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Mit einer gewissen Spannung ist der neue Lohengrin am Theater Bonn erwartet worden. Schließlich engagiert Intendant Bernhard Helmich gleich vier Rollendebütanten und holt gleichzeitig für die Inszenierung Marco Arturo Marelli an den Rhein zurück, der schon unter der Intendanz von Jean Claude Riber Madama Butterfly und Falstaff auf die Bühne gebracht hat. Wer Marellis Arbeiten kennt, weiß, dass ihn keine modernen Regie-Exzesse erwarten werden, sondern ästhetische Einsichten in ein Werk.
Beim Lohengrin ist ihm das mit wunderbaren Lichtstimmungen und einer sehr guten Personenführung gelungen, während sich der Sinn des Einheitsbühnenbildes erst erschließen muss. Viele kleine, graue Platten liegen kreuz und quer übereinander, ein weißes, zentrales Quadrat versucht Ordnung in das Chaos zu bringen. Auf ihm steht Elsas Bett. Sie erträumt sich eine stabile Sicherheit in einer unruhigen Zeit, in der Kriege drohen und religiöse Konkurrenzsituationen stattfinden. Marelli belässt es bei diesem Hinweis und verzettelt sich nicht weiter in einer aktuellen Gesellschaftskritik. Daher sind Ingeborgh Bernherths Kostüme eher zeitlos und schlicht. Wenn sie sich bestimmte Stilmittel erlaubt, dann sind sie an der Vergangenheit orientiert. So marschiert im dritten Akt der Chor in Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Bühne. Elsas weißes Kleid und Lohengrins pastellblauer Anzug heben sich von der Masse ab und sind gleichzeitig den Farbspielen der Beleuchtung ausgeliefert. Dominante Farbe ist ein helles Blau, das in ein farbloses, hoffnungsloses Grau, aber auch ein bedrohliches Gewitter-Dunkelblau umschlagen kann. Telramund trägt militärisches Grün, Ortrud emanzipiert sich in einer Mischung aus Hosenanzug und Kleid, Violett und Rot trägt niemand außer ihr.
Während des Vorspiels lockt sie Gottfried, Elsas Bruder, zur Seite und verwandelt ihn in den Schwan. Man sieht ihn bei Lohengrins Ankunft noch einmal, allerdings erinnert sein Schwanenkostüm mehr an eine Zwangsjacke. Kein Platz für falsche Romantik. Lohengrin selbst rollt auf einer separaten Spielfläche aus dem Hintergrund herein. Dass seine kreisrunde Sphäre nicht zu Elsas Quadrat passt, bemerkt man sofort. Etwas unscharf bleibt die Bedeutung des Flügels, an dem Lohengrin sitzt. Weniger Ritter, mehr Künstler? „Erlösung der Welt durch Kunst, durch seine, Richard Wagners Kunst natürlich“, gibt Marelli Auskunft.
| Musik | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Gesang | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Regie | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Bühne | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Publikum | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
| Chat-Faktor | ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |
Anscheinend aber durch eine Kunst, die nicht hinterfragt werden darf. Denn die wegen angeblichen Brudermordes angeklagte Elsa darf ihren Retter und Ritter zwar heiraten, allerdings nicht fragen, wer er ist und woher er kommt. Eine Ehe, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Marelli gelingt es, diese Geschichte mit Sogkraft zu erzählen; er baut geschickt mythologische Anspielungen ein, ohne sie zu überfrachten, lässt dem Zuschauer auf diese Weise noch Platz für seine eigenen Gedanken. Sowohl den Chor weiß er zentral wie abseits zu führen, als auch in der intimen Szene des Brautgemachs die Spannung aufrecht zu erhalten. Wie gut Inszenierung und Musik zusammenarbeiten, zeigt sich unter anderen auch an den Vor- und Zwischenspielen sowie an den blitzsauber gespielten Trompetenfanfaren, die immer wieder an anderen Stellen auf der Bühne und im Auditorium positioniert werden.
Mit cineastischer Aussagekraft widmet sich das Beethoven-Orchester Bonn Wagners vielschichtiger Partitur. Generalmusikdirektor Dirk Kaftan lotet die Extreme der Partitur genau aus. Da sind die sensiblen, fast überirdischen Pianostellen, die sich mehr und mehr steigern, dann irgendwann wie in menschlicher Überheblichkeit aufblähen. Wenn es irgendwas an der musikalischen Leistung zu kritisieren gibt, dann an den äußersten Enden der Lautstärke. Im Piano fehlt dem Toneinsatz noch eine Quäntchen Präzision und einige wenige Forte könnten noch ein bisschen besser auf die Sänger abgestimmt sein. Das sei auch nur gesagt, um zu zeigen, in welcher Form sich Musiker und Dirigent ansonsten am Premierenabend präsentieren. Kaftan arbeitet mit dem Orchester viele kleine Details wie Licht- und Schattenseiten heraus, die das Zuhören noch spannender machen. Dabei verlieren die Musiker nie den großen Bogen aus den Augen und fesseln die Zuhörer mit einer packenden Wiedergabe.
So schlüssig und schön anzusehen die Inszenierung, so hoch die Leistung der Instrumentalisten einzuschätzen ist, umso überraschender und fulminanter ist die vokale Seite der Produktion. Selten hat man eine Lohengrin-Besetzung auf solch einem durchgängig homogenen Niveau gehört. Eine Besetzung, die Wagner ästhetisch-schön und gleichzeitig auch mit der nötigen Dramatik zu singen vermag, außerdem auch noch schauspielerisch keine Wünsche offenlässt. Helmichs Berufung von vier Rollendebütanten ist aufgegangen, bekommt man doch einen unvoreingenommenen Zugang zu den Rollen geboten. An erster Stelle muss da Mirko Roschkowski genannt werden, der mit seinem Debüt eine kleine Prophezeiung von Edda Moser erfüllt, die ihm am Anfang seiner Karriere sagte: Sie werden Lohengrin singen. Roschkowski erfüllt jede Phrase mit einem tenoralen Schmelz, der zu keiner Zeit ins Wanken kommt. Selten ist es geworden, einen Lohengrin ohne ein baritonales Fundament zu hören, sondern wirklich einen Tenor, der sich auch traut, wenn nötig autoritär zuzupacken. Roschkowskis weites Legato kommt den Phrasen des Schwanenritters zugute, die nicht nur schön klingen, sondern wirklich das Herz berühren können. Gleichzeitig beweist er auch Courage, wenn er sich traut, die erste Zeile der Gralserzählung im schönsten Piano vom Publikum abgewandt in die Ferne zu singen: In fernem Land, unnahbar euren Schritten, liegt eine Burg, die Monsalvat genannt. Das geht unter die Haut. Ohne Automatismus singend, aber zugleich sehr sicher vorbereitet, kann er der Partie neue Facetten abgewinnen.

Gleiches gilt auch für die in Bonn beliebte Gastsängerin Anna Princeva, die Roschkowski eine passend attraktive Bühnenpartnerin ist. Ihre Elsa ist perfekt ausbalanciert zwischen einer fast autistischen Träumerei und einer nach außen gerichteten Stimme, die das Publikum erreicht. Ihr Sopran klingt in allen Lagen gleichmäßig und sie führt ihn mit einer technischen Sicherheit, die ihr allerschönsten femininen Wohlklang, aber auch schärfenfreie Aufschreie erlauben. Dass lässt aber auch die Frage aufkommen, wie sie sich gleichzeitig auf der Bühne so natürlich und ungekünstelt bewegen kann. Eine großartige Gegenspielerin mit einer umwerfenden Bühnenpräsenz ist ihr Dshamilja Kaiser in der Rolle der Ortrud. Auch hier ist es kaum zu glauben, dass das ein Rollendebüt ist. Kaiser spielt keine kreischende femme fatale, sondern eine überzeugte Anhängerin eines heidnischen Glaubens, die mit bösartiger Ruhe ihre Pläne verfolgt. Die Mezzosopranistin behält sie auch bei den gefürchteten Einsätzen Entweihte Götter und Fahr heim du stolzer Helde, die sie mit dramatischer Attacke in den Raum schleudert.
Der vierte Debütant ist Hausbariton Ivan Krutikov als Heerrufer, der die Anordnungen des Königs mit einem markanten Material vorträgt, das keinen Widerspruch zulässt. Damit ist er der passende Angestellte für Pavel Kudinov, der als Heinrich der Vogler selbst über einen autoritären wie wohlklingenden Bass verfügt und auch die höchsten Töne der Partie nicht scheut. Tómas Tómasson hat den Telramund schon an der Mailänder Scala in prominenter Gesellschaft gesungen, hinterlässt aber hier fast einen besseren Eindruck. Sein kräftiger Bariton kommt mit der vertrackten Partie sehr gut zurecht. Allerdings neigt er darstellerisch wie vokal dazu, wie man neudeutsch sagt, „ein bisschen drüber“ zu sein.
Das letzte Kompliment muss den Chören gemacht werden. Marco Medved hat Chor und Extrachor des Theater Bonn vorbereitet, die sich so richtig austoben können und das aber sehr kultiviert. Völlig überraschend stehen dann noch im zweiten Akt Mitglieder des Kinder- und Jugendchores, einstudiert von Ekaterina Klewitz, als Edelknaben auf der Bühne, die für Elsa von Brabant den Weg zur Kirche frei machen. Mit 15 Wörtern, die sonst gerne mal untergehen, das Maximum erreicht. Bravo!
Was soll man auch sonst noch anderes sagen oder rufen nach einer Vorstellung wie dieser? Schon nach dem ersten Akt gibt es die ersten Bravorufe, die dann beim Schlussapplaus keine Grenzen mehr kennen. Sänger und Orchester werden mit Ovationen überschüttet, das Regieteam wird mit einbezogen. Noch bei der Premierenfeier sieht man Zuschauer, die versuchen, ihre Gänsehaut wieder zu beruhigen. Bonn hat mit diesem Lohengrin eigene Maßstäbe gesetzt.
Christoph Broermann