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Was interessiert einen Opernregisseur heute an einer Episode der venezianischen Geschichte des 15. Jahrhunderts so brennend, dass er sich ihrer annimmt? Philipp Kochheim, den Regisseur der Verdi-Oper I due Foscari jetzt in Bonn, jedenfalls so viel, dass er die 1844 für Rom komponierte Tragedia lirica, als politische Lektion ernst nimmt, in die Gegenwart verlegt und allerlei Fäden in die moderne Mediengesellschaft spinnt. Breaking-news-Attitüden und Abhörtechniken inklusive. Politik, so sein roter Faden, war und ist immer auch ein schmutziges Geschäft. Was interessiert einen Verdi-Dirigenten par excellence wie Will Humburg an diesem Stoff aus jener Phase des jungen Komponisten, die dieser selbst in der Rückschau als seine „Galeerenjahre“ bezeichnet? Nun praktisch alles, wie der als GMD in Darmstadt agierende Vollblutmusiker mit dem Beethoven-Orchester Bonn unter Beweis stellt. So erlebt das Bonner Haus einen Abschluss seines Zyklus mit frühen Verdi-Opern, der einmal mehr den musikalischen Reichtum und die thematische Mannigfaltigkeit an der Peripherie des Kernrepertoires belegt. Ach was, zum Erlebnis macht.
Konsequenz lässt sich dem Theater Bonn im Umgang mit dem frühen Verdi nun wirklich nicht absprechen. Nach den Glanzzeiten Bellinis, Donizettis und Rossinis in Italien sieht sich der um Weiterentwicklung der überkommenen Konventionen verlegene Komponist gezwungen, eine neue Ausdrucksform zu finden. An Attila, Giovanna d’Arco und Jérusalem anschließend, nun also auf der Bonner Bühne ein Drama um Staatsräson und Staatsversagen. Francesco Maria Piave kompiliert es in seiner ersten Zusammenarbeit mit Verdi aus dem langatmigen Epos The Two Foscari des englischen Dramatikers Lord Byron von 1821.
Kochheim begnügt sich nicht damit, für die Schauplätze des Originals – Palast des Dogen, Staatsgefängnis, Piazetta von San Marco – eine neuzeitlich stimmige Architektur zu schaffen. Das gelingt gemeinsam mit Bühnenbildner Piero Vinciguerra, Kostümbildnerin Mathilde Grebot und Max Karbe, der für das Licht verantwortlich zeichnet, auf der Bonne Drehbühne mit zumeist dunkel gehaltenen Tableaus durchaus, in denen der Schrecken eine Heimstatt hat. Verdis frühe Affinität zu blutrünstigen Stoffen und fatalen Biografien, die sein gesamtes Werk durchzieht, ist hier beklemmend präsent. Dreh- und Angelpunkt der Tragödie ist die irrtümliche Verurteilung des Jacopo Foscari, Sohn des Dogen Francesco Foscari, durch den Kleinen Rat der Stadtrepublik Venedig wegen eines angeblichen Mordes. Als der Drahtzieher der Intrige, Jacopo Loredano, offenkundig wird und die wahren Umstände des Geschehens sichtbar werden, ist das Verhängnis nicht mehr aufzuhalten. Der Sohn des Dogen stirbt, der alte Foscari bricht unter der Last des Schicksals sterbend zusammen. Schlimm für die Beteiligten, schön für die Oper.
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Kochheims Inszenierung zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit den spezifischen Charakteren und den seelischen Verstrickungen der Protagonisten aus. So lässt er den gealterten Dogen zwischen aufflammenden letzten Energien und jäher Resignation hin und her tappen. Glaubwürdig und ergreifend. Da liegen Assoziationen an die spätere Figur des Philipp im Don Carlos schon sehr nahe. Ob im Finale quer zum Libretto dick aufgetragen werden muss, indem sich Francesco mit dem Revolver selbst richtet, ist letztlich eine akademische Frage. Wesentlich neue Einsichten transportiert das indes nicht. Jacopo Foscari, der unschuldige Held, agiert zwar nicht ohne Charisma. Empathie seitens des Publikums kann ihm aber nicht wirklich zu Teil werden, da Verlierer – auch die schuldlosen – keine Lobby haben. So scheint Kochheims stille Sympathie einzig der Jacopo-Ehefrau Lucrezia Contarini zu gehören. Sie darf wie eine Löwin gegen das Urteil und seine Folgen ankämpfen. Die Etikette ignorierend, lässt sie der Regisseur auch auf dem Schreibtisch des Dogen wüten, um ihre Entschlossenheit zu untermalen.
Was Verdi auf der „Galeere“ seiner musikalischen Kreativität geschaffen hat und jetzt in Bonn aus dem Orchestergraben zu vernehmen ist, geht über das flinke Etikett einer lohnenden „Ausgrabung“ weit hinaus. Mit I due Foscari stößt der gerade 31-jährige Komponist eine Tür zu den Triumphen weit auf, die er mit La Traviata, Macbeth und Don Carlos künftig feiern wird. Eben diese Stücke sind bereits in der Partitur angelegt, die den Komponisten als einen Meister des Disruptiven zeigt. Gewiss, wie im Früherfolg Nabucco ist Verdi auch jetzt um prachtvolle Melodien und verblüffende Orchestrierung nicht verlegen. Von innovativer Kraft geprägt sind indes eher die Vorspiele zu den einzelnen Akten und die Ensemblenummern. Preludio sowie Introduzione e Barcarola sind mit ihren rabiat wechselnden Stimmungen und Instrumentierungen wahre Kunstwerke. Dankenswerterweise bleibt der Vorhang bei beiden Vorspielen geschlossen. Nämliches gilt auch für die eigentümliche Introduktion in den zweiten Satz, quasi ein Auszug aus einem Streichquartett, das sich in die Oper verirrt hat. Unter den Ensembles gewinnen das Duett Lucrezia und Doge im Finale des ersten Akts und die Kerkerszene des zweiten Aktes bestrickende Aura. Letztere ein Monolog, der sich über Duett und Terzett zu einem Quartett steigert und die frühe Souveränität Verdis in der Beherrschung vokaler Linien demonstriert. Eine Souveränität, von der auch der vorzüglich eingestellte Chor und Extrachor, einstudiert von Marco Medved, profitiert.

Eine Kostbarkeit ist die Könnerschaft des Komponisten in der einzigartigen Verwendung von Leitmotiven, die in dieser Form auch bei Verdi einmalig sind. Der Rat der Zehn, gegen deren Macht der Doge nicht bestehen kann, beide Foscaris – ihnen allen gibt Verdi mit Leitideen in unterschiedlicher Orchestrierung ein spezielles Profil. Die tinta, die Farbe, dieser Oper erwächst zudem aus dem Lokalkolorit, das Verdi aus den Gesängen der Gondolieri und dem Gewoge der Wellen in den Kanälen der Lagunenstadt ableitet. Das alles bringt ein leidenschaftlich agierender Humburg mit dem Beethoven-Orchester prächtig zur Geltung.
Die Solisten in den drei Hauptpartien arrondieren den vorzüglichen musikalischen Gesamteindruck durch engagierte Einzelleistungen. Lucio Gallo beherrscht in der Herrscher- und Vaterrolle des Francesco Foscari die Szene mit seinem ausdrucksstarken, fein nuancierten Bariton. Felipe Rojas Velozo ist als Jacopo Foscari mehr als präsent, weil er mit seinem stets leicht metallisch klingenden, robusten Tenor zu ständiger Parforce neigt. Immerhin zeichnet sich sein Spiel durch eine große emotionale Ausdruckspalette aus. Anna Princeva meistert die wahrlich fordernde Partie der Lucrezia mit Vehemenz und einem langen Atem, der die vor dem kurzen Schlussakt eingebaute Pause plausibel erscheinen lässt. Ihr höhensicherer Sopran glänzt auch in den Koloraturen. So avanciert die Russin zur prima donna, zum Star des Geschehens und des Abends, was sich auch an der Publikumsreaktion ablesen lässt. Die weiteren Partien sind mit Ava Gesell als Pisana, Christian Georg als Senator Barbarigo und vor allem Leonard Bernad als Jacopo Loredano, Gegenspieler des Dogen, adäquat besetzt. Bernad spielt und intoniert den skrupellosen Machiavellisten mit jenem Hauch an Verschlagenheit, die diese Figur zeitlos interessant und exemplarisch macht. Georg muss von dem üblen Loredano einiges einstecken, macht das aber mit seinem angenehmen Tenor mehr als wett.
Das Publikum belohnt Sängerdarsteller und Choristen, dann Humburg und damit das Orchester mit lebhaftem, von allerlei bravi-Rufen durchsetztem Beifall. Die akustische Anerkennung gilt am Ende auch dem Regieteam. Vielleicht ist ja auch schon Verdi-Vorfreude der Besucher mit im Spiel. In der kommenden Spielzeit soll die Theaterambition der Helmich-Intendanz mit Werken aus der mittleren Schaffensperiode des Komponisten weitergeführt werden. Les Vêpres Siciliennes, 1855 im Stil der Grand Opéra für Paris geschrieben, wird dann in der Inszenierung David Pountneys auf dem Spielplan stehen. On est curieux.
Ralf Siepmann