O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thilo Beu

Ästhetisch und dramatisch

LOHENGRIN
(Richard Wagner)

Besuch am
4. November 2018
(Premiere)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Mit einer gewissen Spannung ist der neue Lohengrin am Theater Bonn erwartet worden. Schließlich engagiert Intendant Bernhard Helmich gleich vier Rollen­de­bü­tanten und holt gleich­zeitig für die Insze­nierung Marco Arturo Marelli an den Rhein zurück, der schon unter der Intendanz von Jean Claude Riber Madama Butterfly und Falstaff auf die Bühne gebracht hat. Wer Marellis Arbeiten kennt, weiß, dass ihn keine modernen Regie-Exzesse erwarten werden, sondern ästhe­tische Einsichten in ein Werk.

Beim Lohengrin ist ihm das mit wunder­baren Licht­stim­mungen und einer sehr guten Perso­nen­führung gelungen, während sich der Sinn des Einheits­büh­nen­bildes erst erschließen muss. Viele kleine, graue Platten liegen kreuz und quer überein­ander, ein weißes, zentrales Quadrat versucht Ordnung in das Chaos zu bringen. Auf ihm steht Elsas Bett. Sie erträumt sich eine stabile Sicherheit in einer unruhigen Zeit, in der Kriege drohen und religiöse Konkur­renz­si­tua­tionen statt­finden. Marelli belässt es bei diesem Hinweis und verzettelt sich nicht weiter in einer aktuellen Gesell­schafts­kritik. Daher sind Ingeborgh Bernherths Kostüme eher zeitlos und schlicht. Wenn sie sich bestimmte Stilmittel erlaubt, dann sind sie an der Vergan­genheit orien­tiert. So marschiert im dritten Akt der Chor in Uniformen aus dem Zweiten Weltkrieg auf die Bühne. Elsas weißes Kleid und Lohen­grins pastell­blauer Anzug heben sich von der Masse ab und sind gleich­zeitig den Farbspielen der Beleuchtung ausge­liefert. Dominante Farbe ist ein helles Blau, das in ein farbloses, hoffnungs­loses Grau, aber auch ein bedroh­liches Gewitter-Dunkelblau umschlagen kann. Telramund trägt militä­ri­sches Grün, Ortrud emanzi­piert sich in einer Mischung aus Hosen­anzug und Kleid, Violett und Rot trägt niemand außer ihr.

Während des Vorspiels lockt sie Gottfried, Elsas Bruder, zur Seite und verwandelt ihn in den Schwan. Man sieht ihn bei Lohen­grins Ankunft noch einmal, aller­dings erinnert sein Schwa­nen­kostüm mehr an eine Zwangs­jacke. Kein Platz für falsche Romantik. Lohengrin selbst rollt auf einer separaten Spiel­fläche aus dem Hinter­grund herein. Dass seine kreis­runde Sphäre nicht zu Elsas Quadrat passt, bemerkt man sofort. Etwas unscharf bleibt die Bedeutung des Flügels, an dem Lohengrin sitzt. Weniger Ritter, mehr Künstler? „Erlösung der Welt durch Kunst, durch seine, Richard Wagners Kunst natürlich“, gibt Marelli Auskunft.

POINTS OF HONOR

Musik



Gesang



Regie



Bühne



Publikum



Chat-Faktor



Anscheinend aber durch eine Kunst, die nicht hinter­fragt werden darf. Denn die wegen angeb­lichen Bruder­mordes angeklagte Elsa darf ihren Retter und Ritter zwar heiraten, aller­dings nicht fragen, wer er ist und woher er kommt. Eine Ehe, die von vornherein zum Scheitern verur­teilt ist. Marelli gelingt es, diese Geschichte mit Sogkraft zu erzählen; er baut geschickt mytho­lo­gische Anspie­lungen ein, ohne sie zu überfrachten, lässt dem Zuschauer auf diese Weise noch Platz für seine eigenen Gedanken. Sowohl den Chor weiß er zentral wie abseits zu führen, als auch in der intimen Szene des Braut­ge­machs die Spannung aufrecht zu erhalten. Wie gut Insze­nierung und Musik zusam­men­ar­beiten, zeigt sich unter anderen auch an den Vor- und Zwischen­spielen sowie an den blitz­sauber gespielten Trompe­ten­fan­faren, die immer wieder an anderen Stellen auf der Bühne und im Auditorium positio­niert werden.

Mit cineas­ti­scher Aussa­ge­kraft widmet sich das Beethoven-Orchester Bonn Wagners vielschich­tiger Partitur. General­mu­sik­di­rektor Dirk Kaftan lotet die Extreme der Partitur genau aus. Da sind die sensiblen, fast überir­di­schen Pianostellen, die sich mehr und mehr steigern, dann irgendwann wie in mensch­licher Überheb­lichkeit aufblähen. Wenn es irgendwas an der musika­li­schen Leistung zu kriti­sieren gibt, dann an den äußersten Enden der Lautstärke. Im Piano fehlt dem Toneinsatz noch eine Quäntchen Präzision und einige wenige Forte könnten noch ein bisschen besser auf die Sänger abgestimmt sein. Das sei auch nur gesagt, um zu zeigen, in welcher Form sich Musiker und Dirigent ansonsten am Premie­ren­abend präsen­tieren. Kaftan arbeitet mit dem Orchester viele kleine Details wie Licht- und Schat­ten­seiten heraus, die das Zuhören noch spannender machen. Dabei verlieren die Musiker nie den großen Bogen aus den Augen und fesseln die Zuhörer mit einer packenden Wiedergabe.

