Verschiebungen

ANNNA³
(Alexandra Waierstall)

Besuch am
14. September 2018
(Urauf­führung)

 

Beetho­venfest Bonn, Bundeskunsthalle

Bereits 1949 entstand die Idee einer Bundes­kunst­halle, die den geistigen und kultu­rellen Reichtum der Bundes­re­publik Deutschland angemessen reprä­sen­tieren und ein Forum für den Dialog zwischen Kultur und Politik auch auf inter­na­tio­naler Ebene sein sollte. 1992, also zwei Jahre, nachdem die „Bonner Republik“ mit der Wieder­ver­ei­nigung der beiden deutschen Staaten ihr Ende gefunden hatte, nahm das Museum seinen Betrieb auf. Heute gilt der abwei­sende Protzbau an der Bonner Museums­meile nach eigenen Angaben als eines der besucher­stärksten Museen in Deutschland. Das Forum ist ein Veran­stal­tungssaal mit bis zu 600 Sitzplätzen innerhalb der Bundes­kunst­halle und wird unter anderem vom Beetho­venfest Bonn als Spiel­stätte genutzt. Hier findet die Urauf­führung der Choreo­grafie Annna³ – The worlds of infinite shifts von Alexandra Waier­stall statt. „Die Welten unend­licher Verschie­bungen“ sind bereits die vierte große Arbeit der Choreo­grafin, die von 2014 bis 2016 Residenz­künst­lerin am Tanzhaus NRW in Düsseldorf war.

Foto © Christian Herrmann

Die Bühne, die ebenso wie die Kostüme von Alexandra Waier­stall in Zusam­men­arbeit mit Horst Weier­stall und Lucia Vonrhein entwi­ckelt wurde, wirkt aufge­räumt. Mit goldener Folie umrandet, gibt es zusätzlich zwei goldfarbene, recht­eckige Fläche im Hinter­grund und auf der rechten Seite. Ein paar Knäuel sind auf der weißen Innen­fläche verteilt. Links im Vorder­grund neben der Bühne ist der Arbeits­platz des Musikers Hauschka einge­richtet – ein Flügel und ein Mischpult. Von Anfang an fällt das brillante Licht­design von Caty Olive auf. Dazu hat sie links neun, rechts acht Schein­werfer auf dem Boden aufge­stellt, die links drei hochfor­matige und rechts ein querfor­ma­tiges Segel unter der Decke anstrahlen. Punktuell und sparsam werden zusätzlich wenige Decken­schein­werfer einge­setzt, etwa um Refle­xionen im Hinter­grund zu erzeugen oder ein Tanzsolo in beson­deres Licht zu setzen. So erreicht Olive Effekte, die weit über das übliche Maß bei Tanzauf­füh­rungen hinaus­gehen und immer wieder neue „Welten“ entstehen lassen. Warum dem Licht hier besondere Aufmerk­samkeit geschenkt wird, erklärt sich im Verlauf der Aufführung, wenn es gilt, Nacktheit kunstvoll darzustellen.

POINTS OF HONOR

Musik



Tanz



Choreo­grafie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Sita Ostheimer, Anna Pehrsson und Karolina Szymura heißen die Tänze­rinnen, die sich auf Waier­stalls heraus­for­dernde Choreo­grafie einlassen. Nachein­ander entpuppen sich drei der Knäuel als schwarz­ver­mummte Gestalten, gegen die Burka-Träge­rinnen noch freundlich wirken. Langsam begeben sie sich auf die Bühne und beginnen ihren Tanz. Nach der ersten General­pause, in der Musik und Bewegung erlöschen und Stille die Besucher erstmals heraus­fordert, entledigt sich die erste Tänzerin ihrer Kopfhaube, die nächste entkleidet ihren Oberkörper. Und vor der nächsten Musik­pause legt die dritte Tänzerin ihren Overall ab. Nach 20 Minuten sind die drei Tänze­rinnen nackt und finden zuein­ander. Gemeinsam kriechen sie über die Tanzfläche, finden als beweg­liche, berüh­rungslose Skulptur zusammen. Eine Musik­pause und einen Licht­wechsel später zeigen die drei Reminis­zenzen an Mary Wigman und deren Weiter­ent­wicklung, ehe sie sich in silber­farbene Folien wickeln, die aus Waier­stalls Sicht die Körper dem Licht entziehen. Und im Crescendo der Musik entzieht sich auch das Licht der Szene.

Volker Bertelmann aka Hauschka hat seine Musik wesentlich weiter­ent­wi­ckelt. Zum präpa­rierten Klavier erklingen Glocken, Becken und Rasseln. Von den sphäri­schen Klängen ist glück­li­cher­weise wenig zu hören und wenn, wird der Klang­teppich von Akzenten durch­zogen, die das Geschehen auf der Bühne unter­stützen. Will man hier eine Bilanz ziehen, kann man sagen, dass Hauschka und Waier­stall zusam­men­ge­funden haben und inzwi­schen eine Symbiose bilden. In späteren Auffüh­rungen, wenn Hauschkas Musik voraus­sichtlich nur noch „vom Band“ erklingen wird, wird mögli­cher­weise die Tontechnik bessere Dienste erweisen.

Waier­stall ist nicht die Überflie­gerin, die alle anderen im Nullkom­ma­nichts überholt. Statt­dessen entwi­ckelt sie sich langsam und sorgfältig weiter. Ihr Material wird feiner und präziser. Zwischen­durch möchte man von Poesie sprechen. Auch und gerade dann, wenn sie das voyeu­ris­tische Element konter­ka­riert, indem sie ihre Tänze­rinnen hüpfen lässt. Nach dieser Urauf­führung freut man sich darauf, dass sie die nächste Stufe erklimmen wird, in der das Ätherische noch mehr Raum gewinnt. Vorläufig herrscht die Freude über eine kluge, durch­dachte Choreo­grafie vor, die Spannungs­bogen und Visionen bietet.

Nike Wagner als Künst­le­ri­scher Leiterin des Beetho­ven­festes ist mit der Einladung Waier­stalls ein Glücksfall gelungen. Das Publikum setzt sich aus Festival- und Tanzpu­blikum zusammen. Und so halten sich Ausdauer und Enthu­si­asmus des Beifalls die Waage. Wer dieses Ereignis zeitge­nös­si­schen Tanzes inten­siver, weil näher, erleben will, kann den beein­dru­ckenden Abend am 27. und 28. September im Tanzhaus NRW in Düsseldorf noch einmal erleben. Vielleicht geschmei­diger noch, aber sicher nicht weniger faszinierend.

Michael S. Zerban

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