner Auswahl nicht zufrieden sein. Angesichts von Landesmitteln in Höhe von 17 Millionen Euro und dem gleichzeitigen Überlebenskampf der kommunalen Stadttheaterlandschaft sind kritische Fragen erlaubt. Vielleicht gelingt es der Intendanz im nächsten Jahr mehr zu überzeugen. Die Gloriole von Lydia Steier als Intendantin der Ruhrtriennale ab 2027 gleißt schon am Horizont.
Bernd Lausberg