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CARMEN
(Georges Bizet)
Besuch am
17. November 2017
(Premiere am 5. November 2017)
Alternativbesetzungen in beiden Hauptpartien, gar ein Operndebüt beim Dirigenten des Abends – die zweite Bonner Carmen-Aufführung nach der Premiere geht unter Vorzeichen über die Bühne, die alles andere als eine Routine-Vorstellung versprechen. Könnte sich womöglich die Auffassung des Opern-Dirigenten Constantin Trinks bestätigen, der zufolge die Premiere nicht zwingend die beste Aufführung einer Produktion sein muss? Knapp drei Stunden später beendet das Publikum diese – zugegeben – fragile Spekulation auf seine Weise. Es feiert mit anhaltendem Beifall ein Opernspektakel, das dank der großartigen Partitur Bizets und der gut aufgelegten Sängerdarsteller auf jeden Fall musikalisch sticht. Von der Regie lässt sich das freilich nicht behaupten. Zu erleben ist eine Inszenierung, die zwar mit einer originären Grundkonzeption antritt, deren konsequente Umsetzung aber nicht gelingt.
Bizets letzte Oper, auf ein Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach einer Novelle von Prosper Mérimée für die Pariser Opéra-Comique geschrieben und dort unter problematischen Bedingungen 1875 uraufgeführt, gehört seit langem zu den Topfavoriten des Opernpublikums. Den Statistiken von Operabase zufolge ist Carmen in der Spielzeit 2014⁄15 weltweit das am zweithäufigsten aufgeführte Stück, nach La Traviata. So gesehen ist die Entscheidung des Regisseurs Carlos Wagner, mit seiner 2011 zunächst für die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf Duisburg konzipierten Regiearbeit eine genuine Sicht auf die im Nach-Napoleonischen Spanien spielende Geschichte zu bieten, zumindest couragiert, wenn nicht verwegen zu nennen. Die Verantwortlichen des seit einigen Jahren auf Koproduktionen mit Häusern in ganz Europa erpichten Theaters Bonn hat sie offenkundig soweit überzeugt und motiviert, sie für die Bundesstadt zu buchen.
Wagners Inszenierungsidee beruht auf drei Polen. Da ist einmal die Einbettung der Liaison der Protagonisten in die klassische spanische Ikonographie, manifestiert im Antagonismus von Torero und Stier. Dann die Deutung des unauflöslichen Geschlechterkampfes in den extrem unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus im Kontext der griechischen Tragödie. Schließlich als dritte Ebene, das Erscheinungsbild dieser Produktion prägend, Wagners Assoziation an den spanischen Maler Francisco Goya und seine Vision einer Alptraum-Welt. „Es handelt sich hier um eine zutiefst spanische Vision“, erläutert der Regisseur seinen Ansatz, „die nichts mit Klischee oder anekdotischer Folklore zu tun hat.“ Goya sei düster, beunruhigend und grotesk.
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Die bekanntesten Darstellungen dieser Horrorwelt dürften das Gemälde Saturn verschlingt seinen Sohn aus Goyas Pinturas-negras-Phase sowie seine Grafiken unter dem Titel Desastres de la Guerra sein. Entstanden sind sie zum Zeitpunkt der – fiktiven – Carmen-Handlung, also in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Rifail Ajdarpasics Bühnenbild, eineauf Reduktion und Abstraktion setzender Raum in düstersten schwarzbraungrauen Tönen, folgt dieser Maßgabe konsequent. Es gibt aber auch Rätsel auf. Wagners Goya-Welt muss gewusst oder erahnt werden. Warum gibt es nicht zum Beispiel als Zitat oder stilisiert den Goya zugeschriebenen „Koloss“, der die Schrecken des Krieges und die seelischen Verwüstungen bildlich fasst, in die auch Carmen und ihr tragischer Anbeter verstrickt sind? Eine Frage, die sich auch stellt, weil die von Patrick Dutertre ersonnenen Kostüme nicht der Ikonographie Goyas, sondern eben der des klassischen Spaniens folgen. Pittoresk in der äußerlichen Zeichnung der Zigarettenarbeiterinnen und Schmuggler. Stilvoll in der modischen Begleitung des gesellschaftlichen Aufstiegs der Frau ohne Bindungen von der proletarischen Carmencita über die selbstbewusste Carmen, Künderin grenzenloser Libertà, bis hin zur für Momente feinen Dame im paillettenbestickten Torero-Outfit an der Seite Escamillos.
