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Amilcare Ponchiellis einzige populäre Komposition unter seinen insgesamt sieben Opern rangiert außerhalb Italiens an der Peripherie des Repertoires. Das gilt freilich nicht zwingend für das Theater Bonn. Für die Spielzeit 1987⁄88 ist in der Ära des Generalintendanten Jean-Claude Riber eine Inszenierung von La Gioconda dokumentiert, mit Eva Marton in der Titelrolle, jedenfalls der spärlichen Quellenlage zufolge. Nun hat das Haus am Rhein das vieraktige Schauerdrama auf ein Libretto Arrigo Boitos erneut auf die Bühne gebracht. Diesmal in jener konzertanten Form von Produktionen, mit denen die Bonner Theatermacher seit einigen Jahren das neue Jahr zu eröffnen pflegen. Ponchiellis Dramma lirico im Kontext Venedigs des 17. Jahrhunderts lässt sich getrost den Werken zurechnen, die häufig erst auf den zweiten Blick oder das zweite Zuhören ihre Anhänger finden. Die Aufführung unter schwarzen Stoffbahnen in einem für die Phantasie nach oben offenen Theaterhimmel lässt sich als Bestätigung dieser Erkenntnis deuten. Kein schlechter Ertrag für die Begegnung mit dem „Urmonster der italienischen Opernliteratur“. So apostrophiert Bonns Operndirektor Andreas K.W. Meyer in einem Interview die Kolportage, die – kein Zufall – auf Victor Hugo beruht. Genauer dessen Schauspiel Angelo, tyran de Padoue.
Dieses Nichtzufällige hat mit Hugo zu tun, ferner mit Boito und schließlich mit dem Komponisten selbst. Hugo schreibt Libretti für diverse Komponisten, insbesondere Verdi, dem er die Stoffe zu Ernani und Rigoletto liefert. Boito zieht es vor, die in Ponchiellis Augen allzu schwülstige Textvorlage für La Gioconda unter dem Pseudonym Tobia Gorrio freizugeben, verschafft sich dann aber mit den Libretti für drei der vier letzten Opern Verdis größten Ruhm. Ponchielli wiederum schließt zum einen die Epoche Verdis ab, was sich exemplarisch in den ersten beiden Chorauftritten und den Finals aller vier Akte manifestiert. Zum anderen verweist er auf den kommenden Verismo, so im stringenten Umgang mit Leitmotiven. Biografisch vollendet sich dieser Übergang in der Tatsache, dass der Cremoneser als Lehrer der großen drei Veristen wirkt: Leoncavallo, Mascagni und Puccini. Die Oper als Drama wird gesellschaftlich relevant. Die Musik bleibt edel. Doch das Ende des Belcanto ist nicht mehr rückgängig zu machen.
Es zählt zu den Kuriosa der italienischen Oper, dass der Inhalt des Dramas dem durchschlagenden Erfolg Ponchiellis bei der Uraufführung 1876 in der Mailänder Scala nicht im Wege steht. Das Schauerstück vor dem Hintergrund der Kanäle, Inseln und Paläste der prachtvollsten Epoche in der Geschichte der Seefahrerrepublik fährt nämlich alles auf, was Hass, Verrat, Missgunst und Rache an menschlichen Verwerfungen hervorzubringen verstehen. Vergleichbar dem Plot von Il Trovatore, womit die Verbindung zu Verdi noch einmal aufscheint.
Das Drehkreuz der Leidenschaften gipfelt in einem herzzerreißenden Showdown. Gioconda, die Straßensängerin, ersticht sich vor den Augen ihres Verfolgers Barnaba, Spitzel im Auftrag der Staatsinquisition. Als Folge dieser heroischen Tat gewinnen das Liebespaar Laura und Enzo die Freiheit. Ausgerechnet Laura, die Rivalin Giocondas, womit die menschliche Option, sich von Rachegefühlen nicht beherrschen zu lassen, triumphiert.
Die Ausrichtung des Stücks auf eine konzertante Wiedergabe erlaubt dem Publikum die Konzentration auf das Wesentliche in der Oper, die Musik. Diesem Prinzip dient auch das räumliche Arrangement der Mitwirkenden auf der Bühne, das die Hervorbringung eines eindringlichen, um nicht zu sagen robusten Klangtableaus mit vertikalen Steigerungseffekten ermöglicht. Vorn das Solistenensemble, dann das Beethoven-Orchester Bonn (BOB) mit dem bestens aufgelegten Blech in der ansteigenden Reihe. Darüber Chor und Extrachor des Theaters Bonn in stattlicher Zahl.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Salvatore Farina, ein Freund des Komponisten, schwärmt von Ponchielli als „diesem begabten Troubadour“. Aus der Hand eines solchen Troubadours der Noten stammt fürwahr die Partitur dieses durchkomponierten Monstrums, das dramatische Emanationen mit melodienseliger Folklore wie Seemannsmusiken, schwelgerischen Kantilenen und überbordenden Tänzen kombiniert. Unter der musikalischen Leitung von Hermes Helfricht, gerade erst als Erster Kapellmeister des BOB in die Bundesstadt gewechselt, agiert das Orchester auf Ton- und Augenhöhe mit dem Machwerk im besten Sinne. Hoch motiviert, energisch, aber nicht übertrieben in der Körpersprache führt Helfricht die Musiker durch das Dickicht der Partitur. Vom ersten Einsatz an, den die Celli mit Pianissimo-Kultur geben, sind die Akteure bei ihrer Sache, von der ausgezeichneten Harfenistin bis hin zur Bassfraktion im Blech. Groß ist die Spielfreude nicht zuletzt in der ausgiebigen Balletteinlage im dritten Akt mit dem äußerst beliebten Il ballo delle ore – Tanz der Stunden – im Mittelteil, dessen Melodie es gar in Walt Disneys Musikfilm Fantasia geschafft hat. So ergötzt sich das Bonner Publikum, wie am Szenenbeifall zu erkennen ist, an diesem Streifzug durch die Opernmetropolen von Frankreich, Italien und Österreich im Sog der Grand Opéra, ohne sich an seiner zeitlichen Länge zu stoßen. Zur Qualität der Produktion trägt im Übrigen nicht zuletzt der mächtige Chorapparat in der Einstudierung von Marco Medved bei. Helfricht versteht es, die Sängerinnen und Sänger bei Tempo und Laune zu halten.
Auf der Sunny side of the street darf sich ein Theater empfinden, das die Besetzung eines Werks dieses Kalibers mit Rollen für alle sechs Stimmgattungen aus dem Hausensemble leisten kann, bei Ausnahme einer einzigen, der Titelpartie. Auch die Rolle der Gioconda wäre alla casa besetzt worden, hätte nicht kurzfristig aus dispositionellen Gründen, wie verlautet, für die ursprünglich vorgesehene Yannick-Muriel Noah ein adäquater Gast gefunden werden müssen. Die Sopranistin Zoya Tsererina, in Bonn als Turandot bewährt, löst ihre Aufgabe über die weite Strecke der Partie hervorragend. Ihr etwas tief grundierter Sopran, an ihre Anfänge im Mezzo-Fach erinnernd, verringert zwar die vokale Spannweite zu ihrer Mezzo-Rivalin, nämlich Laura, ein Stück. Doch ist ihre Interpretation der einfachen jungen Frau mit der großen Sehnsucht schlicht brillant. Suicidio, die sogenannte Gift-Arie im vierten Akt, geht wie ein Messerstich unter die Haut.

Ihre Leistung wird lediglich von Dshamilja Kaiser als eben dieser Laura übertroffen, wenn auch nur um Nuancen. Kaiser zeichnet das Psychogramm der noblen Frau zwischen flehentlicher Hingabe und todesnaher Verzweiflung mit all dem dramatischen Ausdruck, zu dem ihre Stimme fähig ist. Ihre Begegnung mit Enzo Grimaldo im zweiten Akt, eines der wenigen Duette dieser Oper, avanciert zu einem der Höhepunkte der Aufführung. George Oniani gibt den genuesischen Fürsten, der der Staatsräson folgend auf seine Jugendliebe zunächst verzichtet hat, mit gewohnt souveränem, leicht metallischem, meist zu stark forciertem Tenor. Seine Bravourarie Cielo e mar, technisch einwandfrei, kommt massiver daher als überhaupt nötig.
Die starke Vorstellung der Frauen in dieser Sängeroper wird durch Ceri Williams als La Cieca, Lauras blinde Mutter, noch verstärkt. Ihre samtene, äußerst flexible Altstimme gibt der Figur Format und Würde. Leonard Bernad als Alvise Badoero strahlt etwas von dem Diabolischen aus, das zur Rolle des hohen Staatsbeamten der Inquisition gehört. Sein Bass könnte aber das Abgefeimte dieses Charakters noch intensiver treffen. Der Bariton Ivan Krutikov gibt Barnaba, den Straßensänger und Spitzel der Staatsgewalt, mit Vehemenz und Eindringlichkeit. Unter den peripheren Rollen behaupten sich Di Yang als Zuane und Woongyi Lee als Isepo, beide Studenten im Rahmen der Kooperation mit der Kölner Musikhochschule, achtbar.
Der Beifall des Publikums prasselt über alle Beteiligten nieder mit ansteigender Intensität bei Kaiser und Helfricht, der sich sichtlich über sein gelungenes Dirigenten-Debüt freut. Die Art der Produktion erlaubt der Oper Bonn, fünf weitere Aufführungen bis in den Juni hinein anzusetzen. Es darf also weiter Schauder empfunden werden. Und genossen.
Ralf Siepmann