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Allein. Weh, ganz allein. Der Vater fort, hinabgescheucht in seine kalten Klüfte. Mit größter Konzentration steigt Aile Asszonyi in die Deklamation jener Passage ein, die als Agamemnon-Monolog bekannt ist. Hier kommt es auf jeden Vokal, jeden Konsonanten an, wenn die Vorgeschichte der Schrecknisse am Hofe zu Mykene ausgerollt wird. Die Partie der Elektra, die die estnische Sopranistin als Rollendebüt angeht, ist ja schon vokal teuflisch. Sie ist mit ihrer atemberaubenden Skala von der expressiven Schärfe bis hin zur lyrisch gehauchten Innerlichkeit eine jener mörderischen Partien, die Richard Strauss für seine Heldinnen, beginnend mit Salome, geschrieben hat. Über das rein Sängerische hinaus ist die Partie der Elektra eben auch eine Manifestation der Sprachgewalt, in der sich Hugo von Hofmannsthal und „sein“ Komponist mit Elektra, ihrer ersten gemeinsamen Arbeit, auf einer genialen künstlerischen Linie zusammen finden und Maßstäbe für ein ganzes Jahrhundert setzen.
Die Beobachtung Asszonyis bei ihren Bemühungen, der Titelpartie durch möglichst angemessene, buchstabengenaue Artikulation der Worte gerecht zu werden, gehört zu den verlockendsten Aspekten der Neuinszenierung der Elektra im Bonner Opernhaus. Zu besichtigen ist eine Theaterproduktion fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem epochalen Dresdner Uraufführungserfolg, die von sich reden machen, gewiss ihre Fangemeinde finden wird.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
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Der Elektra-Stoff lässt sich in vielerlei Hinsicht deuten. Als Tragödie der Treue, auch als Apotheose der Selbstaufopferung einer Frau, die sich als Einzige dem Opportunismus der Herrschenden entzieht und ihrer Bestimmung folgt. Die Tragödie für Musik von Hofmannsthal und Strauss, die auf dem Stück von Sophokles aufbaut, wird häufig als Mythos der griechischen Antike in der Zeit nach dem Trojanischen Krieg gesehen. Eine ganze Sippe verrennt sich, blind vor Machtstreben, Wut und Rache in die Ausweglosigkeit. Moderner, wenn auch seltener kreisen Regiekonzepte um den Psycho-GAU, in dem eine Familie stranden kann. Jetzt in Bonn dient der Stoff zumindest im Ansatz als Folie für ein Lehrstück über die Sinnlosigkeit von Rache und Vergeltung im Sinne Samuel Becketts, auf dessen Glückliche Tage das Programmheft an einer Stelle anspielt. Ist der Blutrausch der Rache, die Ekstase der Barbarei verglüht, bleibt dem Terminator nur noch das Nichts, die Leere, die Einsamkeit. In der schließt sich dann auch ganz im Sinne des griechischen Dramas der Kreis für Elektra. Nicht einmal ihr Tanz ist ihr geblieben. Wer glücklich ist wie wir, dem ziemt nur eins: schweigen und tanzen! Diese Aufforderung Elektras an ihre Schwester Chrysothemis verkümmert zum puren Schweigen. Ein interessantes, wenn auch nur angedeutetes Gedankenspiel für unsere Gegenwart, in der Fundamentalisten aller Provenienz die Auslöschung des Anderen propagieren, als hätte es niemals die Aufklärung, den Diskurs der Vernunft und das Modell der Koexistenz gegeben.
Für diese Sicht sorgt ein Theatermann par excellence, der Regisseur Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig und mit Bonns Generalintendanten Bernhard Helmich aus der gemeinsamen Arbeit am Theater Chemnitz bestens vertraut. Auf das Theater zugeschnitten ist so manches in seiner Neuinszenierung. Sie setzt stark auf Aktion, als sei in Momenten des Straussschen Klangtornados der Musik nicht allein zu trauen. In den 1970-er und 1980-er Jahren beschränkt sich beispielsweise der erfahrene Regisseur August Everding in seiner Elektra-Inszenierung für die Opernhäuser in Hamburg und München auf die Ausstellung eines überdimensionalen, riegelförmigen, schwarzen Klotzes, der sich in der Bühnenmitte extrem langsam um die eigene Achse dreht und ansonsten dem Psychodrama seinen Lauf lässt. Lübbe liegt jegliche Reduktion, die der bildgewaltigen Tonsprache des Komponisten Raum gibt, fern. Mit seinem Team, dem Bühnenbildner Etienne Pluss und der Kostümbildnerin Bianca Deigner, setzt er auf starke Bilder und ständige Bewegung im Turbo-Gang.
Das beeindruckende Bühnenbild gibt die Richtung vor. Antikes Ambiente ist nicht mehr angesagt. Elektrisches Licht, ein Lüster, ein Trichtergrammophon und die großfeudale Innenarchitektur lassen an die 1930-er Jahre denken, in die das Spektakel verlegt worden ist. Das Geschehen spielt sich weitgehend unter prekären ästhetischen Bedingungen vor einer repräsentativen Freitreppe hinauf zum Königspalast von Mykene auf Müllbergen im Kellergeschoss ab. Bis heran an den Orchestergraben stapeln sich grauschwarze Säcke, in die alles entsorgt wird, was am Hofe der Prasser so ausgespuckt wird. Jede Menge Vergangenheit, die woanders unter dem Teppich landen würde. Unbearbeitetes, das dazu beiträgt, die Familienkonflikte am Schwelen zu halten. Dazu Tand, Küchenschrott, ausrangierte Kleidung in Mengen, in der Elektra nach dem Beil sucht, das in den Händen Orests seine Bestimmung finden soll. Auch der Leichnam der aufsässigen Magd, die gegen die Schande auf dem Thron aufbegehrt. „Hingucker“ sind die fünf Mägde im schick geschneiderten Einheitslederkostüm, die ziemlich damit beschäftigt sind, immer neue Müllsäcke zu deponieren und durch Räumaktionismus eine Ordnung zu simulieren, die ohnehin nicht angesagt ist.