Was als Konzept eine diskutable Interpretation verspricht, kommt in der szenischen Umsetzung über die bloße Behauptung nicht hinaus. Was hat – ein Detail – die dem Velázques-Gemälde Las Meninas nachempfundene Figur des Hoffräuleins mit den ästhetischen Standards Goyas zu tun? Warum muss der Showdown zwischen Carmen und José – in Wagners Projektion logisch konsequent – so übertrieben auf die Spitze getrieben werden, dass der dramaturgische Effekt sich in etlichen amüsierten Äußerungen des Publikums verliert? Der Ex-Sergeant, jetzt angetan als Metzger mit einer Schürze voll blutiger Spritzer, tötet Carmen mit einem ausgehöhlten Stierkopf in der gleichen Weise, wie der Torero im Schlussakt der Corrida das Tier aufspießt.
Immer wieder zudem Ungereimtheiten auch in der Personenführung. So muss Zuniga, in der Schenke von Lillas Pastia in eine ausweglose Situation geraten, librettokonform von der Hand Josés sterben. Doch warum züngeln, als der Pistolenschuss verklungen ist, plötzlich Flammen, in die der Getötete geworfen scheint? Warum heben Frasquita und Mercédès im Karten-Terzett durch übertrieben choreografierte Bewegungen den Ernst der Situation wieder auf, den die Musik Bizets gerade erst beschworen hat?
Liefen die musikalischen Fäden in der Premiere und der folgenden Vorstellung beim Chefdirigenten der Oper Bonn, Jacques Lacombe, zusammen, ist es nun an Daniel Johannes Mayr, die Lebendigkeit und Leichtigkeit sowie das iberische Kolorit der Partitur möglichst effekt- und farbenvoll zu beleben. Der 39-jährige, der umständehalber zu seinem Operndebüt kommt, schafft das mit dem Beethoven-Orchester Bonn unter Überwindung einiger leichter Anpassungsschwierigkeiten mit Professionalität und Engagement. Ein vielversprechender Anfang. Einmal mehr eine sichere Bank auch in dieser Produktion: das von Marco Medved famos einstudierte groß auftrumpfende Chorensemble, der Chor und Extrachor des Theaters sowie der Kinder- und Jugendchor.

Eine Carmen-Aufführung steht und fällt mit einer Besetzung der Titelpartie, die die exotische Erotik und die anarchische Persönlichkeit dieser vom absoluten Freiheitswillen beseelten Frau im Milieu der Zigeuner und Schmuggler adäquat zu vermitteln versteht. Es scheint, als ob das Theater Bonn mit Dshamilja Kaiser nach Niina Keitel – der Carmen der Premiere – gleich zwei Interpretinnen aufzubieten vermag, die höhere Ansprüche erfüllen können. Kaiser, gerade erst als Schoecks Penthesilea im Bonner Haus erfolgreich, gibt mit ihrem glutvollen und nuancenreichen Mezzo den vielfältigen Facetten dieser Gestalt stimmig und stimmlich opulent Ausdruck.
Dieser Carmen, die mit frappierender Absolutheit lediglich ihrem eigenen Kompass folgt und an der Konfrontation mit ihren Gefühlen förmlich zugrunde geht, ist keiner der Männer gewachsen, die ihr verfallen sind. Unter diesen zeichnet sich George Oniani als Don José, der auf Felipe Rojas Velozo in der Premiere folgt, immer dann besonders aus, wenn sein leicht metallischer Tenor in der Höhe auf Turbozahlen schaltet. Ivan Krutikovs Escamillo trifft den Macho-affinen Charakter des Toreadors, der einzigen prototypischen Opéra-Comique-Figur in diesem Werk, ziemlich gut. Halb Talmi-Held, halb Gockel, macht Krutikov aus seinem Couplet Torèador, en garde ungeachtet des überflüssigen Vibratos in seiner Stimme ein Bravourstück, das vom Publikum hörbar goutiert wird. Leonard Bernad als Zuniga absolviert seine Sache achtbar, hat aber gegen seine beiden Rivalen per se nicht den Hauch einer Chance. David Fischer als Remendado, Di Yang als Dancaïro und Fabio Lesuisse in der Rolle des Moralès komplettieren das Feld der männlichen Protagonisten ansprechend.
Mit der Figur der Micaëla haben Bizets Librettisten im Sinne der Opernkonvention eine Gegenspielerin zum Titelcharakter ersonnen, die die Rigidität der Carmen relativiert und durch ihre individuellen Auftritte das Publikum zumeist zu rühren, letztlich zu versöhnen versteht. Exakt das gelingt Sumi Hwang mit lyrisch geführtem Sopran voller Schmelz und Hingebung ausgezeichnet. Bei den weiteren Partien besticht Kathrin Leidig als Mercédès. Ihr Glücksgefühle beschwörender Auftritt im Duett mit der Nachwuchssängerin Rosemarie Weissgerber als Frasquita von der Kölner Musikhochschule, das sich mit Carmens Todesahnung zum Kartenterzett weitet, atmet Stil und Unterhaltungsqualität. Attribute, die auch für den musikalischen Gesamteindruck stehen können.
Ralf Siepmann