O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
LA DAMNATION DE FAUST
(Hector Berlioz)
Besuch am
22. September 2018
(Einmalige Aufführung)
Es bedarf gewiss keiner sonderlichen dramaturgischen Anstrengungen, um La damnation de Faust von Hector Berlioz unter dem Begriff Schicksal einzuordnen, Motto des diesjährigen Beethovenfests. Spielt doch die Légende dramatique en quatre parties nach Goethes Universalepos, das der Komponist in der französischen Übersetzung von Gérard de Nerval kennenlernt, schon in der Biografie des Komponisten eine schicksalhafte Rolle. Die konzertante Uraufführung 1846 unter seiner Leitung wird zum künstlerischen und finanziellen Desaster, das Werk nach einer zweiten Aufführung gänzlich aus dem Spielplan genommen und in Paris zu seinen Lebzeiten nicht erneut gegeben. Monte Carlo sieht 1893 die Uraufführung der szenischen Fassung; da ist Berlioz bereits 24 Jahre tot.
Seine singuläre Stellung im peripheren Repertoire der Musiktheater hat das Werk, das Elemente von Sinfonie, sinfonischer Dichtung, romantischer Oper und Oratorium verwendet, bis heute bewahrt. So ist jede Gelegenheit wie jetzt beim Abschlusswochenende des Bonner Beethovenfests nur zu begrüßen, dieses zutiefst in der europäischen Kultur verankerte Stück überhaupt zur Aufführung zu bringen. Egal ob nun szenisch wie zuletzt etwa im österreichischen Linz oder konzertant wie jetzt im World Conference Center am Bonner Rheinufer. Das WCCB fungiert als eines der Ausweichquartiere für die Beethovenhalle, die in einem bautechnisch und finanziell tückischen Prozess der Generalsanierung steckt. Die Bonner Oper selbst, das Haus einige Steinwürfe weiter rheinaufwärts, bleibt bei diesem Unterfangen außen vor, was zumindest Festspielbesuchern von außerhalb ein Stück weit rätselhaft erscheinen dürfte.
So erfreulich die Tatsache der Aufführung an sich, so zwiespältig allerdings der Gesamteindruck des intendierten Événements, das wohl auch als Hommage auf die Musikkultur Frankreichs und anerkennende Geste der Beethoven-Stadt für die Bewunderung von Berlioz zeit seines Lebens für Beethoven gedacht ist. Mit der Verpflichtung des Orchesters Les Siècles unter seinem Dirigenten und Gründer François-Xavier Roth, Kölns GMD, scheinen zumindest sinfonisch beste Voraussetzungen für eine französisch inspirierte Aufführung gegeben. Roth lässt seine große Affinität zu Berlioz bereits mit der Aufstellung seines Orchesters erkennen, das laut PR-Text „herausragende junge Instrumentalisten aus den besten französischen Ensembles vereint“. Er folgt damit formalen Prinzipien, die der Vollender eines modernen Verständnisses der Instrumentalmusik in seinem 1844 veröffentlichten Standardwerk Grand Traité d’instrumentation et d’orchestration dokumentiert hat. So sind – ein Beispiel – die Kontrabässe aus der Sicht von Dirigent und Publikum links, Schlagwerk wie Harfen rechts platziert.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Berlioz‘ Monumentalgemälde zwischen den Polen Untergang Fausts und Erlösung Gretchens ist eine extrem fordernde Partitur mit äußerst heterogenen Satztechniken, jäh wechselnden Stimmungen und Dynamiken unter Einsatz von Polyphonie sowie Kirchentonarten. Dem äußerst engagiert agierenden Roth gelingt es durchaus, seine bestens aufgelegten Musiker auf diesen Klangteppich voller schwelgender Muster einzuschwören. Zudem bestechen diverse Soloinstrumentalisten, die den Figuren des Schauerstücks eine seelisch markante Charakteristik verleihen. Pars pro toto sei das Englisch Horn genannt, voller Zartheit und Verinnerlichung. Vollendeter Berlioz-Zauber will sich gleichwohl über die Länge der Aufführung auch dank einer überflüssigen Pause nicht einstellen. Die Tempi sind breit, in den ersten beiden Teilen zu breit angelegt. Ein Mangel an Dynamik und Feuer ist nicht zu leugnen. Der Schauder des Abgründigen wie die Schönheit der Verletzlichkeit bleibt weitgehend äußerlich. Wie weit der Eindruck der Verhaltenheit den nüchternen Verhältnissen im großen Saal des WCCB mit einer wohl als heikel zu umschreibenden Akustik zuzurechnen ist, wird sich dabei nicht ganz beantworten lassen.