Simulation, die von Fantasien, Träumen, Albträumen, ist ein probates Stilmittel, mit dem Lübbes Inszenierung gern spielt. Da mag das Crescendo der Leidenschaften, das die Musik schwelgerisch ausbreitet, noch so exzessiv ein. Bei Lübbe muss – prima l’azione e poi la musica – der Turbo auch noch auf der Bühne gezündet werden. In dieses Konzept passen am besten Darsteller in Bewegung, die das Auge des Betrachters fesseln. So achtfache Kopien der Elektra und des Orest, die mit dem Beil choreografische Muster zeichnen oder massiv auf den Boden einschlagen, ebenso multiplizierte Mägde. Die archaische Barbarei der Atriden, die Strauss im grandiosen Finale ins Dämonische stilisiert, hat ihren bildlichen Ausdruck gefunden. Zwingend? Eher nicht. Plausibel? Schon gar nicht.

Strauss erkennt in der Vorlage Hofmannsthals die willkommene Gelegenheit, musikalisch mit einem noch größeren Orchester über die schon kühne Tonsprache der Vorgängerin Salome hinauszugehen, an die Grenze musikalischer Vermittlung und Aufnahmefähigkeit. Der Klang ist rigider, expressiver, stellenweise atonal. Die 115 Musiker des Beethoven-Orchesters Bonn (BOB) unter Leitung von Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan entfesseln über die knapp zwei Stunden des Einakters ein Furioso an Klängen und Tongemälden, das große Form und beste Vorbereitung verrät. Bestrickend ist Kaftans Bemühen, die Unterschiede in der Dynamik zwischen der Wucht des Orchesters und der Vokalität der Sänger auszuloten und immer dann auszubalancieren, wenn der monumentale Orchesterapparat über allem zusammenzuschlagen droht.
Großartig gelingt das – abgesehen vom Finale – in der Erkennungsszene der Geschwister sowie in der langen Begegnung von Mutter und Tochter, Klytämnestra und Elektra, den Kernstücken des Werks. Insbesondere in diesen beiden Schlüsselszenen präsentiert Asszonyi ihre Kompetenz in der Bewältigung fordernder Partien im hochdramatischen Fach. Ihr ausgereifter Sopran bewegt sich souverän zwischen den dunklen Gefilden wie den lyrischen Höhen dieser monströsen Seelenlandschaft. Nicole Piccolomini ist im goldschimmernden Paillettenkostüm als Klytämnestra gewiss die zutiefst verdorbene femme fatale mit schneidendem Mezzo auf dem Thron der Verbrecherclique. Gänzlich ohne Format und Würde mag aber Lübbe diese Erscheinung nicht zeigen. Respekt und Wärme eignet er erst recht Manuela Uhl als Chrysothemis zu, der Schwester und weiblichen Gegenspielerin Elektras. Es gehört zu den außerordentlich anrührenden Sequenzen dieser Aufführung, wie sie in diesem Inferno für ihr Recht auf eine selbstbestimme Existenz kämpft. Wie sie Elektra um Menschlichkeit anbettelt, wo der Hass alles Menschliche erstickt: Hab Mitleid mit dir selbst und mit mir. An diesem Abend der starken Frauen, machen auch das Quintett der Mägde sowie der Chor und die Statisterie des Theaters Bonn bella figura.
Martin Tzonev ist mit gewohnt gefälligem, sonorem Bariton als Orest eine adäquate Besetzung. Inadäquat gemessen an der Vorerwartung allerdings sein Erscheinungsbild. Dieser Orest taucht in Mykene als Kriegsveteran auf, schafft es mit letzter Kraft und dank seines getreuen Pflegers, dargestellt von Egbert Herold, zum Ziel seiner Mission. Sein linker Arm steckt wie angenäht in einer Schlinge. Zudem zieht er einen Fuß nach, schleppt sich hinkend Stufe um Stufe die Freitreppe hoch in den Königspalast. Ein Mythos, einmal mehr, wird entzaubert. In seinem kurzen Auftritt als Aegisth versteht es der Tenor Johannes Mertes vorzüglich, die Dekadenz dieser Figur glaubhaft zu machen. Auch und gerade dann, wenn er von Todesangst gezeichnet realisiert, von Elektra in die Falle gelockt zu sein.
Kaum ist nach einer wilden Kaskade in C‑Dur das Ende der Elektra mit einem es-moll-Akkord in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt und die Tragödie ausgeklungen, bricht das Publikum in einen Begeisterungssturm aus, der so auch in Bonn nicht alltäglich ist. Zum Orkan steigert sich diese Woge stets dann, wenn sich Asszonyi allein oder mit den anderen Sängerdarstellern dem Haus stellt. Mit feinem Gespür für eine Ausnahmeleistung quittiert das Publikum eine Darbietung, die die Estin spielerisch wie stimmlich bis an die Grenze ihrer Ressourcen geführt haben dürfte, wenn nicht phasenweise darüber hinaus. Mit anhaltendem Jubel danken die Besucher auch Kaftan, damit dem famosen BOB sowie den übrigen Akteuren, darunter – nicht zuletzt – dem Regieteam um Lübbe. Wo die Oper elementare Fragen aufwirft und keine simplen Lösungen präsentiert, hat sie doch in ihren besten Stunden klare Antworten zu bieten. Qualität zum Beispiel.
Ralf Siepmann