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Zum großen Finale haben sich alle eingefunden, die in den knapp zwei Stunden Opernkino zuvor die Geschichte des Internatszöglings und Halbwaisen Jon Whitcroft und seiner Schulfreundin Ella Littlejohn erzählt haben. Vereint an der Rampe sind nun Gute und Böse, hier Gestalten, die dem Publikum in der Oper Bonn einen Schauer nach dem anderen über den Rücken gejagt haben, dort die anderen mit der Fähigkeit, es zum Schmunzeln, manchmal gar zum Lachen zu bringen. Allen voran die zumeist recht skurrilen Figuren aus der Sippschaft der jungen Helden, dazu die surrealen Ritter aus dem Mittelalter, ferner allerlei Fantasy-Personal wie Dämonen und Kröten. Wie Watte legt sich ein Harmonien beschwörender Breitband-Soundtrack über die Szene. „Kitsch, Kitsch, Kitsch“, wird dazwischen gerufen. Nun ist Rap von Seiten der drei Kröten angesagt, mit dem die Uraufführung des „Opernthrillers“ Geisterritter von James Reynolds nach dem Roman von Cornelia Funke endet.
Ganz klar, hier sind Profis am Werk, die ziemlich viel davon verstehen, was eine „Familienoper“ mit der Kernzielgruppe Kinder zwischen acht und zwölf Jahren bieten muss, um Herz und Verstand zu erreichen. Und das ist eine ganze Menge, wie der anhaltende, teils frenetische Schlussbeifall im Haus am Boeselagerhof beweist, das lange nicht mehr eine solche willkommene Belagerung durch Kinder und Jugendliche erlebt haben dürfte.
Die Sparte Kinderoper im Sinne eines spezifischen Musiktheaters für Kinder in der Entwicklung lässt sich seit dem späten 19. Jahrhundert nachweisen, speziell in Deutschland, Dänemark und Russland. Nach 1945 setzen Britten, Davies, Henze, Menotti und Hiller diese Tradition mit eigenen Schöpfungen fort. Allen gemeinsam ist die Zielsetzung, Kinder mit der Oper oder die Oper mit Kindern vertraut zu machen. Ebenso gemeinsam ist ihnen ein struktureller Nachteil. Zu wenige Stoffe haben in den letzten Jahrzehnten den Sprung ins Repertoire geschafft, um tendenziell der Dominanz von Humperdincks Hänsel und Gretel in den Spielplänen etwas Ebenbürtiges an die Seite zu setzen.
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Vor diesem Hintergrund ist es schon ein Glücksfall, dass sich der aus Kalifornien stammende und in Berlin lebende Komponist James Reynolds erstmals einer Vorlage der Erfolgsautorin Funke, von der auch der Erfolgsroman Tintenherz stammt, angenommen und sich für eine Fassung für große Bühnen engagiert hat. Die Vorgeschichte des Projekts lässt sich in wenigen Sätzen skizzieren. Auf der Suche nach einem Stoff für eine kindgerechte Gruselgeschichte begegnet der Komponist zufällig der in Santa Barbara lebenden Kinderbuchautorin. Die arbeitet gerade an ihrer Geisterritter-Geschichte. Reynolds, ein Generalist, erfahren in zahlreichen Kompositionen für Musiktheater und Ballett, zu Literaturproduktionen, Krimis, Märchen und Kinderhörspielen, begeistert sich für den Text. Ihm ist auf Anhieb klar, wie sehr der sich zur Umsetzung für das Theater eignet. „Das Buch ist ideal für eine Bühnenbearbeitung“, äußert sich auch Funke unisono. Das sehen indes nicht alle so. Einige Theater scheuen das große Format, verlangen Reduzierung und Straffung, was allerdings quer läge zur ursprünglichen Intention und zurückgewiesen wird. Das Oldenburger Staatstheater distanziert sich 2011 von seinem Vorhaben, die gerade auch auf dem Buchmarkt erschienenen Geisterritter zur Uraufführung zu bringen. Untragbar für Kinder, lautet das Verdikt.
Sechs Jahre später hat das Warten des Tandems Reynolds und Funke sowie für den Librettisten Christoph Klimke, schon Partner des Komponisten bei dessen Oper Tucholskys Spiegel, ein Ende. Die Oper Bonn – Glücksfall Nummer zwei – entschließt sich, im Rahmen der Kooperation „Junge Opern Rhein Ruhr“, das Werk herauszubringen. Und alle Kräfte des Theaters – Orchester, Chöre, Solisten, Werkstätten und technische Abteilungen – für das Vorhaben zu mobilisieren. Die Uraufführung avanciert so in Zeiten kulturpolitischer Restriktionen, denen die Oper in der Bundesstadt seit einigen Jahren unterliegt, zu einem glänzenden Leistungsnachweis für das Stadttheater schlechthin. Mit ihrer grandiosen Geisterstunde für Klein und Groß konterkariert sie zudem das in Bonner Verteilungskämpfen um öffentliche Gelder immer wieder platt kolportierte Vorurteil, mit der Oper leiste sich eine Elite ihr Lieblingsspielzeug.
„Kinder sind manchmal sehr viel offener als die Erwachsenen, sie sind an neuen Klängen und Spieltechniken interessiert“, sagt Reynolds vor der Uraufführung. „Sie hören mit den Augen.“ Diese Erkenntnis bringt Regisseur Erik Petersen visuell mit einer spektakulären Inszenierung der Schauergeschichte zur Geltung. Der dritte Glücksfall: Petersen weiß mit dem Ausstatter-Team Momme Hinrichs und Torge Møller Bündnisgenossen an seiner Seite, die der fantastischen Funke-Story adäquate Bilderwelten zugesellen. Wie das Duo, 2014 in Bonn bei Verdis Giovanna d‘Arco erstmals voll für eine Inszenierung verantwortlich, die rasch, weil ohne Umbaupausen wechselnden Schauplätze herbeizaubert, ist Videokunst par excellence, innovativ und verblüffend. Diese Phantasmagorie entsteht just in time, wenn sich das Klassenzimmer des Internats zum Beispiel in die Kathedrale von Salisbury verwandelt, später dann in den Friedhof zu Kilmington, wo – oh Wunder – Gräberskulpturen zu kämpfenden Rittern werden, natürlich auf der Seite des Guten. Dass die Märchenwelt der Funke höchst unterhaltsam funktioniert, ist nicht zuletzt den prächtigen Kostümen zu verdanken, die Kristopher Kempf eingebungsvoll konzipiert hat.
Effekt und Affekt! Auf diese Formel bringt Mozart anlässlich der Uraufführung seines Idomeneo das ganze Geheimnis der Oper. Offenkundig ist die Formel zeitlos. Die Effekte der Komposition, die das Beethoven-Orchester Bonn mit Kapellmeister Daniel Johannes Mayr am Pult souverän bewältigt, scheinen jedenfalls grenzenlos. Lohnt schon das „Hören mit den Augen“, so lohnt das Hören mit den Ohren erst recht. Zu erleben gibt es alle Schattierungen von grell bis intim, jede Menge Schlagwerk, Glockenspiel, elektronische Sphären- sowie Filmmusik, Big-Band-Sound, Rap, Kammermusik, Anleihen aus dem Musical, selbst formvollende Arien. Mit einer solchen glänzt speziell Susanne Blattert als Zelda und in der weiteren Rolle der Ela Longspee, genrekonform, da von schmelzenden Harfenklängen begleitet. Da ist Puccini nicht mehr weit.

Aus dem äußerst engagierten, glänzenden Sängerensemble ragen der Tenor David Fischer als Jon und die Sopranistin Marie Heeschen als Ella Littlejohn heraus. Beide haben schon mit Auftritten jüngst in Bonn, sei es in Peter Grimes, sei es im Barbiere di Seviglia, ihr großes Potenzial für eine perspektivenreiche Zukunft unter Beweis gestellt. Jetzt kommt bei ihnen noch das Talent zum Spielerischen hinzu, in allen Varianten von der Trauer bis hin zum Komödiantischen. Heeschen zumal dürften viele Türen offenstehen. Zeichnet sie sich doch als besonders aufgeschlossen für Stücke der Neuen Musik aus.
In den weiteren großen und kleinen Partien gibt es viel vokales Können und Schauspielkunst zu bewundern. Der österreichische Altist Bernhard Landauer ist ein Lord Stourton mit markanter Stimme und hoher Bühnenpräsenz. Giorgos Kanaris macht es ersichtlich viel Freude, den William Longspee zu geben, einen steinernen Gast besonderer Natur. Martin Tzonev genießt es förmlich, dem Schullehrer Mr. Rifkin Konturen zu vermitteln. Sein Dialog mit den Internatsschülern, ob es denn nun Geister gebe oder nicht, ist ein Bravourstück im Stile der Opéra comique. Anjara I. Bartz und Gintaras Tamutis als die Popplewelles, Fabio Lesuisse als Angus und Julian Kokott als Stu und Aleister Jindrich tragen wesentlich zu dem insgesamt überzeugenden Gesamtbild bei. Das gilt nicht zuletzt für die formidabel einstudierten Chöre, den des Theaters Bonn unter seinem Leiter Marco Medved sowie die vier aus dem Jugendchor ausgegliederten Mädchen unter Leitung von Ekaterina Klewitz. Ein großes Kompliment zudem den prachtvoll agierenden weiteren Akteuren, so den rappenden Kröten um ihren Anführer Cedric Sprick.
Der Stein ist also ins Wasser geworfen. In absehbarer Zeit werden die Geisterritter auch in Düsseldorf und Duisburg sowie in Dortmund zu erleben sein. Und dann? Alles Weitere dürfte in den Händen von Intendanten, Dirigenten, Regisseuren, wohl auch Theaterpädagogen liegen. Das Zeug zu einer Repertoire-Oper für die ganze Familie hat diese Gruselgeschichte vom Feinsten jedenfalls sicher.
Ralf Siepmann