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AIDS-GALA
(Diverse Komponisten)
Besuch am
2. Dezember 2017
(Einmalige Aufführung)
Bochumer Symphoniker, Anneliese-Brost-Musikforum Ruhr, Bochum
Wir warten auf den Tag, an dem keine AIDS-Galas mehr nötig sind“, sagt Bo van der Meulen in einer seiner Anmoderationen für das zweite festliche Konzert der Bochumer Symphoniker für die Deutsche AIDS-Stiftung. Aber immer noch gibt es jährlich etwa 3.000 Neuinfizierte – allein in Deutschland. Also kein Grund, in der Unterstützung von HIV-Infizierten und AIDS-Kranken nachzulassen. Das sehen auch die Musiker so und laden die Bochumer in ihr neues Domizil ein, damit mehr Geld in die Kassen der AIDS-Stiftung gespült wird. Zur Spielzeit 2016⁄17 bezogen die Bochumer Symphoniker das Anneliese-Brost-Musikforum Ruhr gleich neben dem „Bermuda-Dreieck“, der Vergnügungsmeile der Ruhrgebietsstadt. Ein Bau, der mehr als begeistert. Nicht die Spur überkandidelt, aber mit einer fantastischen Akustik ausgestattet. Hier können Konzerte der Extraklasse stattfinden.
Eines davon dürfen die Besucher der Gala genießen. Nach der Ouvertüre zu Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart geht es gleich los mit einer der ungewöhnlichsten Solistinnen der letzten Jahre. Asya Fateyeva sieht sich selbst als „Botschafterin des Saxophons“. Ausdrücklich meint sie dabei den Einsatz des Instruments in der klassischen Musik und nicht im Jazz. Das klingt skurril, wenn sie das Concertino da Camera, also das kleine Kammerkonzert, von Jacques Ibert vorträgt. Hört sich doch ihr Vortrag wie feingesponnenster Jazz an. Oder eben eine Schippe drauf.
Unbemerkt vom Publikum steigert Anika Vavic den Einsatz noch einmal um ein Vielfaches. Die Pianistin, die auf den größten Konzertbühnen dieser Welt zu Hause ist, ist krank. Der Kopf pocht, die Höhe des Fiebers hat sie noch nicht eruiert, die Gliedmaßen sind so lahm wie ein Pfarrer am Taufbecken. Deshalb eine AIDS-Gala absagen, das gehe nicht, sagt sie. Nimmt lieber heftige Schmerzmittel und schleppt sich auf die Bühne, was man ihr beim besten Willen nicht ansieht. Die Notenblätter habe sie nicht einmal wahrgenommen, gesteht sie im Nachhinein. Und spielt den zweiten und dritten Satz des zweiten Klavierkonzerts von Dmitri Schostakowitsch trotzdem, als führte der Komponist selbst ihr die Hände.

Nach der Ouvertüre zu Le nozze di figaro ist es an van der Meulen, auf den Druckfehler im Programm hinzuweisen. Selbstverständlich gibt es keine Zauberflöten-Fantasie mit einem Oboen-Solisten. Ramón Ortega Quero ist eingeladen, um das Oboen-Konzert in C‑Dur von Antonio Vivaldi aufzuführen. Nach den Auftritten von Fateyeva und Vavic fällt die Spannung etwas ab, aber Quero gelingt es, das Publikum auch für Vivaldi und vor allem den Klang seiner Oboe zu begeistern. Valentin Radutiu ist ein begnadeter Cellist und trägt die Romanze von Richard Strauss maßgeblich mit. So richtig lebt das Publikum allerdings erst bei seinem Nachfolger wieder auf, als es hört, dass er zum Konzert seinen Personalausweis mitbringen musste, um nachzuweisen, dass er über 18 Jahre alt ist und nach 22 Uhr auftreten darf. So zumindest scherzt van der Meulen. Und eine Stradivari spiele er, da werden die Besucher heiß. Ob es wirklich das geeignete Instrument für Maurice Ravels Tzigane ist, mag dahingestellt sein. Dass Ziyu He seine Geige beherrscht, steht außer Zweifel.
Dass der Funke auch beim letzten Auftritt überspringt, dafür sorgen zweifelsohne die Bochumer Symphoniker, die ein kongeniales Zuspiel liefern, immer hochkonzentriert und auf den Punkt. Dazu trägt auch ihr Chef Steven Sloane maßgeblich bei, der unaufgeregt und im Zusammenspiel mit Solisten erfahren genug ist, für eine faszinierende Vorstellung zu sorgen, die sich klanglich ganz wunderbar im Saal entfalten kann.
Ob man wirklich die Beiträge der Solisten auf zehn Minuten begrenzen muss, ist ebenso diskutabel wie die Auswahl des Programms. Aber vielleicht müssen es wirklich immer die ganz großen Komponisten-Namen sein, um das Publikum zu locken. Und hier geht es schließlich nicht um Kunst, sondern um AIDS.
In diesem Fall ist es geglückt, die Besucher im gutbesetzten Saal über mehr als zwei Stunden zu begeistern. Langanhaltenden Beifall gibt es für alle Beteiligten, selbst Vavic ist zum Schlussapplaus noch geblieben. Ihr noch mal ein ganz besonderer Beifall, eine solche Haltung ist nicht weit verbreitet.
Michael S. Zerban