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BILDERSCHLACHTEN
(Stephanie Thiersch)
Besuch am
22. September 2010
(Deutsche Erstaufführung)
Es gibt im Leben eines Künstlers genau diesen einen Moment, in dem er weiß: Ich habe es geschafft. Möglicherweise ist das bei der Choreografin Stephanie Thiersch heute Abend der Fall. Zumindest scheint ihr Gesicht das beim rauschenden Schlussapplaus auszudrücken. Viel Zeit hat sie sich gelassen, um ihre Bilderschlachten zu entwickeln, viele Menschen mit ins Boot geholt. Es sollte ein wirklich großes Projekt werden. Dementsprechend umfangreich auch der Aufwand, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Im französischen Nîmes fand am 9. Mai dieses Jahres die Uraufführung statt. Jetzt lädt das Beethovenfest die Choreografin in die Oper Bonn ein, um dort die deutsche Erstaufführung zu feiern. Es ist, so wird sich herausstellen, der ideale Ort, um die volle Wirkkraft des Werkes zu entfalten.
Auf der musikalischen Seite wird Thiersch von der Komponistin Brigitta Muntendorf unterstützt. Gemeinsam haben die beiden das Stück Musique pour les soupers du roi Ubu von Bernd Alois Zimmermann aus dem Jahr 1968 ausgewählt, Muntendorf hat es um die eigene Arbeit Sechs Stimmungen, Diktatoren zu versetzen aus den Jahren 2018 und 2019 erweitert. In „respektlosem Miteinander“ haben die beiden dem Werk die Musik wie einen Kalbsleder-Handschuh übergestülpt. Damit das gelingt, übernehmen das Orchester Les Siècles unter der musikalischen Leitung von Benjamin Shwartz und das Asasello Quartett die Aufführung. Bilderschlachten ist ein ballet noir in drei Kapiteln. Die Innenansicht eines funktionierenden Systems, die zweidimensionale Sicht von außen auf eine solche Gesellschaft und schließlich deren Erosion. Daran orientiert sich die Musik. Den Zuschauer braucht das nicht zu kümmern. Denn für ihn beginnt vom ersten Moment an ein Bilderrausch, dem er sich auch in den folgenden 90 Minuten nicht entziehen kann.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Ein Teil der Musiker bezieht im Saal und auf den Rängen Stellung. Shwartz tritt in den Lichtkegel am Dirigentenpult. Die entstehende Geräuschkulisse irritiert und stimmt so neugierig, dass die acht Tänzerinnen und Tänzer auf der dunklen, leeren Bühne kaum Wahrnehmung finden. Das ändert sich fulminant, als Sita Messer die Kostüme wechselt. Sämtliche Grenzen werden gesprengt, wenn die Akteure plötzlich mit aufblasbaren Plastikteilen ausgestattet werden. Hier treibt Thiersch das Stück endgültig zur Farce und erreicht genau das, was sie bezweckt hat. Mindestens genauso großartig ist die allmähliche Rückverwandlung der Kostüme, mit der das Stück auf das Weltenende zutreibt. Begoña Garcia Navas findet sparsame, aber überzeugende Projektionen und taucht das Geschehen in überzeugendes Licht.

Aus vielen Einzelbildern, die von der Barock-Persiflage bis zum Punk-Auftritt reichen, wandert Thiersch nicht nur durch die Zeiten, sondern bietet den Zuschauern auch immer wieder Reflektionen auf die Gesellschaft auf dem Weg in den Abgrund. Tief dringen die Moment-Aufnahmen in das Bewusstsein des Publikums ein. Dass die Zuschauer mit Zwischenapplaus auf einzelne Szenen reagieren, deutet schon an, was am Ende dieser unglaublichen Aufführung passieren wird. Mit einem Trauermarsch geht diese never-ending story dann doch einem Ende entgegen. Da möchte man den Klang von New Orleans heraushören. Und wenn das Orchester allmählich aus dem Graben heraussteigt, gibt es fast so etwas wie ein Gänsehaut-Gefühl. Ist unsere Gesellschaft am Ende angekommen? Eine ziemlich düstere Vorstellung, der Thiersch nicht widerspricht. Und wenn das Asasello Quartett die letzte Trauer-Suite spielt, der Theater-Dampf sich über der Bühne ausbreitet und die Menschen auf der Bühne zur – letzten – Ruhe kommen, wird ein Bühnenwerk vollendet, das in seiner Genialität lange nach seinesgleichen suchen wird.
Das Publikum des Beethovenfestes ist zutiefst berührt und erhebt sich teilweise, um mit jeglicher Form der Begeisterung seinen Dank auszudrücken. Die Schwächen in der Applaus-Ordnung werden da leichterdings in Kauf genommen. Stephanie Thiersch hat Visionen. Und die hat sie heute Abend eingelöst. Ein grandioser Abend geht zu Ende. Und die Zuschauer haben vorläufig nur noch einmal die Gelegenheit, dieses Jahrhundert-Ereignis zu erleben. Am Dienstag im Tanzhaus NRW.
Michael S. Zerban