O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Dana Schmidt

Beste Werbung für moderne Musik

1920 – 2020: ZWISCHEN ALLEN KULTUREN
(Diverse Komponisten)

Besuch am
12. März 2023
(Einmalige Aufführung)

 

Klavier-Festival Ruhr, Anneliese-Brost-Musik­forum Ruhr, Bochum

Das diesjährige Klavier-Festival Ruhr – kurz KFR – startet offiziell zwar erst am 24. April. Doch schon sechs Wochen vorher präsen­tiert es einen Sonder­termin, der wohl in dieser Art seines­gleichen sucht. Denn an zwei Tagen gibt es im Bochumer Anneliese-Brost-Musik­forum Ruhr fünf Konzerte mit rund zehn Stunden Musik, in deren Verlauf als Querschnitt die Musik­li­te­ratur für Klavier solo aus dem 14. Jahrhundert bis heute zu erleben ist. Jede Veran­staltung wirft ein Licht auf einen Zeitraum von 100 Jahren. Für diese Zeitreise von 500 Jahren zeichnet der inter­na­tional renom­mierte Pianist Kit Armstrong verant­wortlich, der damit zum 18. Mal beim Festival zu Gast ist. Jedem der von ihm zusam­men­ge­stellten fünf Programme hat er ein Motto voran­ge­stellt: „Das Goldene Zeitalter“, „Kontraste“, „Aufklärung“ und „Visionen“ sind die ersten vier.

Bei dem finalen Konzert heißt es Zwischen allen Kulturen. Der Titel passt. Denn es wird Musik kulturell und stilis­tisch unter­schied­licher Herkunft vorge­stellt. In seinen Modera­tionen beschränkt sich Armstrong auf allge­meine Zusam­men­hänge und Entwick­lungen der letzten 100 Jahre. Etwa sind die tradierten Kompo­si­ti­ons­tech­niken nicht mehr rein zielori­en­tiert, wenn etwa andere Stile wie die Gamelan-Musik mit einfließen. Musika­lische Horizonte werden erweitert. Jazz und Klassik wie bei George Gershwin befruchten sich gegen­seitig. Die Weltof­fenheit im 20. Jahrhundert kommt auch in der Musik groß zum Tragen. Die Musik ist plura­lis­tisch geworden. Nur über die Werke und unbekannte Kompo­nisten gibt es keine Erläu­te­rungen. In diesem Zusam­menhang lassen er und das Programmheft das Publikum allein.

Foto © Dana Schmidt

So dürfte der polnisch-ameri­ka­nische Pianist und Komponist Leopold Godowsky, der von 1870 bis 1938 lebte, eher in Fachkreisen bekannt sein. Zu seinen Lebzeiten war sein Name als Pianist wegen seiner unzäh­ligen Tourneen in den Verei­nigten Staaten, Mittel- und Südamerika, Deutschland, Öster­reich-Ungarn, in den fernen Osten, Russland und als Professor an der k.k. Akademie für Musik und darstel­lende Kunst in Wien sehr bekannt. Diesen ausge­zeich­neten Ruf, der etwa mit dem Sergei Rachma­ninows gleich­ge­setzt wird, erlangte er als Komponist jedoch nicht. Fast ausschließlich Klavier­musik schuf er. Denn viele von ihnen und etliche Bearbei­tungen seien überladen. Auch blieb ihm nach dem Ersten Weltkrieg die Moderne fremd. Seine Java-Suite, ursprünglich als Phono­ramas – Tonal journeys for the Piano­forte veröf­fent­licht, ist eine zwölf­sätzige Suite. Sie ist inspi­riert von der besagten Gamelan-Musik Javas in Indonesien, wo er einmal auf Konzert­reise war. Ausschließlich penta­to­nische Harmonien werden verwendet. Daraus stellt Armstrong die zehnte Nummer mit dem Titel In the Kraton vor. Kraton ist eine große Umfriedung in der Mitte von Haupt­städten, in der die Herrscher ihre Paläste haben. Dort leben Adelige, Konku­binen, Sklaven, Hofbeamte, Künstler und Handwerker. Musika­lisch geschildert wird ein Abend im Orient mit maleri­schen Szenen.

So gut wie unbekannt ist wohl Kaikhosru Shapurji Sorabji. Er lebte von 1892 bis 1988 und war ein briti­scher Komponist, Pianist und Musik­kri­tiker parsi­scher Herkunft. Der Indivi­dualist hatte kein leichtes Leben. Er fühlte sich wegen seiner gemischten Abstammung und seiner Homose­xua­lität von der engli­schen Gesell­schaft entfremdet. Überwiegend führte er ein abgeschie­denes Leben. Als Komponist war er ein Autodidakt und musika­li­scher Außen­seiter. Beein­flusst war er etwa von Ferruccio Busoni und Claude Debussy. Sein Stil verbindet barocke Formen mit Polyrhythmen. Tonale und atonale Elemente gehen Hand in Hand. Kennzeichen ist auch seine üppige Ornamentik. Hinzu kommen oft extreme zeitliche Ausmaße und extreme spiel­tech­nische Anfor­de­rungen. Seine harmo­nische Sprache und seine komplexen Rhythmen nahmen Tonschöp­fungen ab Mitte des letzten Jahrhun­derts vorweg. Bis in die frühen 2000-er Jahre blieb seine Musik unver­öf­fent­licht. Erst allmählich wächst das Interesse daran mehr und mehr. Sein klavier­mu­si­ka­li­sches Schaffen ist immens. Seine 100 Trans­cen­dental Studies sind eine Reihe von 100 Klavie­re­tüden, die stark in Stil, Charakter und Länge zwischen einer Minute und 45 Minuten variieren. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sorabji sie mit Franz Liszts Études d’exécution trans­cen­dante vergleichen wollte. Die von Armstrong ins Programm genommene Nummer 26 ist für die linke Hand kompo­niert und besticht durch schnelle Änderungen in Textur und Stimmung sowie extremen techni­schen Heraus­for­de­rungen. Außerdem kommt aus den Three Pastiches for Piano das auf Deutsch Lied des hindu­is­ti­schen Kaufmanns aus Rimsky-Korsakows Oper Sadko zu Gehör.

Foto © Dana Schmidt

Andere präsen­tierte Kompo­nisten und deren Werke sind bestimmt geläu­figer, allen voran Sergei Rachma­ninows Varia­tionen über ein Thema von Corelli. Neu an dieser Varia­ti­onsform ist die Kombi­nation mit der dreitei­ligen Sonaten­haupt­satzform und anschlie­ßender Coda. Das kleine Klavier­stück Für Alina markiert einen Schritt Arvo Pärts hin zum neuen Stil der Schlichtheit mit beispiels­weise einfachsten Melodie­zügen und glocken­ar­tigen Klängen: sein unver­wech­sel­barer „Tintin­nabuli-Stil“. Bekannt ist sicherlich Tōru Takemitsus Stück Rain Tree Sketch II mit seiner Verbindung von japani­schen und europäisch-neuzeit­lichen Stilen. Von den 18 Etüden György Ligetis, die mit zu den bedeu­tendsten Klavier­studien des 20. Jahrhun­derts gehören, spielt Armstrong Arc-en-ciel und Der Zauber­lehrling. Außerdem sind die Nummern sieben und acht aus seiner elftei­ligen Klavier­sammlung Musica ricercar mit dabei. Ausführlich erklärt Armstrong Études de dessin aus seiner eigenen Feder. Und fünf Titel George Gershwins wie The Man I Love, Swanee und I Got Rhythm sind bekanntlich Evergreens.

Die insgesamt 16 Stücke mit ihren mannig­fal­tigen Tonsprachen von reiner Tonalität bis hin zu äußerst komplexer, rhyth­mi­scher Atona­lität führt Armstrong – abgesehen von kleinen Unsau­ber­keiten ganz zu Anfang des Konzerts und bei sehr wenigen halsbre­che­ri­schen Stellen – jeweils wie aus einem Guss auf. Dabei ist stupende hochvir­tuose Klavier­technik nie Selbst­zweck. Vielmehr steht sie ganz im Dienst des musika­li­schen Ausdrucks. Tief ausge­lotet kommen die teils nicht leicht zugäng­lichen Werke von der Bühne. Dank seiner sensiblen Anschlags­kultur werden sämtliche Struk­turen klar und durch­sichtig zum Ausdruck gebracht.

So wundert es nicht, dass aufgrund des hochmu­si­ka­li­schen, tiefgrün­digen Klavier­spiels, das beste Werbung für moderne Musik ist, Armstrong mit langan­hal­tenden, stehenden Ovationen gefeiert wird. Sie ebben erst dann ab, als der Wunsch nach einer Zugabe erkennbar nicht erfüllt wird.

Hartmut Sassen­hausen

Teilen Sie O-Ton mit anderen: