O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.
Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.
Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.
O-Ton
3-Monats-Abo
für jeweils 3 Monate
O-Ton
Jahres-Abo
pro Jahr
O-Ton
6-Wochen-Abo
für jeweils 6 Wochen
O-Ton
Jahres-Mitgliedschaft
für ein Jahr
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Kulturmagazin mit Charakter
O-Ton
Abo
Kultur entdecken
Der Spielplan von Musiktheatern mutet für Außenstehende bisweilen undurchschaubar, willkürlich an. Aktuelles Beispiel: die Oper Bonn. Das Haus am Rhein setzt zuletzt mit Fidelio und dem Oratorium Christus am Ölberge starke Akzente zum aktuellen Beethoven-Jubiläum. Jetzt, da Beethoven 2020 an diversen Orten – auch in Wien – Fahrt aufnimmt, bringt sie mit der Komischen Operette Die Fledermaus von Johann Strauß (Sohn) einen Klassiker der französisch inspirierten Unterhaltung auf die Bühne. Ein Stück, das seinen Stammplatz im Repertoire der Bühnen eher zu Silvester oder im Karneval behauptet. Nicht aber dann, wenn auch der letzte Faschingskater längst verflogen ist.
Ist schon die Terminierung der dreiaktigen Frivolität mit dem literarisch vorzüglichen Libretto von Carl Haffner und Richard Genée nach dem Vaudeville Le Réveillon von Henri Meilhac und Ludovic Halévy ungewöhnlich, ist es erst recht die Koproduktion mit dem Theater Dortmund und dem Saarländischen Staatstheater. Regisseur Aron Stiehl, an der Oper Bonn in der Spielzeit 2017⁄18 mit Le Nozze di Figaro hervorgetreten, legt sich in jeder Faser dieses Bühnenspektakels ins Zeug, als ginge es um einen Platz im Olymp des Regiefachs. Als ginge es darum, jede Szene der Trias – Ballvorbereitung, Ballrausch, Katzenjammer – mit Champagner zu veredeln. Davon erzählt Stiehl praktischerweise schon in der Einstiegssequenz, als zur perlenden Ouvertüre der Vorhang bereits ein Stück nach oben bewegt worden ist. Ein Salonwägelchen mit Champagnerflasche als Fracht schnurrt von rechts nach links, um kurz danach mit umgedrehter, also leerer Flasche den umgekehrten Weg zurückzulegen. Kein Zweifel: Die Majestät wird anerkannt, Symbol der feinen Gesellschaft, die nichtsahnend dem Ende der K.u.K.-Epoche und ihrem Zusammenbruch entgegentrinkt.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Stiehl präsentiert sich an diesem Abend als ein Regisseur, der viel will, Situationskomik, Pointen-Feuerwerk, action im Minutentakt, letztlich zu viel und so ein zwiespältiges Gefühl hinterlässt. Man muss beileibe nicht die legendäre, unverwüstliche Wiener Inszenierung Otto Schenks mit dem Bühnenbild Günther Schneider-Siemssens von 1979 bemühen, um einen Zugang zu der „einzigen Operette im Opern-Genre“ zu finden, für die sich kein Geringerer als Gustav Mahler eingesetzt hat. 1894, zwanzig Jahre nach der Wiener Uraufführung dirigiert er sie im Theater der Hansestadt Hamburg. Gerade in den letzten Jahren sind etliche Inszenierungen verzeichnet, die ein eigenes Konzept zur Ausstellung und Ausstattung der Eleganz der Dekadenz gefunden haben.
Apropos Ausstattung: Schon die eigentlich witzige Grundidee der Inszenierung, die Farce im Badeort Baden nahe Wien, eineinhalb Jahrzehnte Beethovens Sommerfrische, spielen zu lassen, erweist sich im Fortgang der Akte weder als schlüssig noch als gelungen. Das Zimmer im herrschaftlichen Haus des Rentiers Gabriel von Eisenstein, Location des ersten Akts, mutiert in der Ausstattung von Bühnenbildner Timo Dentler und Kostümbildnerin Okarina Peter sowie den Lichtideen Max Karbes zur Fassade eines Badhotels mit maximal zwei Sternen. Die Unterkunft, eine Art Spielbaukasten des Alltags, erlaubt Einblicke in jeweils drei Zimmer auf zwei Etagen. Champagnerflaschen gibt es auch hier neben anderen Alkoholika reichlich. Eine ganze Batterie davon lagert im Kühlschrank, in den Rosalinde, Anna Princeva, ihren Lover Alfred, Kai Kluge, vor den Augen ihres Gatten Eisenstein, Johannes Mertes, zum Ergötzen des Publikums sperrt. Das Kammermädchen Adele, Marie Heeschen, wirbelt durch die Schlaf- und Ankleidezimmer und mit großer Spielfreude jede Menge Staub auf. Rosalinde ist sich nicht zu schade, höchstselbst einen Eintopf zuzubereiten, in den neben Gurken und Möhren ein veritabler Frosch wandert.

Ist der Bühnenbildwechsel zum Gefängnis mit übereinander angeordneten Zellen noch einigermaßen plausibel, so ist die Szenerie des zweiten Akts, der Villa des Prinzen Orlofsky, Susanne Blattert, ein glatter Bruch mit jeder Ausstattungsmanier im Stil des Biedermeiers. Und – ärger noch – mit der Grundidee dieser Produktion. Der Prinz empfängt in einem schummrigen Ambiente, in dem das Ausschweifende, das Laster, die Orgie in allen Varianten beheimatet sind. Zu Orlofskys Entourage zählen Ergebene in SM- oder Paillettenkostümen, die keine Hemmungen kennen, grob zuzupacken. Erbauliche Akzente setzen immerhin die Kostüme des von Marco Medved glänzend präparierten Chors des Theaters Bonn. Zu einem magischen Augenblick schwingt er sich auf mit der Versöhnungshymne Brüderlein und Schwesterlein … Du, Du immerzu.
Einmal in Fahrt, zündet Stiehl den Turbo. Variantenreiche Stil- und Spielelemente wechseln sich ohne Ende ab. Im Badehaus geht es drunter und drüber, inklusive #MeToo-Andeutungen. Das Gefängnis wird spätestens dann zum Vogelhaus, wie es der Gefängnisdirektor Frank, Martin Tzonev, so prächtig ausgemalt hat, als Alfred, der falsche Insasse, jedem ein Raus! entgegenbrüllt, der seine Zelle betreten will. Ein running gag, der sogar bis zum Ende hält. Ein Crescendo an Slapstick bestimmt nicht zuletzt den Schlussakt, als wäre eine der verbliebenen Varianten der Fledermaus-Tollwut in das Unterfangen gefahren. Der schmale Grat, auf dem Spielwut entweder zur Kunst oder zum Unsinn wird, scheint auch dem Regisseur nicht fremd. Sein Blick auf die Protagonisten fällt teils amüsiert-wohlwollend, teils ablehnend und skeptisch aus. Immer unterlegt mit einer Chuzpe, die in Wien gern als Schmäh umschrieben wird.
Festmachen lässt sich das an der Figur des Türstehers im zweiten Akt. Es handelt sich um ein kräftiges Mannsbild – im realen Leben Chorist – am Bühnenrand im schwarzen Leder und in Security-Manier. Hat er die Aufgabe, die Ballbesucher vor den „niederen Ständen“ abzuschirmen? Oder sie vor sich selbst zu schützen? Die Antwort überlässt Stiehl seinem Publikum. Die Natur holt die Bagage am Ende eh ein, womöglich doppelt. Die des Menschen als Raubtier, dessen Gier und Unersättlichkeit in der Fledermaus so charmant wie erschreckend entlarvt werden. Die Natur in Gestalt von Fauna und Flora, deren absolute Macht nur Ignoranten bezweifeln. Zu weit hergeholt? Keineswegs: Im Ball-Akt hängt diffuses Gestrüpp vom Theaterhimmel – wohl eine Anspielung Stiehls auf den vom Menschen verursachten Teil des Klimawandels heutiger Tage.
Wie selbstverständlich wird in Bonn in das Libretto eingegriffen, was – Spaß muss sein – bei der Fledermaus zu den verzeihlichen Dingen zählen mag. Mal witzig, wie bei Alfreds Seitenhieben auf die Unterfinanzierung von Sängern in der Oper. Mal gekonnt, wie der Verweis auf die Oper Bonn, die sich so schnell nicht unterkriegen lasse. Mal plump wie bei Notar Dr. Blind, Kieran Carrel, dem ein blind date angedichtet wird. Für die gern und reichlich eingestreuten direkten und indirekten Anspielungen auf „unseren Ludwig“, gemeint ist selbstverständlich Beethoven, ist in erster Linie der Wiener Christoph Wagner-Trenkwitz zuständig, der als Gefängnisdiener Frosch kurioserweise zu mehreren Auftritten kommt. Zu Beginn erscheint er mit Atemschutzmaske vor dem Vorhang und kalauert im gekonnten Wienerisch über beliebte österreichisch-deutsche Freund-Feind-Themen. Dann gegen Ende des ersten Aufzugs zur Überbrückung eines fast zehn Minuten langen Fehlalarms der Feuerwehr, der durch unplanmäßigen Bühnenrauch ausgelöst wird. Wagner-Trenkwitz meistert diesen Part mit Witz und Gespür für die Anspannung des alarmgestressten Publikums. Er habe die Ehre, lästert der Dramaturg und Musikwissenschaftler, sein Bonner Debüt „im Duett mit einem Feuermelder“ geben zu können. Nicht mehr verwunderlich ist schließlich im Gefängnis-Aufzug, wie gekonnt er die klassischen Fledermaus-Pointen setzt und neue improvisierte dazu.

Musikalisch ist die Aufführung eitel Operetten-Seligkeit. Das Beethoven-Orchester Bonn unter seinem Dirigenten Daniel Johannes Mayr lässt sich vom Geschehen auf der Bühne nicht groß irritieren und entfaltet die Partitur mit glühender Leidenschaft. Die prächtige Ouvertüre, schon für sich ein Kabinettstück. Die mitreißenden Polka-Tänze. Ganz besonders die schwungvollen Walzer, der grandioseste Populismus in der Musik seit Erfindung des Marsches. Im Bann des Walzers konnte, wie der Beethoven-Biograf Jan Caeyers schreibt, „der Biedermeier-Mensch dem Alltag entschweben“. Im Bann dieser Musik mag letztlich auch verzeihlich sein, dass dem Publikum Gelegenheit geboten wird, Viva Colonia, die rheinische Hymne, und den Radetzky-Marsch mitzusingen oder mitzuklatschen.
Aus dem prächtig aufgelegten Sängerensemble ragen Princeva und Heeschen sowie unter den Männern Kluge heraus. Die Princeva dominiert mit ihrem lodernden Sopran die Szene, wobei ihr gelegentliches, überzogenes Vibrato nicht wirklich stört. Ihr Csárdás Klänge der Heimat gehört zu den Höhepunkten des Abends. Heeschen nutzt die Gunst der Stunde, ihr Soubretten-Talent voll auszusingen und auszuspielen. Kluge, zuletzt Jesus in Christus am Ölberge, überzeugt mit seinem kraftvollen höhensicheren und geschmeidigen Tenor, ob in der Intendantenloge über dem Parkett oder in underwear im Tigerlook. Mertes macht aus seiner ambivalenten Rolle einen besonderen Spaß. Kanaris agiert als Intrigant typgerecht. Ein echter Genuss ist es, Tzonev spielen und singen zu erleben. Seine feurige Beschreibung seines Vogelhauses alias Gefängnis macht Lust auf mehr: Viel Vögel flattern ein und aus bekommen frei Quartier. Der Orlofsky der Blattert changiert mit nuancenreichem Mezzo zwischen artifizieller Noblesse und nationalem Klischee. Indirekt adelt sie der Regisseur, indem er für sie die russische Nationalhymne anspielen lässt. Völlig zu Recht.
Im tosenden Beifall des Publikums für alle Mitwirkenden erfährt Bärbel Stenzenberger eine besondere Beachtung. Einmal als Adeles Schwester Ida auf der Bühne, dann speziell für die Choreografie, die sie mit den neun Tänzerinnen und Tänzer einstudiert hat. Für ihre Aufführung werden die regelrecht gefeiert. Ich stehe voll Zagen singen Rosalinde, Alfred und Eisenstein im Terzett des dritten Aufzugs. Nein, zaghaft ist diese Bonner Fledermaus mitnichten. Ganz im Gegenteil, robust und selbstbewusst.
Ralf Siepmann