Die Leistung des Tschechischen Philharmonischen Chors Brno in der Einstudierung Petr Fialas, sonst so etwas wie eine sichere Bank gerade konzertanter Opernaufführungen, bleibt an diesem Abend ohne die gewohnte Souveränität. Handwerk dominiert. Der bei Festivals in ganz Europa äußerst gefragte Opernchor arbeitet sich zumeist an seinem „Material“ ab. Mit Hingabe, gewiss, aber begrenztem Gespür für die feinen Nuancen der Kunst von Berlioz. Eine Frage des Französischen? Von Probenterminen? Erst im Epilog Viens, les vierges divines steigt er zu jener sphärischen Überhöhung auf, die die Légende bei Chorleitern zu einer gewissen Beliebtheit gebracht hat. Auch den Solisten gelingt es nicht durchschlagend, die Aufführung des Paradigmas eines modernen Klangverständnisses für die damalige Zeit in das angestrebte Événement zu verwandeln und die atmosphärischen Nachteile des Konferenzsaales auszugleichen, gar vergessen zu machen.
Bryan Register in der Titelpartie fehlt es an dem für das Format und die allure lyrique erforderlichen vokalen Charisma, das diese Rolle verlangt und in Opernsternstunden unvergesslich macht. Sein an Wagner-Partien geschulter Tenor weist bei Merci, doux crépiscule, dem romantischen Glanzstück des dritten Bildes, Schwächen in der Phrasierung auf. Zu allem Unglück steigern sich diese ausgerechnet in dem grandiosen Duett D´amour l´ardente flamme mit Marguerite. Im Übergang von der eh schon waghalsigen Höhe zur Kopfstimme reißt seine Stimme jäh ab. Schicksal? Eine Sache der Tagesform? Ein urplötzlich auftretendes Malheur, mit dem jeder Opernsänger rechnen muss, wenn die Sterne ungünstig stehen? Der latente Eindruck einer mangelnden Kongruenz zwischen Rolle und Interpret wird im Übrigen auch durch den Umstand illustriert, dass Registers Blick ständig an den Notenblättern klebt, die er vor sich umklammert.
Eben das hat die Sopranistin Anna Caterina Antonacci, die sich zu Beginn ihrer Laufbahn mit Mezzo-Rollen im italienischen Belcanto-Fach einen Namen macht, nur bedingt nötig. Antonacci, schon 2006 als Cassandra in Les Troyens im Pariser Théâtre du Chatelet auf Berlioz-Kurs, verfügt mit ihrer technisch akkurat geführten Stimme über hörbare lyrische Expertise. Ihre Darbietung der Solo-Arie Le Roi de Thule mit umschmeichelnder Solobratsche avanciert zu einem Höhepunkt des Abends. Der Figur der träumerischen jungen Frau zwischen Verführung und Verirrung, Introspektion und Entsagung vermag sie letztlich jedoch nicht jenen fast überirdischen Ausdruck zu geben, dem selbst die Verführungskünste des Teufels nichts würden anhaben können.
So ist es fast schon eine ironische Zuspitzung des Abends, dass mit dem Bassbariton Kyle Ketelsen als Méphistophélès ausgerechnet dem Teufel die Palme der herausragenden Stimme des Abends zuzuerkennen ist. Er ist im Übrigen auch der Einzige, der seinen Part mit gelegentlichen spielerischen Momenten anreichert. So möchte man glauben, schätzt das Publikum selbst den Teufel. Ketelsen präsentiert sich sicher und prägnant in allen Lagen, überzeugt mit feiner Legato-Kultur und schalkhafter Freude, so in seiner Posse Une puce gentille. Als Brander ist der französische Bassbariton Thibault de Damas eine positive Erscheinung. Von ihm hätte man sich zumindest mehr als diesen einen Soloauftritt gewünscht, den Berlioz ihm vergönnt hat.
Das während der Aufführung äußerst disziplinierte Publikum feiert alle Mitwirkenden mit lebhaftem, freundlichem Beifall, der nach einigen Minuten abrupt endet. Blumen werden gereicht. „Vorhänge“ für die Solisten des Sängerquartetts oder aus dem Orchester gibt es jedoch nicht. Hony soit qui mal y pense, um einmal adäquat in französischer Sprache zu schließen.
Ralf Siepmann