So schlüssig und schön anzusehen die Insze­nierung, so hoch die Leistung der Instru­men­ta­listen einzu­schätzen ist, umso überra­schender und fulmi­nanter ist die vokale Seite der Produktion. Selten hat man eine Lohengrin-Besetzung auf solch einem durch­gängig homogenen Niveau gehört. Eine Besetzung, die Wagner ästhe­tisch-schön und gleich­zeitig auch mit der nötigen Dramatik zu singen vermag, außerdem auch noch schau­spie­le­risch keine Wünsche offen­lässt. Helmichs Berufung von vier Rollen­de­bü­tanten ist aufge­gangen, bekommt man doch einen unvor­ein­ge­nom­menen Zugang zu den Rollen geboten. An erster Stelle muss da Mirko Rosch­kowski genannt werden, der mit seinem Debüt eine kleine Prophe­zeiung von Edda Moser erfüllt, die ihm am Anfang seiner Karriere sagte: Sie werden Lohengrin singen. Rosch­kowski erfüllt jede Phrase mit einem tenoralen Schmelz, der zu keiner Zeit ins Wanken kommt. Selten ist es geworden, einen Lohengrin ohne ein barito­nales Fundament zu hören, sondern wirklich einen Tenor, der sich auch traut, wenn nötig autoritär zuzupacken. Rosch­kowskis weites Legato kommt den Phrasen des Schwa­nen­ritters zugute, die nicht nur schön klingen, sondern wirklich das Herz berühren können. Gleich­zeitig beweist er auch Courage, wenn er sich traut, die erste Zeile der Grals­er­zählung im schönsten Piano vom Publikum abgewandt in die Ferne zu singen: In fernem Land, unnahbar euren Schritten, liegt eine Burg, die Monsalvat genannt. Das geht unter die Haut. Ohne Automa­tismus singend, aber zugleich sehr sicher vorbe­reitet, kann er der Partie neue Facetten abgewinnen.

Foto © Thilo Beu

Gleiches gilt auch für die in Bonn beliebte Gastsän­gerin Anna Princeva, die Rosch­kowski eine  passend attraktive Bühnen­part­nerin ist. Ihre Elsa ist perfekt ausba­lan­ciert zwischen einer fast autis­ti­schen Träumerei und einer nach außen gerich­teten Stimme, die das Publikum erreicht. Ihr Sopran klingt in allen Lagen gleich­mäßig und sie führt ihn mit einer techni­schen Sicherheit, die ihr aller­schönsten femininen Wohlklang, aber auch schär­fen­freie Aufschreie erlauben. Dass lässt aber auch die Frage aufkommen, wie sie sich gleich­zeitig auf der Bühne  so natürlich und ungekünstelt bewegen kann. Eine großartige Gegen­spie­lerin mit einer umwer­fenden Bühnen­präsenz ist ihr Dshamilja Kaiser in der Rolle der Ortrud. Auch hier ist es kaum zu glauben, dass das ein Rollen­debüt ist. Kaiser spielt keine kreischende femme fatale, sondern eine überzeugte Anhän­gerin eines heidni­schen Glaubens, die mit bösar­tiger Ruhe ihre Pläne verfolgt. Die Mezzo­so­pra­nistin behält sie auch bei den gefürch­teten Einsätzen Entweihte Götter und Fahr heim du stolzer Helde, die sie mit drama­ti­scher Attacke in den Raum schleudert.

Der vierte Debütant ist Hausba­riton Ivan Krutikov als Heerrufer, der die Anord­nungen des Königs mit einem markanten Material vorträgt, das keinen Wider­spruch zulässt. Damit ist er der passende Angestellte für Pavel Kudinov, der als Heinrich der Vogler selbst über einen autori­tären wie wohlklin­genden Bass verfügt und auch die höchsten Töne der Partie nicht scheut. Tómas Tómasson hat den Telramund schon an der Mailänder Scala in promi­nenter Gesell­schaft gesungen, hinter­lässt aber hier fast einen besseren Eindruck. Sein kräftiger Bariton kommt mit der vertrackten Partie sehr gut zurecht. Aller­dings neigt er darstel­le­risch wie vokal dazu, wie man neudeutsch sagt, „ein bisschen drüber“ zu sein.

Das letzte Kompliment muss den Chören gemacht werden. Marco Medved hat Chor und Extrachor des Theater Bonn vorbe­reitet, die sich so richtig austoben können und das aber sehr kulti­viert. Völlig überra­schend stehen dann noch im zweiten Akt Mitglieder des Kinder- und Jugend­chores, einstu­diert von Ekaterina Klewitz, als Edelknaben auf der Bühne, die für Elsa von Brabant den Weg zur Kirche frei machen. Mit 15 Wörtern, die sonst gerne mal unter­gehen, das Maximum erreicht. Bravo!

Was soll man auch sonst noch anderes sagen oder rufen nach einer Vorstellung wie dieser? Schon nach dem ersten Akt gibt es die ersten Bravorufe, die dann beim Schluss­ap­plaus keine Grenzen mehr kennen. Sänger und Orchester werden mit Ovationen überschüttet, das Regieteam wird mit einbe­zogen. Noch bei der Premie­ren­feier sieht man Zuschauer, die versuchen, ihre Gänsehaut wieder zu beruhigen. Bonn hat mit diesem Lohengrin eigene Maßstäbe gesetzt.

Christoph Broermann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: