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EIN BRIEF/CHRISTUS AM ÖLBERGE
(Manfred Trojan, Ludwig van Beethoven)
Besuch am
8. Februar 2020
(Premiere)
Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu schreiben oder zu sprechen. Das ist ein vielsagender Satz aus Hugo von Hofmannsthals fiktivem Brief des jungen Philipp Lord Chandos an den älteren englischen Philosophen Francis Bacon. In dem sogenannten Chandos-Schreiben, dem Jahr 1603 zugeordnet, schreibt der Dramatiker und Strauss-Librettist seinem erfundenen Alter Ego den völligen Zusammenbruch zu. Außerdem den Entschluss, nie mehr einen literarischen Text zu veröffentlichen. Hofmannsthal steht 1902, dem Jahr des Erscheinens dieses Manifests der Ausweglosigkeit, im Zenit der k. u. k. Monarchie, vor den Versatzstücken der als überlebt, stumm empfundenen Sprache. Eine künstlerische Existenzkrise, wie sie Beethoven ein Jahrhundert zuvor im Prozess der Ertaubung erlebt und im Heiligenstädter Testament beschreibt.
Manfred Trojahn hat im Auftrag der Bonner Gesellschaft für die Ausrichtung des Beethoven-Jubiläums – BTHVN 2020 – Hofmannsthals Ringen um neue sprachliche Ausdrucksformen zu einer Komposition für das Musiktheater erweitert. Intellektuelle Musik trifft auf Sprache im Niedergang, kurioserweise materialisiert in Hofmannsthals vollendetem Sprachstil. Ein Brief. Reflexive Szene für Bariton, Streichquartett und Orchester, wie sie der Urheber von Opern wie Enrico und Orest selbst tituliert, fungiert als Prolog zum Hauptwerk des Bonner Abends, zu Beethovens fast vergessenem Oratorium Christus am Ölberge. Das ist bei einer Aufführungsdauer von gut einer Stunde nicht abendfüllend.
Trojahns Werk erfährt das Glück einer beeindruckenden Uraufführung dank einer Inszenierung, die die Kopfgeburt des Stoffes in einem abstrakten antinaturalistischen und dennoch lebendigen Erlebnisraum gleichsam auf die Füße stellt. Geliefert hat dieses Kunststück die Choreografin Reinhild Hoffmann, die Personenführung im Raum großartig versteht und sich speziell bei der Umsetzung des Oratoriums auf ihr ureigenes Metier stützt. Mit Tänzerinnen und Tänzern des Essener Folkwang-Tanzstudios weiß sie zudem kompetente Akteure an ihrer Seite. Beeindruckend wird das Ganze insbesondere deswegen, weil die Grande Dame des Tanztheaters zwischen den beiden Werken Verbindungen schafft, die unter dem Strich Chandos alias Hofmannsthal, Jesus und Beethoven in einem Motiv zusammenbringen.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Dieses Motiv ist die Verzweiflung. Am „Abgrund“ wähnt sich Chandos. „Nahe an Verzweiflung“, beschreibt sich der Komponist. Dem vor seiner Verhaftung im Garten Gethsemane am Ölberg zweifelnden und verzweifelten Gottessohn widmet Beethoven sein einziges Oratorium, entstanden in größter Anteilnahme und Empathie. Plastisch und konkret wird Hoffmanns Klammer zwischen beiden Werken wie den fiktiven drei Hauptfiguren in der Schlussszene des Oratoriums. Holger Falk zitiert als Chandos auf der Bühne Passagen aus dem Heiligenstädter Testament. Das Menschliche, das Religiöse, das Kulturelle finden sich am Ende im Erneuerungsraum der Kunst. Jener Kunst, die später bei Richard Wagner vorausgesetzt wird, die Niederungen der gesellschaftlichen Verhältnisse zu überwinden und eine neue Konstruktivität zu entwickeln.
Die Trojahn-Uraufführung in der Kopplung mit der Quasi-Wiederentdeckung des1803 in Wien uraufgeführten, kaum bekannten geistlichen Werks Beethovens avanciert so zu einem der ersten herausragenden Beiträge des Musiktheaters zum Beethoven-Jubiläum 2020 am zentralen Schauplatz in dessen Geburtsstadt Bonn. Wirkungsmächtiger als die Fidelio-Produktion im Januar, auch wenn sich die als Politdrama mit ethischer Botschaft mächtig ins Zeug legt.
Hoffmanns antirealistische Inszenierung gründet auf einem rigoros reduzierten Bühnenbild, das an Vorbilder einer Ruth Berghaus oder eines Wieland Wagner erinnert. Das Geschehen beider Stücke spielt sich in einem anthrazitgrauen, zylinderartigen Rund ab. Szenischer und optischer Mittelpunkt dieses Kunstraums ist ein wie ein übergroßes Bett gestaltetes Buch. Im ersten Stück dient es Jesus, dargestellt von Kai Kluge, als Möbelstück für seine äußerst textverständlichen Deklamationen, die der bei den Aurelius-Sängerknaben Calw ausgebildete junge Tenor mit seiner baritonal grundierten Stimme souverän gestaltet. Aufgeklappt eignet es sich als Projektionsfläche für die Einspielung der Videos von Frederik Werth, die allerdings zurückhaltend eingesetzt werden. Zum Prinzip der Reduktion adäquat passen die von Andrea Schmidt-Futterer entworfenen Kostüme. In einem verwaschenen Beige agieren die Hauptfiguren, Jesus – hier ganz Mensch – in einem Alltagsgewand aus Leinen. Auch der vorzüglich eingestellte Chor wie der Extrachor des Theaters unter Leitung von Marco Medved treten uniform auf. Die zehn Tänzer bewegen sich im einheitlichen seidigen Grau, als sei die Ausstattung bei Jean-Pierre Ponnelle in die Schule gegangen. Lediglich dem Seraphen erlaubt Hoffmann Farbe: strahlendes Königsblau. Sopranistin Ilse Eerens meistert ihren Part vorzüglich, mit bestechenden Ausflügen ins Koloraturen-Fach. Grimmig im Übrigen das solitäre Schwarz des Seokhoon Moon als Petrus, was zu seiner Attitüde des Aufbegehrenden sehr gut passt.

Einen Fingerzeig zu dieser weitgehend auf bildliche Schauwerte verzichtenden Inszenierung liefert ein Beitrag der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann im Programmheft zur Produktion. 2017 ist sie mit ihrem Ehemann Jan mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Francis Bacon, Wegbereiter der Renaissance und der späteren Aufklärung, argumentiert sie, habe auf eine Evolution des Geistes vertraut, „um sich allmählich von den kindlichen Bildern zu emanzipieren“. Das „Regime der Bilder“ habe für Bacon einen atavistischen, etwa: vorzivilisatorischen Charakter gehabt. Hoffmann durchbricht ihr „Regime“ der Non-Bilder lediglich an einer einzigen Stelle. In die Zylinder hineinprojiziert werden Gemälde von Caravaggio sowie von Malern der Renaissance, wohl Vorboten einer kommenden neuen Zeit.
Die unkonventionelle Grundidee der Regisseurin, das Beethoven-Opus auf ein Libretto des Wiener Literaten Franz Xaver Huber choreografisch zu inszenieren, bekommt dem Werk, ohne allerdings entsprechend unkonventionell auszufallen. Kluge bewegt sich als Jesus gegen die ikonographische Vorstellung von Christus wie ein gehetztes Tier. Die Gruppe der Tänzer kommt über Standardabläufe nicht hinaus, wirkt immer wieder statisch. Gelungen ist die choreografische Umrahmung Kluges, wobei die Körper der Tänzer wie ein Schutzschild wirken. Anrührend der Auftritt der Eerens auf dem Rücken eines Teils der Tänzer, bei dem Kluge nach vorn ins Parkett blickt. So entstehen bei einiger Fantasie die Konturen einer Pietà.
Trojahns Kammermusik, nach einer Phase der Eingewöhnung angenehm zu hören, steht ganz im Dienst des Textes, den sie in musikalische Bilder umzusetzen sucht. Im Prinzip kaum anders versteht Beethoven seinen kompositorischen Part, der zeitgleich mit der Auseinandersetzung mit seiner zweiten Sinfonie und seinem dritten Klavierkonzert entsteht. Szenisch gedacht, steht gewollte Schlichtheit des Ausdrucks neben aufwühlender Dramatik, so im Terzett In meinen Adern wühlen. Kaum zu überhören ist der musikalisch-kompositorische Kontext dieser Partitur. Beethoven hat sich auf den Weg gemacht, Opernkomponist zu werden. Er befasst sich ab 1802 intensiv mit der Komposition seiner ersten und einzigen Oper, die unter dem Namen Leonore und in der überarbeiteten Fassung als Fidelio weltweit bekannt werden soll. Das Beethoven-Orchester Bonn unter der Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan zeigt sich unabhängig von einigen Unsicherheiten auf der vokal-sinfonischen Höhe seines Namensgebers. Kein Zweifel, die Selbstverständlichkeit des Umgangs mit dieser cosa rara wird mit den kommenden Aufführungen noch wachsen.
Reinhild Hoffmann ist in der Wahrnehmung des Publikums nach dem jubilierenden Schlusschor Preiset ihn, ihr Engelschöre verdientermaßen das Zentrum des großen Beifalls bei einigen Bravo-Rufen für alle Mitwirkenden. Der bricht in Sonderheit über den drei Solisten in den Hauptpartien herein. Ein Hauch von Jubiläumsstimmung am Rheinufer.
Statt eines Resümees ein Blick voraus. Die Produktion wird am 29. Februar im Theater an der Wien aufgeführt, dem Ort der Uraufführung des Beethoven-Oratoriums im Jahre 1803. Es scheint, als nähmen die ehrgeizigen Projekte des Musiktheaters zum Beethoven-Jubiläum 2020 allmählich Fahrt auf. On verra.
Ralf Siepmann