O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Barbara Frommann

Schicksalsschläge

LA DAMNATION DE FAUST
(Hector Berlioz)

Besuch am
22. September 2018
(Einmalige Aufführung)

 

Beetho­venfest Bonn, WCCB

Es bedarf gewiss keiner sonder­lichen drama­tur­gi­schen Anstren­gungen, um La damnation de Faust von Hector Berlioz unter dem Begriff Schicksal einzu­ordnen, Motto des diesjäh­rigen Beetho­ven­fests. Spielt doch die Légende drama­tique en quatre parties nach Goethes Univer­sa­lepos, das der Komponist in der franzö­si­schen Übersetzung von Gérard de Nerval kennen­lernt, schon in der Biografie des Kompo­nisten eine schick­sal­hafte Rolle. Die konzer­tante Urauf­führung 1846 unter seiner Leitung wird zum künst­le­ri­schen und finan­zi­ellen Desaster, das Werk nach einer zweiten Aufführung gänzlich aus dem Spielplan genommen und in Paris zu seinen Lebzeiten nicht erneut gegeben. Monte Carlo sieht 1893 die Urauf­führung der szeni­schen Fassung; da ist Berlioz bereits 24 Jahre tot.

Seine singuläre Stellung im peripheren Reper­toire der Musik­theater hat das Werk, das Elemente von Sinfonie, sinfo­ni­scher Dichtung, roman­ti­scher Oper und Oratorium verwendet, bis heute bewahrt. So ist jede Gelegenheit wie jetzt beim Abschluss­wo­chenende des Bonner Beetho­ven­fests nur zu begrüßen, dieses zutiefst in der europäi­schen Kultur veran­kerte Stück überhaupt zur Aufführung zu bringen. Egal ob nun szenisch wie zuletzt etwa im öster­rei­chi­schen Linz oder konzertant wie jetzt im World Confe­rence Center am Bonner Rheinufer. Das WCCB fungiert als eines der Ausweich­quar­tiere für die Beetho­ven­halle, die in einem bautech­nisch und finan­ziell tücki­schen Prozess der General­sa­nierung steckt. Die Bonner Oper selbst, das Haus einige Stein­würfe weiter rhein­auf­wärts, bleibt bei diesem Unter­fangen außen vor, was zumindest Festspiel­be­su­chern von außerhalb ein Stück weit rätselhaft erscheinen dürfte.

So erfreulich die Tatsache der Aufführung an sich, so zwiespältig aller­dings der Gesamt­ein­druck des inten­dierten Événe­ments, das wohl auch als Hommage auf die Musik­kultur Frank­reichs und anerken­nende Geste der Beethoven-Stadt für die Bewun­derung von Berlioz zeit seines Lebens für Beethoven gedacht ist. Mit der Verpflichtung des Orchesters Les Siècles unter seinem Dirigenten und Gründer François-Xavier Roth, Kölns GMD, scheinen zumindest sinfo­nisch beste Voraus­set­zungen für eine franzö­sisch inspi­rierte Aufführung gegeben. Roth lässt seine große Affinität zu Berlioz bereits mit der Aufstellung seines Orchesters erkennen, das laut PR-Text „heraus­ra­gende junge Instru­men­ta­listen aus den besten franzö­si­schen Ensembles vereint“. Er folgt damit formalen Prinzipien, die der Vollender eines modernen Verständ­nisses der Instru­men­tal­musik in seinem 1844 veröf­fent­lichten Standardwerk Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration dokumen­tiert hat. So sind – ein Beispiel – die Kontra­bässe aus der Sicht von Dirigent und Publikum links, Schlagwerk wie Harfen rechts platziert.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Publikum



Chat-Faktor



Berlioz‘ Monumen­tal­ge­mälde zwischen den Polen Untergang Fausts und Erlösung Gretchens ist eine extrem fordernde Partitur mit äußerst hetero­genen Satztech­niken, jäh wechselnden Stimmungen und Dynamiken unter Einsatz von Polyphonie sowie Kirchen­ton­arten. Dem äußerst engagiert agierenden Roth gelingt es durchaus, seine bestens aufge­legten Musiker auf diesen Klang­teppich voller schwel­gender Muster einzu­schwören. Zudem bestechen diverse Soloin­stru­men­ta­listen, die den Figuren des Schau­er­stücks eine seelisch markante Charak­te­ristik verleihen. Pars pro toto sei das Englisch Horn genannt, voller Zartheit und Verin­ner­li­chung. Vollendeter Berlioz-Zauber will sich gleichwohl über die Länge der Aufführung auch dank einer überflüs­sigen Pause nicht einstellen. Die Tempi sind breit, in den ersten beiden Teilen zu breit angelegt. Ein Mangel an Dynamik und Feuer ist nicht zu leugnen. Der Schauder des Abgrün­digen wie die Schönheit der Verletz­lichkeit bleibt weitgehend äußerlich. Wie weit der Eindruck der Verhal­tenheit den nüchternen Verhält­nissen im großen Saal des WCCB mit einer wohl als heikel zu umschrei­benden Akustik zuzurechnen ist, wird sich dabei nicht ganz beant­worten lassen.

Foto © Barbara Frommann

Die Leistung des Tsche­chi­schen Philhar­mo­ni­schen Chors Brno in der Einstu­dierung Petr Fialas, sonst so etwas wie eine sichere Bank gerade konzer­tanter Opern­auf­füh­rungen, bleibt an diesem Abend ohne die gewohnte Souve­rä­nität. Handwerk dominiert. Der bei Festivals in ganz Europa äußerst gefragte Opernchor arbeitet sich zumeist an seinem „Material“ ab. Mit Hingabe, gewiss, aber begrenztem Gespür für die feinen Nuancen der Kunst von Berlioz. Eine Frage des Franzö­si­schen? Von Proben­ter­minen? Erst im Epilog Viens, les vierges divines steigt er zu jener sphäri­schen Überhöhung auf, die die Légende bei Chorleitern zu einer gewissen Beliebtheit gebracht hat. Auch den Solisten gelingt es nicht durch­schlagend, die Aufführung des Paradigmas eines modernen Klang­ver­ständ­nisses für die damalige Zeit in das angestrebte Événement zu verwandeln und die atmosphä­ri­schen Nachteile des Konfe­renz­saales auszu­gleichen, gar vergessen zu machen.

Bryan Register in der Titel­partie fehlt es an dem für das Format und die allure lyrique erfor­der­lichen vokalen Charisma, das diese Rolle verlangt und in Opern­stern­stunden unver­gesslich macht. Sein an Wagner-Partien geschulter Tenor weist bei Merci, doux crépiscule, dem roman­ti­schen Glanz­stück des dritten Bildes, Schwächen in der Phrasierung auf. Zu allem Unglück steigern sich diese ausge­rechnet in dem grandiosen Duett D´amour l´ardente flamme mit Marguerite. Im Übergang von der eh schon waghal­sigen Höhe zur Kopfstimme reißt seine Stimme jäh ab. Schicksal? Eine Sache der Tagesform? Ein urplötzlich auftre­tendes Malheur, mit dem jeder Opern­sänger rechnen muss, wenn die Sterne ungünstig stehen? Der latente Eindruck einer mangelnden Kongruenz zwischen Rolle und Interpret wird im Übrigen auch durch den Umstand illus­triert, dass Registers Blick ständig an den Noten­blättern klebt, die er vor sich umklammert.

Eben das hat die Sopra­nistin Anna Caterina Antonacci, die sich zu Beginn ihrer Laufbahn mit Mezzo-Rollen im italie­ni­schen Belcanto-Fach einen Namen macht, nur bedingt nötig. Antonacci, schon 2006 als Cassandra in Les Troyens im Pariser Théâtre du Chatelet auf Berlioz-Kurs, verfügt mit ihrer technisch akkurat geführten Stimme über hörbare lyrische Expertise. Ihre Darbietung der Solo-Arie Le Roi de Thule mit umschmei­chelnder Solobratsche avanciert zu einem Höhepunkt des Abends. Der Figur der träume­ri­schen jungen Frau zwischen Verführung und Verirrung, Intro­spektion und Entsagung vermag sie letztlich jedoch nicht jenen fast überir­di­schen Ausdruck zu geben, dem selbst die Verfüh­rungs­künste des Teufels nichts würden anhaben können.

So ist es fast schon eine ironische Zuspitzung des Abends, dass mit dem Bassba­riton Kyle Ketelsen als Méphis­to­phélès ausge­rechnet dem Teufel die Palme der heraus­ra­genden Stimme des Abends zuzuer­kennen ist. Er ist im Übrigen auch der Einzige, der seinen Part mit gelegent­lichen spiele­ri­schen Momenten anrei­chert. So möchte man glauben, schätzt das Publikum selbst den Teufel. Ketelsen präsen­tiert sich sicher und prägnant in allen Lagen, überzeugt mit feiner Legato-Kultur und schalk­hafter Freude, so in seiner Posse Une puce gentille. Als Brander ist der franzö­sische Bassba­riton Thibault de Damas eine positive Erscheinung. Von ihm hätte man sich zumindest mehr als diesen einen Soloauf­tritt gewünscht, den Berlioz ihm vergönnt hat.

Das während der Aufführung äußerst diszi­pli­nierte Publikum feiert alle Mitwir­kenden mit lebhaftem, freund­lichem Beifall, der nach einigen Minuten abrupt endet. Blumen werden gereicht. „Vorhänge“ für die Solisten des Sänger­quar­tetts oder aus dem Orchester gibt es jedoch nicht. Hony soit qui mal y pense, um einmal adäquat in franzö­si­scher Sprache zu schließen.

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: