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Foto © Thilo Beu

Parallelwelten

ECHNATON
(Philip Glass)

Besuch am
23. März 2018
(Premiere am 11. März 2018)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Die Filmmusik zu Koyaa­nis­qatsi sichert  Philip Glass 1983 eine Anhän­ger­schaft über die Reich­weite der klassi­schen Oper hinaus. Der Begründer der Minimal Music, gemeinsam mit Steve Reich und weiteren Avant­gar­disten, gilt nun als Reprä­sentant der New Age Movement. Glass wird das Potenzial zugeschrieben, zwischen Moderne und Tradition vermitteln zu können. Ein Jahr nach dem Kinoerfolg schließt der US-Komponist mit Echnaton seine Portrait Trilogy ab, eine Reihe von Opern, die große Persön­lich­keiten in den Fokus rücken. Visionäre wie zuvor seine Opern-Protago­nisten Albert Einstein 1976 und Mahatma Gandhi 1980, die ihre Epoche nachhaltig prägen und eine neue Welt ohne Gewalt anstreben.

Der musika­li­schen Struktur nach, die auf dem Prinzip des Repeti­tiven, der ständigen Wieder­holung bei ebenso ständigen minimalen Verän­de­rungen beruht, spricht vieles dafür, den am Stutt­garter Staats­theater urauf­ge­führten Dreiakter konzertant aufzu­führen. Die kompo­nierte Vorlage, eher Theater­musik als Oper, mecha­ni­scher und robuster als die beiden Vorläufer, verblüfft immer wieder durch die Vielschich­tigkeit ihres Materials. Vielschich­tigkeit im Wortsinne. Über die eine von den Instru­men­ta­listen oder den Solisten oder dem Chor gerade aufge­baute Klang­schicht türmt sich die nächste, der wiederum unter teils atembe­rau­benden Wechseln von Tempi und Inten­sität die nächste folgt.

Den Spiel­plan­ma­chern im Bonner Haus liegt aller­dings nichts ferner, als die inter­es­sierte Öffent­lichkeit mit diesem Unikat eines Grenz­gängers vertraut zu machen. Vielmehr setzen sie mit dem Engagement der Regis­seurin Laura Scozzi auf ein dezidiert politi­sches, im besten Sinne aufklä­re­ri­sches Projekt. Das erinnert an Lessings Idee des Theaters als moralische Anstalt. Die Faszi­nation, die der ägypti­schen Pharao aus dem 14. vorchrist­lichen Jahrhundert in Glass auslöst, beruht im Kern auf dem Charisma Echnatons, der seine Idee einer einzigen univer­salen Gottheit für die gesamte Menschheit allein aus der Kraft seiner Ideen entwi­ckelt. Die bis dahin geltende Vielgöt­terei ersetzt Akhnatan, wie Glass ihn schreibt, durch einen monothe­is­ti­schen Kult, den der Herrscher mit allen Mitteln seiner Macht im Volk zur Geltung bringt. Nichts weniger als eine Kultur­re­vo­lution über 3300 Jahre vor unserer Zeit. Für die Begriffe des Kompo­nisten ist dieser Pharao so außer­ge­wöhnlich, so einzig­artig, dass er ihn mit einem Counter­tenor besetzt. In der Stutt­garter Urauf­führung war es Paul Esswood. „Es war ein Weg“, schreibt Glass in seinen Notizen zur Genesis des Werks, „um mit einfachsten Mitteln musika­lisch und drama­tisch zu zeigen, dass dieser Mann mit nichts zu vergleichen war.“

POINTS OF HONOR

Musik
Gesang
Regie
Bühne
Publikum
Chat-Faktor

Das elementare Interesse der Regis­seurin wiederum resul­tiert weniger aus der Figur des Häretikers, vielmehr aus dem von ihm initi­ierten radikalen theolo­gi­schen Paradig­men­wechsel. Ihre für Bonn entwi­ckelte szenische Neudeutung dreht sich um die Inter­de­pendenz zwischen Monothe­ismus und Gewalt, die sich im Judentum, im Chris­tentum und im Islam aufzeigen lässt. Es sind Religionen, die der Anspruch eint, die einzige Wahrheit für sich zu rekla­mieren und dieses Privileg selbst­ver­ständlich in Kreuz­zügen mit Waffen­gewalt gegen „Ungläubige“ oder Anders­gläubige durch­zu­setzen.  „Wäre es möglich“, hat sich Scozzi gefragt, „dass es im geneti­schen Code des Monothe­ismus einen Samen der Gewalt gäbe, der Botschaften von Liebe und Brüder­lichkeit in Hassreden und Intoleranz verwandelt?“ Was unter dem Strich als Resultat einer profunden Reflexion heraus­ge­kommen ist? Nun, ein sich über zweieinhalb Stunden erstre­ckendes kraft­strot­zendes Musik­drama, dem jedes Mittel zum Transport seiner Botschaft recht ist, von der ahisto­ri­schen Überdehnung der Vorlage und der Überfrachtung ihrer Figuren über die Befeuerung der aktuellen Diskussion um Terror und Islamismus bis hin zur ungenierten Anwendung von Trivi­al­kunst und Kitschsymbolen.

Für ihr Regie­konzept der Konfron­tation und Enthüllung hat sich Scozzi das Konstrukt einer drama­tur­gi­schen Paral­lelwelt einfallen lassen. Touristen, mutmaßlich für eine Erkun­dungstour einge­flogen, besich­tigen die mit der Video-Animation von Stéphane Broc einge­spielten Ruinen von Achetaton. Es ist die antike Stadt, die Echnaton errichten lässt und die mit der Zerschlagung seiner Herrschaft der Zerstörung preis­ge­geben wird. Das nicht allein. Die simple, aber effekt­volle von Natascha Le Guen de Kerneizon ersonnene Bühne aus mobilen Mauer­ele­menten vermittelt nicht nur eine Vorstellung von den Palästen zu Theben und Achetaton. Zugleich beher­bergt sie den Unter­richtsraum einer heutigen Schul­klasse, womit die Ergänzung der archai­schen Zeitebene durch eine heutige perfekt wird. Es ist schon sehr reali­tätsnah, wie sich die Schul­klasse in Designer­jeans und Nike-Kluft in Szene setzt. Für  alles scheinen die Mädchen und Jungen Sinn und Aufmerk­samkeit zu haben, nur nicht für ihren Lehrer und dessen Unter­richt. Die Jugend­lichen fläzen sich auf Tischen und Bänken, sprechen durch­ein­ander, schreien sich an, werden aggressiv. Einige von ihnen prügeln sich. Unwill­kürlich möchte man nach einem Smart­phone-Verbot rufen, um den ständigen Selfies ein Ende machen zu können.

Unter diesen Jugend­lichen, die zu Beginn der Aufführung eine Power-Point-Präsen­tation zur Geschichte Echnatons weitgehend mit Desin­teresse über sich ergehen lassen, fällt ein Mädchen aus dem Rahmen. Es ist die von Scozzi erfundene Figur der Marie, eine Außen­sei­terin. Sie sondert sich ab, verliert sich in eksta­ti­schen Zuckungen, versinkt in Träumen. Biogra­fisch, später exempla­risch wird der Werdegang dieser Marie – eindrucksvoll Katharina Platz in einer stummen Rolle – von der Begegnung mit dem Religi­ons­führer an, der ihr ein Buch überlässt, vielleicht ein Vorläufer von Tanach, Bibel und Koran. Unter dem Eindruck dessen Inhalts macht sich Marie auf, ihre Identität in die einer Dschi­ha­distin zu verwandeln, von der blanken Verwei­gerung hin zur radikalen Gefolg­schaft. Die langen Haare fallen, eine rituelle Reinigung folgt. Sie passt ihre Kleidung den weißen Gewändern an, die die Kostüm­bild­nerin Fanny Brouste für den Pharao und seine Equipage ausge­sucht hat. Das Ende mit Blut und Spreng­stoff ist absehbar. Marie zündet die an ihrem Körper fixierte Bombe, die Verbindung von religiöser Ideologie und Gewalt ist erschre­ckende Wirklichkeit geworden.

Ist es am Ende der Terror, der „die Botschaften von Liebe und Brüder­lichkeit“ erstickt, so ist der Weg zu dieser bitteren Erkenntnis wenigstens mit unter­halt­samen Ingre­di­enzien gespickt. Die Schüle­rinnen und Schüler können mehr als kollektive Ödnis, erweisen sich als großartige Hip-Hop- und Break­dance-Tänzer. Was sie mit gelegentlich atembe­rau­bendem Tempo auf die Planken bringen, ist Ergebnis einer inten­siven Zusam­men­arbeit mit Scozzi, die so ihre Prove­nienz als Choreo­grafin äußerst produktiv einbringt. Banali­täten mischen sich mit Kreationen. Stühle und Tische werden in ritua­li­sierten Abläufen verrückt oder gestapelt, die der Partitur nachemp­funden sind. In kondi­tio­nierten Laufwegen bewegen sich Statisten von der Bühne, um Sekunden später auf dieselbe zurück­zu­kehren. Sind diese Auftritte bisweilen ermüdend, gefällt die Aktion einer Sprayer-Gruppe um Robin Brune umso mehr. Auf ergötz­liche Weise trägt sie einen Streit um die Größe der jewei­ligen Gottes­vor­stellung aus. Erhei­terung und Erleich­terung im Publikum, als sich der Konflikt in der gekonnten Graffiti-Zeichnung einer Friedens­taube auflöst.

Foto © Thilo Beu

Musika­lisch führt das Beethoven-Orchester Bonn unter Leistung des Ersten Kapell­meisters Stephan Zilias ein komfor­tables Eigen­leben. Irgendwie scheint Zilias von dem Zwang befreit, sich permanent auf die wechselnden Bilder auf der Bühne einstellen zu müssen. Was in der Gesamt­anlage dieser Produktion wenig zusam­men­passt, muss auch nicht angestrengt gekittet werden. So entfaltet sich über die Strecke der Aufführung ein präch­tiger Glass-Sound mit einer ungewöhnlich tiefen Grundierung. Der Komponist hat wegen der Kapazi­täten im Orches­ter­graben der Staatsoper Stuttgart total auf Violinen verzichtet. Mal klingt das Orchester wie ein überdi­men­sio­niertes Akkordeon, mal wie eine riesige Kinoorgel, bei der die Pfeifen großzü­giger und raffi­nierter gesetzt sind als üblich. Zu der Sugges­tiv­kraft dieses Sounds tragen einmal mehr Chor und Extrachor des Theaters Bonn in der Einstu­dierung von Marco Medved bei, denen eine pracht­volle sphärische Aufführung gelingt.

Unter den Solisten, die allesamt die enormen sprach­lichen Anfor­de­rungen des Textes meistern, ragt der Counter­tenor Benno Schachtner in der Titel­partie nicht nur seines beson­deren vokalen Faches wegen heraus. Der Balsam, den seine Stimme verströmt, adelt ihn gleichsam als Propheten einer metaphy­si­schen Welt. Die Mezzo­so­pra­nistin Susanne Blattert als Nofretete, seine Angetraute, und die Sopra­nistin Marie Heeschen in der Rolle seiner Mutter Teje zeichnen ihre Charaktere mit gesang­licher Prägnanz und emotio­nalem Ausdruck. In weiteren Rollen überzeugen Giorgos Kanaris, Johannes Mertes, Martin Tzonev. In den Sprech­rollen von Amenhotep und Lehrer lässt Thomas Dehler auf angenehme Art aufhorchen.

Findet die Regis­seurin in ihrer Deutung am Ende eine Antwort auf die selbst gestellte Frage? Leider nein. Sie flüchtet sich in einen vagen, keineswegs origi­nellen Ausblick. Der Ort dabei ist das Klassen­zimmer des Anfangs. Nun sitzen Kinder in den Schul­bänken, lauschen aufmerksam der Geschichte aus dem alten Ägypten, die ihnen der Lehrer erzählt. Nichts ist zu Ende, alles beginnt, steht in Kreide auf der großen Tafel. Nach so viel Analyse wenigstens der Hauch einer konstruk­tiven Zukunft. Aber die gibt es a priori bekanntlich mit jeder neuen Generation.

Das Publikum im nicht voll besetzten Haus, darunter viele junge Leute, reagiert mit prasselndem Applaus, in den sich schon früh Jubelrufe für alle Mitwir­kenden mischen. Vor allem die Tänzer alias Schüler werden frene­tisch gefeiert. The show is the message, frei nach Marshall McLuhan. Auch das eine Erkenntnis.

Ralf Siepmann

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