O-Ton im Abonnement ist mehr!

Ein O-Ton Abo ist unsere Einladung an Sie, uns auf unseren Abenteuer- und Entdeckungsreisen durch die reiche Kulturlandschaft Deutschlands zu begleiten und stets aufs Neue zu entdecken.

Als ich den Artikel gelesen habe,
war es, als wäre ich dabei gewesen.

Mit unseren Originalberichten und exklusivem Bildmaterial von Aufführungen in Theater, Musiktheater, Konzert, Ballett und Tanz in all ihren Schattierungen, informieren wir Sie ideologiefrei und kritisch, aber fair. Mit Hintergrundberichten, Hörbeiträgen, Kommentaren, aktuellen Nachrichten und vielem mehr arbeiten wir Tag für Tag daran, bei unseren Besuchern die Lust darauf zu wecken, sich auf diesen kulturellen Reichtum einzulassen.

O-Ton 

3-Monats-Abo

  • +3 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 16,-
 €

für jeweils 3 Monate

Unsere Top-Empfehlung!

O-Ton 

Jahres-Abo

  • +7 Tage gratis testen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 48,-

pro Jahr

O-Ton 

6-Wochen-Abo

  • sofort loslesen
  • keine Werbeanzeigen
  • jederzeit kündbar
  • Benachrichtigung bei neuen Inhalten
nur 9,-

für jeweils 6 Wochen

O-Ton 

Jahres-Mitgliedschaft

  • keine automatische Verlängerung
  • keine Werbeanzeigen
  • Zugang verfällt nach Ablauf
nur 48,-

für ein Jahr

Foto © Thilo Beu

Galanter Schein

DIE LUSTIGE WITWE
(Franz Lehár)

Besuch am
23. April 2023
(Premiere)

 

Theater Bonn, Opernhaus

Bonn und Wien wissen sich in vielfäl­tigen Gemein­sam­keiten einig. Wien ist, Bonn war Haupt­stadt der jewei­ligen Republik. Beide liegen an bedeu­tenden Strömen. Rhein und Donau prägen die Fluss­land­schaften Europas. Beide sind zentrale Wirkungs­stätten im Leben von Ludwig van Beethoven. Nun ist der Wiener Christoph Wagner-Trenkwitz, TV-Kommen­tator des Wiener Opern­balls, auch auf der Bühne der Bonner Oper präsent. Als Njegus in der Neupro­duktion der Operette Die lustige Witwe und am 6. Mai als Moderator der Bonner Operngala zugunsten der Aids-Stiftung.

So viel Kultur Öster­reichs war schon lange nicht mehr am Rhein. Mit Franz Lehárs Dreiakter stellt Aron Stiehl nun nach Le nozze di Figaro, Die Fledermaus und Iwein Löwen­ritter bereits seine vierte Insze­nierung auf der Bühne des Theaters am Boese­la­gerhof vor. Sie bleibt, um es vorweg­zu­nehmen, in der galanten Spur seiner Vorlage, verzichtet auf jegliche Regie­ex­pe­ri­mente und bietet, wie auch am brausenden Jubel des Publikums für alle Mitwir­kenden abzulesen ist, köstliche Unter­haltung. Die Operette, dieser Kunst gewordene Schein des Schönen, versöhnt mit vielem, vielleicht auch manche mit den Leiden, die das „Regie­theater“ in der Oper dem großen Bruder der Operette regel­mäßig zufügt.

Stiehl und seine Galions­figur für einge­streute Pausen, Wagner-Trenkwitz, erweisen gleichsam im Nachhinein dem Operet­ten­pu­blikum nördlich der Alpen Dankbarkeit. Lehárs Kompo­sition ist zwar 1905, im Jahr der Urauf­führung der Salome von Richard Strauss, am Theater an der Wien heraus­ge­kommen. Die spätere Anerkennung geht jedoch gerade nicht von Wien aus, sondern von Berlin und Hamburg, ehe sie in der Eile, in der Valen­cienne in der Bonner Aufführung ihren Fächer verschwinden lässt, zu dem Welterfolg wird, der bis heute anhält.

Nichts ist wirklich von Belang, ernsthaft ist nur der schöne Schein in dieser Komödie auf ein Libretto von Victor Léon und Leo Stein nach dem Lustspiel L’attaché d’ambassade Henri Meilhacs um die umschwärmte ponte­ve­dri­nische Witwe Hanna Glawari und ihre Millionen. Baron Mirko Zeta, Gesandter Ponte­ve­drinos in Paris, möchte sie unter allen Umständen für sein Land, diesen fiktiven Klein­staat, erhalten. 2002 verlegt Johanna Garpe am Bonner Haus das Spektakel in die Schalt­zen­trale der EU in Brüssel, damals eine treff­liche Anspielung auf die Osterwei­terung der Europäi­schen Union. Stiehl lässt seine in Kopro­duktion mit dem Saarlän­di­schen Staats­theater entstandene Insze­nierung an den vorge­ge­benen Schau­plätzen im Paris des Jahres 1906 im Milieu einer vergnü­gungs­süch­tigen Gesell­schaft spielen, die ihre immanente Frivo­lität auskostet und dabei die Attitüde einer zumindest morali­schen Fassade zu wahren sucht.

Ich bin eine anständige Frau, beharrt die blendend aufge­legte Sopra­nistin Marie Heeschen in der Rolle der liebes­hung­rigen Valen­cienne auf ihren Ruf, obwohl sie mit dem jungen Galan Camille de Rosillon schon ziemlich intim ist und dabei fast von ihrem Mann, Baron Zeta, entdeckt wird. Für diese Szene hat die Bühnen­bild­nerin Nicola Reichert eine witzige Spielart des in der Vorlage verlangten Pavillons bauen lassen, vor dem der erzürnte Ehemann vergeblich auf Einlass drängt. Ein Momentum, das das in der Form des Konflikts vergleichbare Motiv des Grafen im zweiten Aufzug von Mozarts Le nozze di Figaro aufnimmt.

Foto © Thilo Beu

Auch die Gestaltung der weiteren Szenerie – der Salon im ponte­ve­dri­ni­schen Gesandt­schafts­palais sowie das Schloss der Glawari – schwelgt wie die opulenten Kostüme von Franziska Jacobsen in der Adaption einer Epoche, in der Vaude­ville-Weisen, Can-Can und Walzer den Ton angeben. In der Grisetten, später die petites femmes in den Clubs der Aristo­kraten, mit ihren erotisch konno­tierten Tänzen die Klassen­un­ter­schiede zu verwi­schen suchen. Da geh’ ich zu Maxim, kündigt Graf Danilo in einer der vielen populären Nummern der Partitur Lehárs an. Doch der Lebemann und Lebens­künstler Danilo geht eben nicht nur in das 1893 von einem gewissen Maxime Gaillard gegründete Etablis­sement. Er entzieht sich auch samt obligatem Smoking, Schal und Zylinder den Zwängen des Alltäg­lichen. Die Galan­terie des schönen Scheins erreicht ihren Höhepunkt.

Mit vielerlei Einfällen ist die Insze­nierung gespickt. Wagner-Trenkwitz, auch in Stiehls Bonner Fledermaus im Frühjahr 2020 als Frosch mit von der Partie, punktet mit routi­niertem Witz und allerlei Anspie­lungen zum Bonner Stadt­ge­schehen, etwa dem Bonn-Marathon vom gleichen Tag.  Über den Ausgang des Geschehens, ob positiv oder negativ, glücklich oder traurig, lässt er das Publikum in der Pause per Hammel­sprung abstimmen. Ein Gag, der am Ort der Bonner Republik sehr gut ankommt. Wagner-Trenkwitz nimmt seine Rolle als Kanzlist der Gesandt­schaft bis auf die Unterhose ernst, in der er dann am Ende auch steht.

Beim ponte­ve­dri­ni­schen Empfang wird der Reprä­sentant der Kirche im Rollstuhl von einer Nonne gefahren, bis die den Spieß umdreht und der Bischof die Schwester unter dem Gejohle des Publikums aus der Szene rollt, um sich schluss­endlich mit einem kecken Tänzchen zu verab­schieden. Großes Kino ist die Schluss­szene, in der Hanna und Danilo Hand in Hand in den milden Abend­himmel schreiten, wozu Jorge Delga­dillo ein stimmiges Licht beisteuert.

Der schwe­dische Kritiker Jörn Palm spricht unter dem Eindruck einer frühen Aufführung der Lustigen Witwe von einer „Flutwelle sprühender, wunder­voller Melodien“. Diese „Flutwelle“, auf der die von Lehár gewünschten „wirklichen Menschen“ agieren, brandet aus dem Bonner Graben mit Vehemenz und melodiösem Überschwang. Unter der musika­li­schen Leitung von Hermes Helfricht spielt sich das Beethoven-Orchester Bonn in eine vorzüg­liche Tagesform. Der Chor, einstu­diert von Marco Medved, steht ihm dabei nicht nach. Die tänze­rische Perfor­mance der Grisetten ist famos. Hingegen ist die Slap-stick-Choreo­grafie, die Sabine Arthold den Statisten und den Choristen zuweist, nur zeitlich begrenzt ein Spaß. Auf die Dauer nutzt sich der Effekt recht schnell ab.

Verlangt Lehár von seinen Sängern das Gegenteil von „aufge­zo­genen Puppen“, so werden die Akteure der neuen Bonner Lustigen Witwe dieser Anfor­derung mehr als gerecht. Im Prinzip ist eine vorzüg­liche Ensem­ble­leistung zu erleben, bis in die zahlreichen kleineren Rollen. Nur ist der einzige Gast in einer der zentralen Partien, die Sopra­nistin Barbara Senator in der Titel­rolle, keine Ideal­be­setzung. Sie schwebt auf einer Schaukel postiert aus dem Bühnen­himmel hernieder. Doch verspricht das Lorbeeren, bevor das Eigent­liche beginnt.

Gewiss, Senators Technik ist ausge­reift, das Vilja-Lied adelt sie durch einen Stil vornehmer Zurück­haltung. So avanciert es zu einem Bekenntnis zur Heimat. Doch fehlt es der Sängerin an der emotio­nalen Ausstrahlung, tanzt bei jedem Walzer­schritt, wie die Glawari bekundet, die Seele eben nicht mit. Zudem tut ihr die Regie keinen Gefallen damit, sie in die größeren Tanzszenen voll einzu­binden. So wird der Abstand zu der tänze­risch formi­dablen Valen­cienne Heeschens mehr als deutlich, die auch gesanglich überzeugt.

Die Herren­riege beein­druckt mit spiele­ri­scher Agilität und vokalem Format, wobei Santiago Sánchez als Camille mit seinem an Strauss- und Belcanto-Partien geschlif­fenen Organ und seinem frischen Timbre heraus­sticht. Der junge, aus Uruguay stammende Tenor, seit der Spielzeit 202021 im Bonner Ensemble, noch gut in der Titel­partie in Verdis Don Carlo in Erinnerung, ist die positive Karte im Ensembleset. Sein Duett mit Valen­cienne im zweiten Akt ist große Operet­ten­kunst. Johannes Mertes gibt einen passablen Danilo, der barito­nalen Wohlklang und gute Laune versprüht. Im Duett Lippen schweigen‚ s flüstern Geigen: Hab mich lieb! mit Senator werden wehmütige Erinne­rungen an die Bühnen­stars in der Rolle des Grafen über die Jahrzehnte wach. Martin Tzonev verleiht Baron Zeta lässigen Charme. Die Figur hat das Zeug, seine Parade­rolle zu werden.

Wahrscheinlich leistet die Neuin­sze­nierung von Lehárs Meisterwerk einiges für die Festigung der ohnehin konstruk­tiven Bezie­hungen zwischen Wien und Bonn. Nur müsste sich das auch in der Metropole Öster­reichs herum­sprechen. Wie wäre es mit einer Einladung der Stiehl-Insze­nierung nach Wien, etwa in die Volksoper?

Ralf Siepmann

Teilen Sie O-Ton mit anderen: